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Auf dem Holzpodest wütet das Hockeyfieber

Gehbehinderte Fans nehmen in der Kolping-Arena in Kloten auf einem Podest Platz. Seit vier Jahren kümmert sich Jürg Aeschlimann um sie – unentgeltlich.

Von Kathrin Morf Kloten – Ohrenbetäubend hallen die euphorischen Schreie Tausender Fans durch die Kolping-Arena, als Kimmo Rintanen am Samstagabend das Siegestor für die Kloten Flyers erzielt. Auch die Fäuste von Bruno Weber und Michi Betschmann schiessen triumphierend in die Höhe. Die beiden klatschen, singen – ein angefressener Fan kann schliesslich auch sein, wer wie sie im Rollstuhl sitzt. Um die Betreuung der gehbehinderten Fans ist im Klotener Stadion Jürg Aeschlimann besorgt. Bereits zwei Stunden vor dem Anpfiff des Halbfinalspiels gegen den SC Bern ist der Thurgauer im Stadion beschäftigt, erweitert mit Paletten das Podest mit Rampe am Spielfeldrand. «Hier müssen schliesslich bis zu 25 Fans Platz finden.» Unentgeltlicher Einsatz Der 51-Jährige fühlt sich den Gehbehinderten verbunden, weil er einen Bruder im Rollstuhl und selbst ein schweres Rückenleiden hat. Von Matchbesuchen haben ihn Schmerzen und über 30 Operationen aber nie abgehalten. «Ich bin nun mal verrückt nach Eishockey», sagt der Hüne, der sich seit vier Jahren um die behinderten Fans kümmert – unentgeltlich. «Meine Frau akzeptiert dieses Hobby zum Glück.» Er müsse aber aufpassen, weil eine TV-Kamera neben dem Podest stehe, fährt er augenzwinkernd fort. Einmal habe er nämlich jubelnd eine junge Frau umarmt, was die Gattin vor dem Fernseher gar nicht goutiert habe. Der im Stadion übliche, zuweilen bitterböse Humor ist auch auf dem Podest Programm. «Rollstuhlfahrer wollen normal behandelt werden», sagt Aeschlimann und wirft einen Blick auf Bruno Weber und Michi Betschmann, die mit ihren Rollstühlen auf das Podest gerollt sind. «Hättet ihr euch für einmal ordentlich rasiert, wenn ihr gewusst hättet, dass euer Foto in der Zeitung kommt?», ruft er ihnen zu. «Hadern bringt nichts» Bruno Weber quittiert dies mit einem Lachen. Er sei schon beim ersten Meistertitel Klotens im Jahr 1967 ein grosser Fan gewesen. Zu Beginn der 80er-Jahre erkrankte der Klotener dann an multipler Sklerose und ist seit sieben Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. «Mit dem Schicksal zu hadern, bringt nichts», sagt er. Stattdessen freue er sich, dass er weiterhin die Spiele besuchen könne – und dass er Freunde habe wie Esther Stettler. Sie bringt ihm in der ersten Drittelpause ein Bier. «Dieses Jahr holt Kloten den Titel», prophezeit er und fügt an: «Als richtiger Fan dürfte ich auch nicht zugeben, wenn ich daran zweifeln würde.» «Den Final erreichen wir», gibt sich Michi Betschmann vorsichtiger. «Würdest du bitte auch sagen, dass wir Meister werden», schimpft seine Schwester Karin, die ihren Bruder vor zwei Jahren mit dem Flyers-Fieber angesteckt hat. Der 32-Jährige wurde mit offenem Rücken geboren, geniesst aber auch im Rollstuhl jeden Match. «Etwas anderes kenne ich ja nicht», sagt er und schaut auf die Stehplatztribüne, wo Tausende Fans herumhüpfen. «Nur wenn die Stimmung so ausgelassen ist wie heute, wünsche ich mir manchmal, dort mitmachen zu können.» Gefährliche Tumulte Die Flyers unterstützen ihre gehbehinderten Fans, «seit das Wasser in unserem Stadion erstmals gefroren ist», sagt Marketingleiter Andreas Burlet, als er kurz bei ihnen vorbeischaut. In anderen Stadien müssten sie und ihre Begleiter Eintritt bezahlen, weiss Weber. «Und mancherorts sind wir inmitten der Stehplatzfans untergebracht. Gibts Tumulte, ist das gefährlich», ergänzt Betschmann. «Zudem ist die Sicht mancherorts gewöhnungsbedürftig.» Was heisst: Die Rollstuhlfahrer können über unzählige Köpfe hinweg nur das halbe Spielfeld überblicken. Und wenn die anderen Fans aufspringen, sehen sie gar nichts. Die heisse Endphase des Spiels beginnt, immer wieder prallen Playoff-bärtige Gesichter schmerzverzerrt gegen das Plexiglas, und die Diskussionen auf dem Podest kreisen nur noch um die Frage, welches Team den Match verliert – und welcher Fan als erster die Nerven. Spitzenkandidat hierfür ist Aeschlimann: Er flucht, bangt, rauft sich die Haare. Erst der Schlusspfiff beim Spielstand von 4:3 setzt seinem Nervenflattern ein Ende. «Das sind Emotionen!», ruft er und grinst, ob der hämischen Gesänge der heimischen Fans. «Wir sehen uns im Final», ruft Weber zum Abschied, während Aeschlimann bereits an die Zeit nach den Playoffs denkt, die er ohne seine «kleine, sportverrückte Familie» verbringen muss. «Diese Monate», sagt er, «die werden hart.» Kloten und der unbeirrbare Glaube S. 54 Bruno Weber, Jürg Aeschlimann und Michi Betschmann sind hartgesottene Flyers-Fans. Die Rollstuhlfahrer sind eine «sportverrückte Familie».Foto: Daniel Zannantonio

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