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Bach, für einmal ganz irdisch

In der Zürcher Tonhalle spielte András Schiff gestern Bachs Goldberg-Variationen – direkt und unprätentiös.

Von Tom Hellat Angesichts des «unendlichen Kosmos» von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen erstarren viele Pianisten vor Ehrfurcht – und überdecken dies, indem sie das Stück überhöhen. Nur, im Publikum ist man als Zeuge von solch öffentlich vollzogener Erleuchtung allzu schnell peinlich berührt. Ganz anders macht es András Schiff: Sein Spiel ist direkt, verdichtet und unprätentiös. Schon die Aria steht da wie eine feste Burg. Man hat sie wohl noch nie agogisch so streng und klanglich bestimmt gehört wie beim Ungarn. Bachs Musik – mal tanzend munter, mal strahlend innig – schreitet bei Schiff immer vorwärts. Und das quasi schwebend. Aber nicht über den Dingen, sondern in ihnen, denn nie vergeistigt sich die Musik gänzlich. Schiff nimmt die Goldberg-Variationen ernster als das Klischee von metaphysischer Überhöhung. Bach ist bei ihm nicht der Thomaskantor als Spielmann Gottes, sondern ein Mensch, der tief empfindet. Auch das Pedal, die «Seele des Klaviers», berührt der Pianist nie. Alles Transzendente wird so in klingend runde Realität gefasst. Mit einer Ausnahme: Nach dem inneren Höhepunkt des Werkes, der Adagio-Variation 25, umhüllt er das filigrane Klanggebilde mit einem geheimnisvollen Schleier, indem er das linke, abschwächende Pedal benutzt. Nach dem unendlichen, an Bachs Passionsmusiken reichenden Klagegesang in der Variation zuvor sind zelebrierende Virtuosen-Sechzehntel unangebracht. Hier muss quasi geflüstert werden. Doch kurz darauf verschwindet der Schleier, und die Musik leuchtet wieder in einem hellen Licht, das Schiff lediglich mit minimalen Schattierungen gestaltet. Gerade dadurch erreicht er eine bewundernswerte Klarheit. Hoch hinauf ragt also diese Interpretation, aber nicht bis in den Himmel, sondern sie bleibt irdisch. Und ist deswegen in tiefem Sinne menschlich.

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