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Der Fussballkrieg

Eine Woche lang dauerte der Streit der Journalisten des Blauen Bunds des «Tages-Anzeigers» über die richtige Fussballgesinnung.

Das Corpus delicti mitten im Herz des Ressorts Zürich.
Das Corpus delicti mitten im Herz des Ressorts Zürich.
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Ein Wimpel war es, klein und giftiggrün, und er hatte Konsequenzen. Aber lesen Sie selber - die Kollektion der «B-Sides» über den epischen Fussballstreit im Blauen Bund des «Tages-Anzeigers».

Die freie Meinungsäusserung – und die passende Antwort

Das Recht auf freie Meinungsäusserung rückte ja jüngst aus traurigem Anlass wieder stärker in den gesellschaftlichen Aufmerksamkeitsfokus. Das nun präsentierte Beispiel zum Thema hat allerdings keine globale Relevanz, es ist nicht mal regional bedeutsam, nein, es beschränkt sich allein auf unser Grossraumbüro im Holzhaus. In diesem haben wir kürzlich Zuwachs bekommen in Form von tollen neuen Kollegen, und einer dieser Kollegen ist zufällig grad auch noch der neue Leiter unseres «Zürich»-Ressorts. Geboren allerdings ist er in einer Stadt östlich der unsrigen. Das ist einerseits seinem Dialekt anzuhören. Andrerseits – und damit kommen wir zur freien Meinungsäusserung – ist es aber auch einem Wimpel zu entnehmen, den er mutig an der Wand hinter seinem Schreibtisch aufgehängt hat. Mutig, weil der Wimpel in den Farben Grün und Weiss gehalten ist. Kurz: Es ist (nett formuliert!) ein Accessoire, mit dem sich unser neuer Chef eindeutig als Fan des FC St. Gallen outet! Kaum war der Wimpel gesichtet, zog sich die FCZ-Fraktion unseres Ressorts (GC-Fans gibts im «Blauen Bund» keine, bislang haben wir jedenfalls keine ausgemacht, vielleicht halten sie sich auch nur bedeckt) zu einem konspirativen Treffen in die Cafeteria zurück. Der Tenor: Freie Meinungsäusserung ist ja gut und recht, aber ein (St.-)Güllen-Wimpel mitten in unserem Büro, das ist doch dicke Post! Einer meinte, er sei ja unser Vorgesetzter, da könne man wohl nicht viel ausrichten. Ein anderer sagte: «Seien wir doch einfach froh und dankbar, dass er nicht Basel-Anhänger ist!» Ein Dritter, pragmatisch veranlagter Kollege schlug schliesslich vor, wir könnten – voll simpel – einen FCZ-Wimpel darüberhängen, damit sei das Problem vom Tisch beziehungsweise von der Wand. Die Abstimmung führte zum Mehrheitsbeschluss, vorläufig mal abzuwarten; früher oder später würde schon jemand die passende Antwort auf diesen Affront finden und geben. Und tatsächlich: Die passende Antwort fand und gab «unser» FCZ am Sonntag in der St. Galler AFG-Arena, sie lautete kurz und bündig 4:1. (thw)

Hier outet sich ein GC-Fan

Jetzt ist es Zeit, sich in der Diaspora des FCZ-Blauen-Bundes zu outen. Ansonsten leidet ihr Selbstwertgefühl, und – noch schlimmer – sie wird am Abend vom Sohn zur Rede gestellt. Also, jetzt kommt, was sie bisher geschickt verborgen hat: Sie ist GC-Fan. Uff, jetzt ist es raus. Der Kollege, der gestern an dieser Stelle behauptete, dass es im Züri-Bund keine GC-Fans gebe, ist peinlich berührt. Er habe nicht wirklich etwas gegen ­GC-Fans, meldet er hastig. Es tönt, wie wenn der SVP-Nachbar sagt, er habe nichts gegen Ausländer. Solange sie im Ausland bleiben. (net)

Der einzige Verein spielt am Rhein

Seit ein paar Tagen tobt im Büro des geschätzten Blauen Bunds ein Streit um die richtige Fussballgesinnung. Der neue Chef hat einen grün-weissen Wimpel aus dem Osten des Landes in die Redaktion gebracht. Seine neuen Angestellten tuschelten böse und freuten sich über den Sieg ihres FCZ über die St. Galler – und damit über ihren neuen Chef. Das wiederum konnte die eine Kollegin (es ist nur eine – so steht es um diesen einst grossen Club) nicht auf sich sitzenlassen und outete sich als GC-Fan. Süss! Man muss wissen: Das Grossraumbüro der lieben Kollegen liegt bezeichnenderweise zwei Stockwerke unterhalb des eigenen Wirkungsorts, im Tabellenkeller der Tamedia quasi. Von dieser erhöhten Lage möchten wir in Erinnerung rufen: Es gibt nur einen Verein in der Schweiz. Zu besichtigen am Mittwoch in der Champions League. Wir spielen Achtelfinal. (los)

Kein einziger Verein braucht Ratschläge vom Rhein

Es ist gekommen, wie es kommen musste: Am Schluss steht da ein Basler und sagt den Zürchern (die es zuvor dem St. Galler gesagt haben), wo es lang- geht. Er tut dies von oben herab, was geografisch ja durchaus seine Richtigkeit hat. Ansonsten darf man seinen Einwurf geflissentlich ignorieren: Er nennt sein Stadion «Joggeli». (bra)

Wahre Grösse zeigt sich in der Niederlage

Es gibt Erfahrungen, um die kommt man im Lauf eines Journalistenlebens nicht herum. Zum Beispiel diese: Man schreibt das ultimative Werk, drechselt die Sätze, jongliert mit den Adjektiven, feilt und schräubelt, bis ein nicht mehr zu übertreffendes Elaborat geschaffen ist. Es ­erscheint. Und niemand reagiert. Keine ­Jubelschreie an der Redaktionssitzung. Kein goldener Verdienstorden vom Chefredaktor. Einfach nichts. Frust total. Die quasi komplementäre Erfahrung, und auch diese macht man im Grossraumbüro, geht so: Man schreibt, sagt oder tut etwas, dessen Symbolgehalt extrem viel grösser ist, als man naiverweise angenommen hat – und es ist unvermittelt und ganz unerwartet der Teufel los. Der Naivling bin ich, seit zwei Wochen im Blauen Bund im Einsatz, umgeben von Kolleginnen und Kollegen, die mich derart freundlich empfangen haben, dass das Bedürfnis entstand, mich dauerhaft wohnlich einzurichten. So kam es, dass ich – geboren im fernen Osten, inzwischen zwar längst in Zürich verankert, aus Sentimentalität aber weiterhin dem FC St. Gallen die Treue haltend – einen grün-weissen Wimpel aufhängte. Mit der Folge, dass nun seit ­T­agen in dieser Spalte ein Gedränge herrscht: Alle wollen sich äussern. Der FCZ-Fan, weil er einen solchen Wimpel im Büro der Zürich-Redaktion für deplatziert hält, die GC-Anhängerin und der Basel-Anhänger, weil sie sich von den Seitenhieben des FCZ-Fans ­provoziert fühlen. Dabei wird einem, wie man die ganze Aufregung verfolgt, wieder einmal so richtig bewusst, worin das Privileg eines FC-St.-Gallen-Fans liegt: Man kennt das wahre Leben, das ja bekanntlich ein ständiges Auf und Ab ist. Unzählige Abstiegsk(r)ämpfe hat man über sich ergehen lassen, fürchterliche Spiele hat man erlebt (sie sind eher die Regel als die Ausnahme), zwei Saisons in der Challenge League ertragen, sich mit allerlei mässig sympathischen Figuren in der Chefetage abgefunden. Alles hat man durchgemacht. Und es hat einen nicht umgebracht. Im Gegenteil: Man ist stark, tapfer und gelassen geworden. Liebe Zürcher und Basler. Ihr mögt die Pokale einsammeln. Ihr mögt die ­Triumphe feiern. Doch ein wahrer Kerl ist, wer die Niederlage kennt. (han)

Ich fane fremd – der Disharmonie zuliebe

Mit dem neuen Chef im Grossraumbüro ist auch die Zeit des fussballerischen Outings im Blauen Bund angebrochen: Neo-Ressortleiter (han) hängte ein grünes Wimpelchen an die Wand hinter seinem Pult. Das inspirierte FCZ-Anhänger (thw) zu einem Elaborat über das Leben, die freie Meinungsäusserung und den Fussball im Allgemeinen. Dabei unterstellte er, dass es im Zürich-Ressort keine GC-Fans gebe. Weit gefehlt, replizierte (net) – und outete sich aus Angst vor dem Rüffel ihres Sohnes. Weil (thw) verbal auch noch dem FC Basel ans Schienbein getreten hatte, erschallte nun rot-blaues (los) -Rufen. Clubtreu, so scheint es, sind sie alle bis zum Äussersten; eher würden sie sich lebendig begraben lassen, als fremdzufanen. Genau das aber macht der (hier schreibende) Luzerner, der seit 13 Jahren in Zürich lebt – einzig und allein, um seinen Göttibub zu ärgern, einen Hardcorefan der blau-weissen Luzerner, ausgestattet mit dem unbeirrbaren Glauben, sein Club könne in der letzten Runde noch Meister werden (obwohl das rechnerisch schon vor zehn Runden nicht mehr möglich gewesen wäre). Nichts einfacher, als den «Kleinen» als Götti und angeblicher FCZ-Fan hochzunehmen . . . bis zum letzten Zusammentreffen der beiden Vereine im Letzigrund, dem der Göttibub und der Götti gemeinsam beiwohnten. Der FCL, damals in der tiefstmöglichen sportlichen Krise steckend und ohne einen Sieg angereist, gewann. Danach musste sich der arme Götti heftig was anhören. (zet)

Lots of Shades of Clubtreue – oder: Das Machtwort

Es sind wirklich alle dran gewesen. Und auch in allen Facetten: der FCZ-Stürmi, die GC-Verteidigerin, der obligate Basler, der St. Galler Rechtfertiger (dessen grün-weisser Bürowimpel eigentlich an der ganzen Chose schuld ist) und schliesslich der Luzerner mit seinem fasnächtlichen Hang zur Fanlager-Schizophrenie. Doch jetzt heisst es: Back to the Roots. Damit ist (diesmal) nicht gemeint zurück zum Mutterland des Fussballs (und somit zu den Fussballgöttern nach Liverpool), sondern zum Ursprung der grossen Blau-Bund-Debatte (ja nicht zu verwechseln mit der Blauburgunder-Debatte, diese haben wir nicht geführt, auch wenn es womöglich den Anschein machte): FCZ vs. GC – wer hat das Sagen in dieser Stadt, und vor allem in unserem Grossraumbüro? Ich will nicht weiter Öl ins Feuer giessen (wobei, eine quicke Erinnerung ans 2:5/6:5 vom 3. März 2004, wieso auch nicht?), sondern endlich den Chef zu Wort kommen lassen. Und zwar nicht den Blau-Bund-Chef, der hat sich ja bereits vermeldet, sondern den Chef-Chef, also den Chefredaktor. Dieser hat nach Kollege (thw) s debattenauslösender Aussage «GC-Fans gibt es im ‹Blauen Bund› meines Wissens keine» nur knapp, aber doch deutlich genug ­geraunt: «Das gibt einen Verweis.» (pu)

Der Verweis oder das letzte Kapitel der Fussballposse

Wo ein Anfang ist, ist ein Ende. Der Anfang war vor acht Tagen, als ich in dieser Spalte auf charmante Weise vermeldete, dass unser neuer Ressortleiter mitten im Grossraumbüro (sprich an seinem Arbeitsplatz, der sich eben tatsächlich mitten im Raum befindet) ein Wimpeli «seines» FC St. Gallen aufgehängt habe - was wir FCZ-Fans doch eher mutig fanden. Erstaunlicherweise führte die liebliche Randbemerkung in den Folgetagen zum verbalen Glaubenskrieg über Clubtreue, Lieblingsvereine, Täuschungsmanöver et cetera. Das Theater gipfelte schliesslich darin, dass mir der Chefredaktor (man munkelt, er sei GC-Fan, den hieb- und stichfesten Beweis dafür konnte bislang aber nicht mal die «Weltwoche» liefern) gestern in ebendieser Spalte einen «Verweis» erteilen liess. Da ich damit keine Erfahrung hatte, schaute ich gestern nach dem Znacht im Arbeitsvertrag nach, welche Folgen ein solcher Verweis nach sich zieht. Doch ich konnte nichts finden. Also den Chefredaktor fragen? Ach was, der ist eh viel zu beschäftigt. Deshalb interpretiere ich den Verweis nun ganz im fussballerischen Sinn als Platzverweis - und gebe mir höchstselbst die harte Strafe von vier Spielsperren! Auf den Redaktionsalltag übersetzt: vier Freitage!!! So, und damit wird diese TA-interne Fussballposse offiziell für abgepfiffen erklärt. (thw)

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