D Mundart, welchi in höchem Mass bedroht isch

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SprachkritikIn der Lokalpolitik des Bezirks Meilen nimmt pseudoschweizerdeutsches Kauderwelsch überhand. Von Lucien Scherrer

Eigentlich ist es ja nett, dass sich alle darum bemühen, unsere Mundart zu pflegen. So freut es mich jedes Mal, wenn die Wetterfeen des Schweizer Fernsehens mit grossen Äuglein aufziehendes «Quöugwüuch» (für deutsche Leser: Quellwolken) ankündigen oder vor Stürmen warnen, die «goge chute» kommen. Und es ist auch nichts daran auszusetzen, dass an Gemeindeversammlungen oder in öffentlichen Diskussionsrunden Dialekt gesprochen wird. Schliesslich ist die Mundart unsere Umgangssprache, und wer hier lebt, sollte sie verstehen.

Bloss treibt die Liebe zum Dialekt zuweilen seltsame Blüten. Dann nämlich, wenn etwas als Dialekt verkauft wird, das in Tat und Wahrheit ein deutsch-schweizerisches Kauderwelsch ist. Die Rede ist hier nicht von Ausländern deutscher Zunge, die in die «Fränkli»-Falle tappen. Denen seien Fehler verziehen &endash es ist ja nicht ihre Muttersprache. Nein, es geht hier um einheimische Behördenmitglieder, Politiker, Pressesprecher oder Moderatoren, die wissen müssten, was «Schwiizertüütsch» ist. Allzu oft sondern diese Leute aber Sätze ab wie diesen hier: «Di hütig Schuel mues in höchem Mass bereit und i de Laag si, sich bsundere Aaforderige aazpasse und uf neui Herusforderige prompt und adäquat z reagiere.» Die prompte und adäquate Reaktion auf einen solchen Satz &endash er war an einer Gemeindeversammlung zu hören &endash wäre natürlich, «Ufhöre mit dem Seich!» zu rufen und dem «Schnurri» auf der Bühne «Tätsch» anzudrohen.

So redet kein Mensch

Denn dieses Herausforderungs- und Massnahmen-Gesülze, das Verwaltungen und Sozialarbeiter so lieben, ist ja schon in der Schriftsprache eine Zumutung. Wird so was dann aber auch noch auf Schweizerdeutsch übersetzt, stehen einem die Haare zu Berge. «Ich mues mich bsundere Aaforderige apasse» &endash so redet doch kein Mensch! Und Schweizerdeutsch sind «in höchem Mass» und der andere Quatsch schon gar nicht.

Genauso wenig wie dieser Satz: «E Person, die a de Versammlig teilgnah hät, cha nur dänn Rekurs erhebe, wänn sie das bereits a de Versammlig aakündiget hät.» So sprach der Gemeindepräsident am Schluss der besagten Versammlung. Er las von einem Blatt ab. Es heisst gopfertamminamal «e Person, wo» und nicht «e Person, die»! Und es gibt auch kein Relativpronomen namens «welchi», das immer mehr Leute für Mundart halten und das an der besagten Versammlung natürlich auch zu hören war: «D Schuelsozialarbet underschtützt d Schuel bi de rächtziitige Erchännig, Erfassig und Bearbeitig vo soziale Problemstellige, welchi di schuelische Integration vo Chind und Jugendliche gföhrded.» Könnten das bitte alle, welche «welchi» sagen, erkennen, erfassen und innerlich verarbeiten: Es heisst auch hier «wo».

Vielleicht muss man es den Dialektsündern, die an den Gemeindeversammlungen und in den «Arenas» dieser Welt auftreten, einmal klar sagen: Es wirkt nicht volksnah, sondern gekünstelt, wenn ihr dieses hölzerne Kauderwelsch absondert. So, als wäre Mundart immer und überall Pflicht, damit ihr ja nicht als hochnäsige «Schwaben» (für deutsche Leser: Deutsche) rüberkommt. Leider sind solche Eiertänze exemplarisch für das verkrampfte Verhältnis des Schweizers zum Hochdeutschen. Dass die meisten Politiker lieber holprige Sätze von sich geben als korrektes Hochdeutsch, ist ja sattsam bekannt. («Die EU, meine Damen und Herren, ischt ein bürokratisches Monschter.») Da sollten sie wenigstens das Schweizerdeutsche beherrschen. Die Mundart dient uns dazu, Meinungen, Empfindungen und Emotionen frei, direkt und unverfälscht &endash eben «unübersetzt» &endash auszudrücken. Das ist eine wichtige Funktion, und deshalb ist es auch nicht so, dass die Verhunzung unserer Sprache ein Bagatelldelikt wäre.

Das ist kein Bagatelldelikt

Besonders Politiker und Fernsehmenschen, so stellen wir hiermit mit erhobenem Zeigefinger fest, haben eine Vorbildfunktion. Wenn die schon ein derartiges sprachliches Potpourri veranstalten, dann guet Nacht am Sächsi. Dann werden unsere Kinder &endash «d Chind, welchi eusi Zuekunft sind» &endash schon bald mit der «Problemstellung» konfrontiert sein, dass ihre Muttersprache zu einem Hochdeutsch mit Kratzgeräuschen verkommen ist, das man eigentlich gleich ganz abschaffen könnte.

Erstellt: 08.11.2011, 06:33 Uhr

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