Guisan bezieht Reduit im Oberland

Heute vor 70 Jahren wurde die Schweizer Armee aufgeboten. Der General

Henri Guisan verlegte im Laufe des Krieges sein Hauptquartier ins Oberland. Er hat an verschiedenen Orten Spuren und Erinnerungen hinterlassen.

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«Er war eine Respektsperson, kein Zweifel.» Hans Jung, pensionierter Schreinermeister und ehemaliger GGR-Präsident von Interlaken, erinnert sich an die Zeit, als der General Henri Guisan sein Hauptquartier in Interlaken aufschlug (siehe Kasten «Hauptquartiere»). Guisan bezog in der Villa Cranz, der heutigen Gemeindeverwaltung, quasi sein Reduit; der Armeestab quartierte sich in umliegenden Hotels ein.

«Das Pferd des Generals war in einem Stall an der Mühlestrasse 9 untergebracht. Das Holzlager meines Vaters war gleich daneben. Nur deshalb kam ich mit dem welschen Pferdepfleger und dem General in Kontakt», sagt Hans Jung. «Er kam jeweils zu Fuss und machte dann seine Ausritte Richtung Rugen. Natürlich unregelmässig, man wusste nie, wann er kam. Er war aber immer sehr freundlich, wir haben uns gegrüsst.» Jung verdiente damals den Korporalsgrad ab.

In Spiez zu kalt?

Die Erinnerung bei Gebirgsfüsilier Hans Jung (Jahrgang 1922) ist sehr präsent, fast 70 Jahre später. Der General hat einen bleibenden Eindruck im Oberland hinterlassen, schliesslich war er die meiste Zeit des Krieges hier an der Arbeit. Der Abstecher nach Kriegsbeginn nach Spiez an die heutige General-Guisan-Strasse 2 ins Haus Olvido war nur kurz. Denn – so wird gesagt – die Nonnen im «Olvido» hätten dem General zu wenig geheizt. Heute gibt es dennoch in Spiez neben dem General-Guisan-Marsch eine Guisan-Stube im «Olvido». Wie Therapiestationsleiter Bernhard Metzger auf Anfrage bestätigt, wird das ehemalige Arbeitszimmer des Generals heute als «Rapport-, Ess- und Therapieraum sowie als Kino verwendet».

Bödeli wird Hauptquartier

Richtig ins Oberland kam Guisan im April 1941. Er – sowie die Stäbe des Armeehauptquartiers – bezogen in Interlaken Unterkunft. Das Bödeli war genügend weit hinter der Reduitfront, hatte einigermassen sichere Verkehrswege und bot notfalls Fluchtwege über die Seen. Guisan quartierte sich in der Villa Cranz ein. Auch dort sind in einem Sitzungszimmer noch Erinnerungsstücke vorhanden, auch erinnert ein Schild am Gebäude an die schwere Zeit.

Felsstollen als Notquartier für die höchsten Militärs wurden zwar vorbereitet (unter anderem in der Wagnerenschlucht), jedoch kaum je wirklich benutzt. Henri Guisan nutzt lieber einen seiner zwei Generalszüge für seine Truppeninspektionen in der ganzen Schweiz. Diese hiessen in der Militärsprache GL (General – Standort Leissigen) und GG (General – Standort Gurtnellen).

Verteidigung des Bödeli

Aus einem Befehl vom September 1944 zur «Verteidigung des Armeehauptquartiers bei Überfall» geht detailliert hervor, wo die Strassen gesperrt werden sollten, wo Luftlandetruppen erwartet wurden und wo zum Beispiel die Ortswehr Interlaken mit 25 Gewehren einzusetzen sei. Verwundete sollten, so rasch es die Situation zuliesse, Richtung Grindelwald und Lauterbrunnen evakuiert werden. Zum Glück wurde die Verteidigungskraft nie real getestet, wie man in den Erinnerungen des Generalsbataillons liest (siehe Kasten «Ausbildung»).

Erinnerungen persönlicher Art sind bei vielen Leuten auf dem Bödeli vorhanden, denn der General zeigte sich in der Öffentlichkeit, besuchte zum Beispiel das Kino, um den legendären Film «Gilberte de Gourgenay» zu sehen. «Was in der Welt um uns herum passierte, davon hatten wir damals nicht wirklich eine Ahnung. Wie ernst die Lage zeitweise wirklich für die Schweiz war, vernahmen wir erst nach dem Krieg», erinnert sich Jung. Die damalige Zeit ist präsent, er organisiert derzeit das wohl letzte Kompanietreffen seiner Einheit. «Es werden nicht mehr viele kommen»

Unvergesslich ist zudem folgendes Ereignis: «Als 20-Jähriger erhielt ich von Henri Guisan in der Schlosskirche Interlaken den Bürgerbrief überreicht. Es war am 1.August 1942.» Alle Jungen der Bödeliorte sowie der umliegenden Gemeinden waren mit den Gemeindepräsidenten angetreten. «Das war ein historischer Moment, denn das hat der General nur ein einziges Mal während des Aktivdienstes gemacht», erzählt Hans Jung noch heute sichtlich beeindruckt.

Hans Rudolf Schneider

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Erstellt: 02.09.2009, 00:44 Uhr

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