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Biel ist die Elfenbeinküste

Teddy Buser

In den Regio Zügen kann man das Velo unangemeldet mitnehmen. Die Wagen, wo du es aufhängen kannst, sind mit einer grossen Fahrradzeichnung markiert. Der Kollege aus Solothurn, der mit mir am Bielersee entlang fahren will, sitzt schon im Zug und liest «20 Minuten». Ob Pelli als Bundesrat kandidiere, wisse man immer noch nicht, sagt er, aber die Solothurner Freisinnigen seien jetzt auch blau. Nach der Ankunft in Biel zuerst die obligate halbe Stunde im Odeon, wo man schon vor vierzig Jahren seinen Café crème trank. Es hat sich kein bisschen verändert, nur Piccolo, der kleine, flinke Kellner, der das Herausgeld in der Jackentasche seiner Kellnerbluse abzählen konnte, wurde längst ersetzt. Noch immer derselbe bordeauxrote Plüsch und die kleinen Bistrotischchen auf der Strasse, hinter die man sich in die bequemen Korbstühle setzt. Allerdings – sowohl Plüsch wie auch die Stühle sind älter geworden, das Geflecht an den Armlehnen löst sich langsam auf. Was solls: «A l’Odeon, tout est bon.» Man sitzt am «Stängeli» unter der Marquise und schaut den Leuten zu, die vorbei schlendern, rennen, huschen. Sie sind nicht mehr die gleichen, wie vor vierzig Jahren. Die Kleidung ist bunter, nachlässiger, vielfältiger, billiger geworden. Und es hat viele Schwarze – Männer, Frauen, kleine Mädchen mit lustigen Zöpfchen. Es ist fast wie an der Elfenbeinküste. Biel ist international, ist die Elfenbeinküste mit vielen schwarzen Menschen und weissen Touristen. Ferienstimmung herrscht. Mein Solothurner Freund trinkt wie immer seinen Espresso mit Assugrin und einem Glas Wasser und isst ein Gipfeli, das er sich in der Konditorei neben dem Odeon geholt hat. Das seien die besten, sagt er, man spüre den Anken. Später fahren wir zum Strandboden, vorbei am ausgehöhlten Beau Rivage, an den noblen Bielersee Fischrestaurants, bald auf dem schmalen Weglein zwischen See und Rebbergen. Es gibt nirgends eine schönere Landschaft. Wir fahren an Twann vorbei, kommen nach Ligerz. Hier wohnt seit vielen Jahren das Grenchner Ehepaar Therese und Hansueli Wirth direkt am See. Ob es Freude hätte an einem spontanen Besuch? Etwa so wie jener Bettlacher, der vor Jahren ins australische Brisbane ausgewandert ist: «Ständig kommen irgendwelche fremden Leute aus der Schweiz vorbei. Letzthin zwei junge Männer mit riesigen Rucksäcken, richten einen Gruss aus von Housi, einem gemeinsamen Bekannten, der ihnen die Adresse gegeben habe, und ob sie hier ein paar Mal übernachten könnten. Als ob wir ein Hotel wären.» Weiter geht die Fahrt. Mein Begleiter aus Solothurn will ein Fischlein essen. Sein erklärtes Ziel ist das Jean-Jacques Rousseau in La Neuveville, das Ernst Thomkes Sohn führt. Ob er sein Gesicht eingeschmiert habe, frage ich meinen Begleiter, das sei wichtig bei diesem Sonnenschein. Bei seinen 61 Jahren spiele das keine Rolle mehr, meint er, da könne ein allfälliger Hautkrebs das Leben nur unmerklich verkürzen. Hier ist sie wieder, die Frage, ab welchem Alter sich eine Behandlung noch lohnt. Bei jenem alten Mann, von dem ich das letzte Mal schrieb, entdeckte man einen Tumor auf einer Niere, als er 86-jährig war. Er stand vor der Alternative Tumor samt der einen Niere raus – oder hoffen, dass der Tumor nicht ausbricht. Tumore wachsen ja schliesslich auch nicht mehr so rasch, wenn man alt ist. Man diskutierte laut, was gescheiter wäre, und dachte leise, ob eine Operation in diesem Alter noch rentiere. Der alte Mann entschied sich für die Operation und ist jetzt 95. Neun Jahre hat er sie schon überlebt. Ob es sich gelohnt, ausbezahlt oder gar rentiert hat, das kann nur er beurteilen. Das Jean-Jacques Rousseau erreichten wir nicht. Wir machten vorher in einem kleinen Picknick-Beizchen am See Halt. Ich bestelle zweimal Egli frites, aber der Solothurner will jetzt plötzlich keine Fischchen mehr, sondern eine Bratwurst. So sind sie, die Solothurner. Sischimmeresogsi! Teddy Buser ist ehemaliger Vorsteher des Kantonalen Amtes für Volksschule und Kindergarten. >

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