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Bei Marivaux geht der Ehe die Gefühlsprüfung voraus Watzdameyer und zwei dreibeinige Robert Walsers Eine musikalische Pilgerfahrt auf dem Jakobsweg

Kurz & kritisch Theater Theater Winterthur – «Drum prüfe, wer sich ewig bindet.» Schillers Zeile aus der «Glocke» ist Jahrzehnte vor ihrer Entstehung in Marivaux’ «Spiel von Liebe und Zufall» zum Komödienstoff geworden. Geprüft werden bei Marivaux die Herzen von Silvia und Dorante, die von ihren Vätern füreinander bestimmt sind und unabhängig voneinander auf die Idee kommen, sich als ihre Bediensteten zu verkleiden und den zukünftigen Ehepartner in seinen Absichten zu testen. Geprüft werden auch Lisette und Arlequin, die in die Rollen ihrer Herrschaften schlüpfen und schon bald in heftige Liebe zueinander verfallen. «Le jeu de l’amour et du hasard» kam als Gastspiel des Théâtre de Carouge aus Genf nach Winterthur (und kommt in zwei Wochen nach Zürich). Gespielt wird in historischen Kostümen und auf einer stark ansteigenden Bühne, deren Funktionalität überzeugt: Die zahlreichen in die Spielfläche eingelassenen Türen ermöglichen überraschende Auftritte. Mit den aus der Bühnentiefe hochfahrenden Matratzen werden die Luken zu Schlafstätten (Bühne: Philippe Miesch). Das sechsköpfige Ensemble gerät nie in Schieflage. In der Regie von Jean Liermier gestalten die Schauspieler ihre Rollen mit grosser Sicherheit und überdeutlichen Gesten und Haltungen. Alexandra Tiedemanns anfangs heiratsunlustige Silvia klammert sich an ihren Teddy – Joan Momparts Dorante versucht sich nach seinem Rollenwechsel im Bettenmachen, Dominique Gubsers Lisette hadert mit dem Reifrock ihrer Herrin, und François Nadins Arlequin fliegt bei einer ungeschickt ausgeführten Verbeugung die zerzauste Rokoko-Perücke vom Kopf. So wird gespielt, so wird gelacht, und so prüfen, verstören und entflammen sich die vier liebeshungrigen Herzen. Wer der Spielweise des Théâtre de Carouge etwas abgewinnen und sich an Marivaux’ Witz erfreuen kann, wird einen vergnüglichen Theaterabend erleben, der mit einer Pause etwas mehr als zwei Stunden dauert. Andreas Tobler Am 20./21. April im Rahmen der «Série française» im Schauspielhaus Zürich. Theater Zürich, Rote Fabrik – Ui, was für ein irrer Abend! «Gib Stoff» heisst er und ist die jüngste Produktion des wunder- und sonderbaren Künstlerduos Watzdameyer. Thema: das Spazieren im Allgemeinen und der Spaziergang des Spaziergängers und Autors Robert Walser im Besonderen. In ernsten, dunkelblauen Geschäftsherrenmänteln erscheinen Watzdameyer bereits vor dem Fabriktheater – mit je drei Beinen. Denn ein drittes Standbein, lernen wir später, sollte sich jeder zutun, besonders ein Künstler. Am See vorne tragen die beiden surrealen Gestalten dann vor wankenden Schiffen einen stark reduzierten Walser-Lebenslauf vor und offerieren darauf im Foyer den Spaziergängern, zu denen das Publikum geworden ist, Schinken und Most. Und dann gehts im Saal zum zweiten Mal los. Mit weniger Kabelsalat und elektronischem Getüftel, als man es sich von Watzdameyer gewohnt ist, dafür mit grossen Bildern und zweien, die sich so viel Zeit lassen, dass auch die merkwürdigste Szene ihre Wirkung entfaltet. Die grossartige Nachstellung eines Gemäldes von Carl Spitzweg etwa oder das lange Schweigen im Licht eines Hellraumprojektors. Dazu kommen: Krawatten, Spazierprosa und Seitenzahlen, ein Walser-Schnauz, zwei Halbwitze, ein Dieselmotor und die bei Watzdameyer obligate Diashow. Da verheddert sich ein Autor in zwei Schauspieler, geraten das 19. ins 20., das 20. ins 21. Jahrhundert, verfädelt sich der feine Klamauk von Watzdameyer mit der feinen Poesie Walsers. Und als das Publikum die Orientierung zu verlieren droht, genau dann ist der Abend fertig. Ziemlich gaga, diese 55 Minuten, aber auch schön eigenständig, witzig und verschroben. Corina Freudiger Weitere Vorstellungen: 6., 7., 8. April, 23., 24. Juni. Konzert Zürich, Theater Rigiblick – Mal hüpft ein altes, französisches Lautenstück mit keltischem Schwung dahin. Dann wieder nimmt das Ensemble «Leones» ein Gebet mit religiöser Strenge; doch dahinter ist schon jenes volksmusikalische Temperament spürbar, das im offensiven Rundtanz offenbar wird. Die eindringlich ausgekleideten Melodien bekommen eine Leichtigkeit, die über die Landesgrenzen hinwegführt. Und das ist auch gut so: Denn dieser ganze Abend des «Festivals für Alte Musik Zürich» stellt eine Reise auf dem uralten Pilgerweg nach Santiago de Compostela dar. Welche Musik haben die gläubigen Wanderer auf dem Jakobsweg und am Ziel in verschiedenen Kirchen und Kathedralen zu hören bekommen, welche haben sie selbst aufgeführt? Exzellente Reiseführer in die Welt dieser mittelalterlichen Gesänge sind neben den «Leones» auch Arianna Savall und Petter Johansen. Ihre Stimme ist hellzart, fast mädchenhaft, sie schmiegt sich in feinen Nuancen an den burschikos-forschen Klang ihres Partners an. Die beiden geben so einen schönen Einblick in das «Llibre Vermell», dessen Entstehung um 1400 in enger Verbindung mit den Pilgerreisen steht. Deren Ziel erreichen dann die vier Sänger von «Chant 1450». Ihre Vorführung überzeugt mit Schlichtheit ohne geschmäcklerische Sterilität und erzeugt eine klangliche Weiträumigkeit, die durchaus eine Kathedrale in Santiago de Compostela als Aufführungsort assoziieren lässt. Eine lange Reise – der Konzertabend dauert bei Besuch aller Vorführungen nahezu 4 Stunden –, der dem Publikum das Pilgern auch als Ausdauerübung nahebrachte. Tom Hellat

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