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Bühne frei für Sarkozy

Frankreichs Präsident nutzt den G-8-Gipfel für einen grossen Auftritt. Niemand stellt ihn nach Strauss-Kahns Sturz mehr in den Schatten.

Von Oliver Meiler, Deauville So viel Glück auf einmal, berufliches und privates. Nicolas Sarkozy muss es in diesen Tagen vorkommen, als füge sich alles wundersam zusammen. Als Frankreichs Präsident gestern im vom Winde verwehten Deauville an der Küste der Normandie seine Gäste aus den anderen grössten Industriestaaten und aus Russland empfing, den G-8-Ländern also, einen um den anderen in einem langen Reigen schöner Begrüssungen, da strahlte er das Glück aus. Seit dem Sturz von Landsmann Dominique Strauss-Kahn, der ihm als Chef des Internationalen Währungsfonds und als Rivale um die Präsidentschaft in Deauville etwas die Show hätte stehlen können (und wollen), war die Bühne aus französischer Sicht ganz frei für eine Schau von Gastgeber Sarkozy und seiner schwangeren Frau Carla Bruni. Ein Kontrast zu Strauss-Kahn «Sarkozy capitalise», titelte die linke «Libération» gestern auf der Frontseite, «Sarkozy sahnt ab». Und er braucht dafür nicht einmal zu triumphieren, im Gegenteil: Zurückhaltung dünkt ihn die bessere Strategie. Öffentlich hat er sich bisher noch nicht geäussert zu der Affäre in Suite 2806 des New Yorker Sofitel, die das Land erschüttert. Insider aber sagen: Sein Schweigen sollte nicht über die Genugtuung des Präsidenten hinwegtäuschen. Sarkozy hatte DSK als Gegner deshalb gefürchtet, weil sich dieser in den letzten Jahren eine stattliche internationale Aura erarbeitet hatte und den Franzosen als würdiger höchster Vertreter der Republik erschien. Nun sind Würde, Aura und Karriere des Kontrahenten implodiert. Im Vergleich zum Image und zum Lebenswandel des gefallenen Sozialisten mutet der Habitus von Sarkozy, dem man bisher einen Hang zu Reichtum und Glamour vorwarf, plötzlich bescheiden und brav an: Im Elysée dient offenbar der Sex vor allem der Fortpflanzung. Und wenn der Schein trügen sollte, dann soll er wenigstens gewahrt bleiben. Politisch wichtiger als die «mönchshafte Pose» des Präsidenten, wie sie Satiriker schon nannten, scheint aber, dass Sarkozy die internationale Bühne im Hinblick auf die Wahlen 2012 nun ganz allein bespielen kann. Von den linken Gegnern, die für eine Spitzenkandidatur infrage kommen, ist international keine und keiner auch nur annähernd so prominent, wie es Strauss-Kahn war: François Hollande, der Favorit in den Umfragen, war noch nie Minister; und die sozialistische Ex-Arbeitsministerin Martine Aubry, Bürgermeisterin von Lille, ist im Ausland allenfalls als Tochter von Jacques Delors, dem früheren Präsidenten der EU-Kommission, bekannt. Hauptsache schöne Fotos Der G-8-Gipfel von Deauville hat zwar höchstens informelle Bedeutung, doch für Sarkozy zählen Symbole: «Machen wir uns nichts vor», erklärte einer seiner Berater der «Libération», «der politische Wert des Gipfels ist recht schwach – wichtig sind nur die Bilder.» Die Fotos von Sarkozy mit Obama, Merkel, Medwedew etc. Und die Fotos der schwangeren Carla Bruni mit den angereisten Gattinnen der Präsidenten und Premiers. Sarkozy liebt diese Rolle als Gast- und Taktgeber der Weltmächte so sehr, dass er in diesem Jahr unbedingt zwei Gipfel veranstalten will: den G-8 jetzt in Deauville und den G-20 im November in Cannes. Barack Obama hätte beinahe abgesagt für Deauville, weil er der Meinung war, ein G-20-Gipfel reiche aus. Ausserdem, so schreiben die US-Zeitungen, soll es ihm unangenehm sein, dem geltungsbedachten Franzosen die Weltbühne zweimal zu überlassen. Im Libyen-Dossier versucht Sarkozy, das Tempo der Militäraktion zu forcieren. In der Nuklearfrage kontert er die wachsende Schar der Skeptiker der Atomkraft. Und bei der Bestellung der neuen IWF-Spitze gelang es ihm, seine Kandidatin, die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, in eine aussichtsreiche Position zu rücken.Die Frage ist nur, ob ihm diese internationale Hauptrolle, sein baldiges Vaterglück und das Ausscheiden seines wichtigsten Konkurrenten innenpolitisch auch tatsächlich nützen werden – und seine Chancen auf eine Wiederwahl steigen. Analysten zweifeln an einem Trendwechsel. Sarkozys Popularitätswerte sind auch in den jüngsten Erhebungen schwach. Gestiegen sind hingegen die Werte für Hollande und Aubry. Es sind Prozentpunkte, die sie aus dem Nachlass von DSK geerbt haben. Beide würden Sarkozy schlagen, wenn heute gewählt würde. Auch ohne schöne Fotos. Das Dossier zum G-8-Gipfelwww.g8.tagesanzeiger.ch

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