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Chef ist unschuldig am 13-Meter-Sturz seiner Mitarbeiterin

Wann hat ein Vorgesetzter seine Sorgfaltspflicht vernachlässigt? Darüber musste gestern das Zürcher Obergericht befinden.

Von Heinz Zürcher Dietlikon/Zürich – Wie sehr der Unfall das Opfer wie auch ihren ehemaligen Chef noch immer belastet, war gestern unschwer zu erkennen. Während der 62-jährige Angeklagte schluchzend das tragische Ereignis schilderte, schloss die Geschädigte die Augen und drückte sich die Faust gegen die Brust. «Ich habe Schmerzen, den ganzen Tag», antwortete sie auf die Frage des Richters, wie es ihr gehe. Und nebst zwei physiotherapeutischen Sitzungen die Woche lernt sie, ihr Trauma zu verarbeiten. Es ist ein Montagmorgen im Februar 2007, der das Leben der damals 24-jährigen Schweizerin auf einen Schlag verändert. Damit betraut, die Boutique eines Dietliker Möbelfachgeschäfts zu gestalten, sucht sie nach einem Gegenstand, um einen Teil der Dekoration zu befestigen. Ihr Chef rät ihr, im zweiten Obergeschoss im Lager nachzusehen. Dort würde sie Backsteine finden. Da die Steine vom Ort, wo sie der Vorgesetzte zuletzt gesehen hatte, verschwunden sind, suchen die beiden gemeinsam das Lager ab. Dabei blickt die Angestellte in eine meterhohe Maueröffnung. Unwissend, dass sich dahinter ein Leitungsschacht befindet, betritt sie den engen, dunklen Raum. Die Brandschutzplatte, die den Schacht bedeckt, lässt sofort nach. Unter Tränen beschrieb gestern ihr Vorgesetzter, wie er das Unglück mitbekam: «Ich habe nur noch einen Schrei gehört – ich hatte keine Ahnung, wo sie zu finden war.» Mithilfe eines Lageristen findet er seine Mitarbeiterin schwer verletzt im Keller des Gebäudes. 13 Meter tief ist sie kopfvoran den Schacht hinuntergestürzt. Dass sie überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Wahrscheinlich haben die Brandschutzplatten in den Zwischenetagen den Fall leicht abgebremst. Die Frau, die nebst einem Schädel-Hirn-Trauma und Hirnblutungen diverse Frakturen erleidet, muss sich mehreren Operationen unterziehen. Im Februar 2010 bestellt die Staatsanwaltschaft vier Angeklagte ans Bezirksgericht Bülach. Während das Gericht den Vertreter der Bauherrschaft und den Geschäftsführer der Liegenschaftsverwalterin freispricht, verurteilt es den Architekten sowie den Geschäftsführer des Möbelfachgeschäfts. Letzterer wehrt sich jedoch gegen die bedingt ausgesprochene Geldstrafe und Busse in der Höhe von 7000 respektive 1000 Franken. Berufung legt aber auch der Vertreter der Geschädigten ein. Er verlangt, dass noch während des Strafverfahrens eine 100-prozentige Haftungsquote zulasten der beiden verurteilten Angeklagten festgelegt wird. Und nicht erst während des zivilrechtlichen Verfahrens, wenn auch die Höhe von Schadenersatz und Genugtuung bestimmt wird. Angenommen, während des zivilrechtlichen Verfahrens ergäbe sich eine Haftungsquote von 80 Prozent, würde dies bedeuten, dass die Geschädigte eine Mitschuld tragen müsste. «Aufwand nicht zumutbar» Ihr ehemaliger Vorgesetzter und dessen Verteidiger vertraten die Ansicht, dass weder sie noch ihn eine Schuld am Unfall treffe. Dass es so weit kommen musste, sei der Unachtsamkeit des Bauunternehmens zuzuschreiben. Weder der Architekt noch die mit der Abnahme betraute Personen von der Feuerpolizei und der Gemeinde hätten ihn darauf hingewiesen, welche Gefahr sich hinter der Maueröffnung befinden würde. So sah es auch das Gericht, welches den Angeklagten in zweiter Instanz freisprach und für die Klärung der Haftungsquote auf den zivilrechtlichen Weg verwies. «Wenn ein Bau zur Benutzung freigegeben wird, darf davon ausgegangen werden, dass keine Gefahren mehr lauern», sagte der Richter. Ansonsten müsse der Arbeitgeber ja jedes Gebäude selbst untersuchen. «Dieser Aufwand wäre nicht zumutbar, zumal der Arbeitgeber in den seltensten Fällen über die notwendigen Fachkenntnisse verfügt.»

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