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13 Frauen verlieren ihre geschützte Werkstatt

In Männedorf schliesst Ende März die Flechtwerkstatt Seestern die Tore. Für die depressiven und schizophrenen Frauen, die dort arbeiten, ist das eine grosse Belastung. Sie machen die Invalidenversicherung für die Misere verantwortlich.

Von Petra Schanz und Patrick Gut Männedorf – Im Stich gelassen kommen sie sich vor und verloren. Die 13 Frauen, die im Männedörfler Seestern in der Flechtwerkstatt arbeiten, haben am Dienstag erfahren, dass es Ende März 2012 aus ist mit Flechten. Der Seestern gehört zu Noveos, dem Verein für sozialpsychiatrische Einrichtungen in den Bereichen Arbeit, Freizeit, Wohnen, Beratung und Betreuung. Einige der 13 Frauen, die dort Stühle und Körbe fertigen, sind stark depressiv, andere schizophren, wieder andere manisch-depressiv. Eines haben sie gemein: Sie bekommen eine IV-Rente, und sie können nur an einem geschützten Ort arbeiten. Dass sie ihre Stelle und damit ihre Tagesstruktur verlieren, ist für sie noch schlimmer, als es für jemanden wäre, der in der freien Marktwirtschaft arbeitet. Franziska Wiederkehr* zum Beispiel ist schwer depressiv. An manchen Tagen kann sie nicht aus dem Haus, kann auch kein Telefonat führen. An anderen fühlt sie sich besser, hat Energie, erledigt so viel wie möglich auf einmal – weil sie weiss, dass wieder andere Tage kommen. Zurzeit, sagt sie, gehe es ihr gut. Und deshalb will sie sich einsetzen für die 13 Frauen der Flechtwerkstatt. Verein geriet unter Druck Gegen Noveos will sie nichts gesagt haben, im Gegenteil: «Es ist super, dass es so einen Verein gibt.» Kritisch beurteilt sie dagegen die Invalidenversicherung (IV), die ihre Subventionspraxis zunehmend auf Arbeitsbereiche ausrichte, die eine nachweisbare Chance auf Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt in Aussicht stellen. Das setzt Noveos unter Druck. Denn die Mitarbeit in der Flechtwerkstatt bietet wenig Aussicht auf eine solche Eingliederung. Franziska Wiederkehr kann sich aber nicht vorstellen, dass die Schweizer, als sie vor vier Jahren die IV-Revision angenommen haben, ein Szenario befürworten, wie es jetzt in Männedorf eintritt. Noveos schreibt in einer Mitteilung, dass die geschützten Arbeitsplätze der Flechtwerkstatt auf andere Noveos-Betriebe verschoben werden. Das sagte man auch den 13 Frauen. Doch diese fühlen sich allein gelassen. «Man sagte uns, wir müssten entweder selber für eine neue Stelle schauen, oder wir könnten zu Ibiza gehen, einer Stellenvermittlung für psychisch Kranke», sagt Wiederkehr. Weil es ihr von all den 13 Frauen noch am besten geht, hat sie bei Noveos erwirkt, dass wenigstens jemand von Ibiza in die Flechtwerkstatt kommt. Für viele der Frauen sei die Hemmschwelle, dorthin zu gehen, viel zu gross. Sie wüssten nicht, was oder wer sie erwartet. Unklar ist, ob die 13 Frauen tatsächlich in anderen Bereichen von Noveos unterkommen. Wiederkehr macht sich auf jeden Fall Sorgen um ihre Arbeitskolleginnen. Keine Betreuerinnen gefunden Tino Käser, Geschäftsführer von Noveos, ist mit der Situation auch nicht glücklich. «Wir haben alles versucht, um die Flechterei zu erhalten», sagt er. Dies, obschon der Verein mit dem Betrieb jährliche Defizite von 40 000 Franken einfahre. Nachdem auf Ende Jahr drei Fachmitarbeiterinnen gekündigt haben, die Betreuungsaufgaben übernahmen, habe man die Stellen ausgeschrieben. Laut Käser haben sich aber nur zwei Korbflechterinnen aus dem norddeutschen Raum gemeldet, beide ohne sozialpsychiatrische Ausbildung. «Da mussten wir einsehen, dass es nicht geht», sagt Käser. Es werde nicht einfach, aber man werde alles daransetzen, für die Betroffenen eine Anschlusslösung zu finden. «Wir werden sie nicht im Regen stehen lassen», verspricht er. Der Verein Noveos bietet 200 Personen einen geschützten Arbeitsplatz. Dazu kommen 70 Fachmitarbeiter. Das Budget des Vereins beläuft sich auf 7 Millionen Franken. Die Hälfte davon erwirtschaftet der Verein selber, der Rest sind Kantonsbeiträge. Die Zahl der Arbeitsplätze ist in den letzten Jahren laufend angestiegen und wird es weiterhin tun, obwohl auch die beiden Schreinereien in Stäfa und Rüti aufgelöst werden. Denn im Februar 2012 geht im Gegenzug eine neue Schreinerwerkstatt in Hadlikon auf. * Name der Redaktion bekannt.

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