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Acht Jahre Schweiz - vier davon im Container

An der Goldküste ist günstiger Wohnraum für Asylbewerber knapp. Zumikon lässt deshalb Flüchtlinge über Jahre in Containern hausen.

Zumikon. - Sie ist eine der reichsten Gemeinden der Schweiz. Trotzdem lässt Zumikon einen Grossteil seiner Asylbewerber in Containern wohnen - wenn es sein muss während mehrerer Jahre. Von den insgesamt 22 Asylbewerbern im Dorf sind 14 in den Wohncontainern einquartiert, die vis-à-vis einer Einfamilienhaussiedlung stehen. An heissen Sommertagen wie in dieser Woche erhitzen sich die Räume auf über 30 Grad, und die Luft wird stickig. Deshalb lassen die Familien an Hitzetagen gleich die Haustüren offen.

Im Winter hingegen sind die elektrischen Heizkörper schon mehrfach ausgefallen. Die Bewohner mussten tagelang frieren und ohne Warmwasser auskommen. Auch hat sich in der kalten Jahreszeit an den Containerwänden schon Schimmel gebildet. Die Bewohner trauten sich wegen der Kälte nicht mehr, die Fenster zu öffnen.

Drei Zimmer für sieben Menschen

Besonders prekär ist Lage für die siebenköpfige Familie Yusuf. Die Eltern und ihre fünf Kinder flohen vor acht Jahren aus Somalia in die Schweiz und sind als Flüchtlinge anerkannt. Seit Ende 2001 leben sie in Zumikon. Im Sommer 2005 musste die Familie aus der 4-Zimmer-Wohnung im alten Gemeindehaus ausziehen, weil der Vater auf einem Fussgängerstreifen angefahren wurde und fortan nicht mehr Treppen steigen konnte. Die neue Unterkunft musste also ebenerdig sein.

Für die Verantwortlichen der Gemeinde war der Container die naheliegendste Lösung. Das Dreiraumprovisorium für über 3300 Franken Monatsmiete enthält eine Wohnküche, zwei Schlafzimmer und ein behindertengerechtes Bad und WC. Gemäss Familie Yusuf hiess es von der Gemeinde, dass der Container nur eine vorübergehende Lösung sei und sie bald wieder in eine Wohnung einziehen könnten.

Daraus wurde nichts. Die Familie lebt seit vier Jahren im Container. Die drei Töchter im Alter von 13, 16 und 18 teilen sich das Zimmer mit ihrer 48-jährigen Mutter, die beiden Söhne, 10 und 20 Jahre alt, schlafen im gleichen Raum wie ihr 63-jähriger Vater. Dieser ist nach einem Schlaganfall vor zehn Jahren teilweise gelähmt. Er kann nicht sprechen und leidet an Inkontinenz.

Die Kinder pflegen ihren Vater

Diese schwierigen Umstände haben die Organisation Fragile Suisse auf den Plan gerufen. Die Vereinigung für hirnverletzte Menschen forderte im vergangenen Herbst die Zumiker Sozialbehörde in einem Brief auf, dringend die Wohnsituation der Familie zu überprüfen. Der Mutter und vor allem den Kindern, die seit Jahren bei der Pflege des Vaters helfen, mangle es an Rückzugsmöglichkeiten.

In ihrer Antwort ging die Zumiker Sozialbehörde nicht gross auf diese Bedenken ein. Man habe den Container extra für den invaliden Vater umbauen lassen, hiess es.

Für den Betrieb der Zumiker Container ist die ORS Service AG zuständig, eine Firma, die sich auf die Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen spezialisiert hat. Zu den ausgefallenen Heizkörpern heisst es, dass dies zwei- bis dreimal pro Winter passiere. Länger als ein Wochenende hätten die Bewohner aber nie warten müssen. Was die Wohnsituation der 14 Asylbewerber betrifft, sagt ORS-Mediensprecher Roman Della Rossa: «Für die Suche nach angemessenem Wohnraum ist die Gemeinde Zumikon verantwortlich.» Die ORS sei aber darauf bedacht, dass die «kantonalen Minimalstandards», etwa die Anzahl Quadratmeter pro Einwohner, eingehalten würden. Sprich: 8 bis 10 Quadratmeter pro Person. Der Wohncontainer in Zumikon misst 175 Quadratmeter und ist für 20 Personen konzipiert. Das macht unter dem Strich 8,75 Quadratmeter pro Person.

Beim kantonalen Sozialamt weiss man nichts von Minimalstandards. Es habe Ende der 90er-Jahre Richtlinien gegeben, doch habe man diese aufgrund der ständigen Änderungen im Asylgesetz nicht mehr berücksichtigt, sagt Leiter Ruedi Hofstetter. «Ich vertraue darauf, dass die Gemeinden ihre Verantwortung wahrnehmen und den Asylbewerbern eine menschenwürdige Unterkunft zur Verfügung stellen.»

Was «menschenwürdig» heisst, ist den 171 Gemeinden im Kanton Zürich also selber überlassen. Die Qualität der Unterkunft ist damit vor allem vom Engagement der einzelnen Asylkoordinatoren in den Gemeinden abhängig - und vom Wohnungsmarkt.

Küsnachter Asylbewerber in Zumikon

In Zumikon führt die zuständige Sozialvorsteherin Brigitta Bohnenblust (parteilos) denn auch dies als Hauptgrund an, dass rund zwei Drittel der in Zumikon wohnhaften Asylbewerber in einem Wohncontainer untergebracht sind. «Wir haben schlicht zu wenig günstigen Wohnraum, um alle Asylbewerber in Wohnungen unterzubringen.» Dieses Problem kennt man auch in der Nachbargemeinde Küsnacht. Dort hat man vor zwei Jahren damit begonnen, Asylbewerber in anderen Gemeinden zu platzieren, und bezahlt ihnen eine entsprechende Entschädigung. So wohnen Asylbewerber, die vom Kanton an Küsnacht zugeteilt wurden, auch in Oberweningen, Mönchaltorf, Meilen und - Zumikon. Dazu sagt Sozialvorsteherin Bohnenblust: «Zumikon nimmt keine Asylbewerber anderer Gemeinden auf. Wir haben lediglich eine Wohnung vorübergehend an die Gemeinde Küsnacht vermietet.»

An der Qualität des Wohncontainers, den sie bisher nur von aussen gesehen hat, zweifelt die Sozialvorsteherin nicht. Und behindertengerecht sei er auch.

«Das verzögert die Integration»

Wenig Verständnis für die Wohnsituation der Familie Yusuf hat Lisa Stiefel aus Fällanden, die Präsidentin der Zürcher Asylkoordinatorenkonferenz (ZAKK). «Container werden aufgestellt, wenn innerhalb von kurzer Zeit viele Flüchtlinge untergebracht werden müssen.» Dies sei beispielsweise während der Kosovo-Krise der Fall gewesen. Aber gerade bei Familien, die mit grosser Wahrscheinlichkeit in der Schweiz bleiben würden - und dazu zählt Familie Yusuf -, seien Container wenig sinnvoll. «Eine schlechte Wohnsituation verzögert die Integration», sagt Lisa Stiefel.

Sie weiss um die Schwierigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu finden - «insbesondere wenn es sich um eine mehrköpfige Familie handelt». Dennoch ist sie der Meinung, dass Familie Yusuf eigentlich in eine 5-Zimmer-Wohnung umziehen sollte. «Schliesslich lebt die Familie nun schon seit acht Jahren in der Gemeinde.» Die Hälfte davon im Container.

Das Schlafzimmer im Container.

Die siebenköpfige Familie Yusuf vor ihrem Zuhause in Zumikon. Fachleute halten ihre Wohnsituation für untragbar.

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