Brunchen – eine gute Sache?

Das Endlosfrühstück ist in der Stadt Zürich äusserst beliebt.

Die grosse Auswahl schlägt manch einem aufs Gemüt. Foto: Catherine Stukhard (Keystone)

Die grosse Auswahl schlägt manch einem aufs Gemüt. Foto: Catherine Stukhard (Keystone)

Ja

Es ist nicht so, dass dieser Text unter allzu grossem Zeitdruck entstanden ist. Er hatte Zeit zu gehen, so wie ein Teig, aus dem ein luftiger Zopf werden soll fürs ausgiebige Frühstück am Sonntag. Und doch will die Sache nicht richtig luftig werden – woran mag das liegen?

Vielleicht daran, dass es schwieriger ist, Argumente für etwas zu finden, als dagegen. Und das, obwohl die Voraussetzung für ein flammendes Plädoyer für den Brunch ideal wären. Denn: Erstens mag ich Brunchen, ich brunche oft, und ich glaube, ich bin gut darin. Zweitens weiss ich eine Vielzahl von Menschen hinter mir – das bestätigte mir am Samstag der Artikel «Gedränge am Buffet» an dieser Stelle.

Allenfalls liegt just darin das Problem: Ich bin schlicht nicht in der Lage, mir vorzustellen, dass es zu Unzufriedenheit führen kann, endlos zu frühstücken. Kommt einer (wie Kollege Widmer etwa, mit dem ich sonst so gern einer Meinung bin) und führt aus, weshalb ihm das Brunchen nicht behagt . . . Ja, dann mach ich diese abschätzige Handbewegung und höre nicht mehr richtig zu. Ich flüchte mich in meine Fantasie, stehe dort vor einem grandiosen Buffet und stelle mir einen ersten Teller zusammen. Seinen Argumenten habe ich wenig entgegenzusetzen. Ich kenne sie ja nicht.

Deshalb muss es ein billiger Trick richten: Es ist viel einfacher, gegen etwas zu argumentieren. Zum Beispiel gegen Brunch-Gegner. Klar, mögen die Brunch nicht. Sie kapitulieren vor der Auswahl und der Menge. Sie sind schwach.

Nein

Brunch» ist ein sogenanntes Kofferwort. Ein Zusammenzug von Breakfast (Frühstück) und Lunch (Mittagessen). Schon im Sprachlichen verrät sich das zu viel. Die Verdoppelung, die Blähung.

Das erste Problem mit dem Brunch hat bloss der Frühaufsteher: Für ihn verstreicht eine Unendlichkeit, bis um elf das Buffet eröffnet wird. Ich kam schon zittrig und leicht schwankend beim Brunch von Freunden an. Eine Unterzuckerung, weil ich nur einen Schwarztee zu mir genommen hatte. Ich musste notfallmässig um ein Glas Orangenjus bitten, das ich so gierig soff wie der Wüstenforscher nach drei trockenen Tagen das Oasenwasser.

Die Völlerei, übrigens eine der sieben Todsünden, ist dann programmiert. Brunch ist eine A-discrétion-Orgie, eine Reizüberflutung für 49.50 Franken pro Person: Sekt, gebratener Speck, Lachs, Müesli, Zopf und alle bekannten Brotsorten der westlichen Welt. Dazu Rösti, Rühreier, Braten, Avocadosalat und später Rüeblikuchen, Fruchtsalat, Mousse, Profiteroles. Sowie 35 Sachen mehr.

Man lasse sich nicht einreden, dass Bruncher Geniesser sind. Vielleicht Kollege Brusa, okay. Aber das Gros der Leute, darunter ich, ist dem Überangebot hilflos ausgeliefert und hat sich nach einer halben Stunde überfressen. Danach dauert der Anlass weitere drei Stunden, in denen man aus Langeweile nachhäuft. Oft spielt auch noch ein Trio Barockmusik. Am Ende fährt man rumpelnden Bauches nach Hause, und es dunkelt ein. Das Brunchmonster hat den ganzen Sonntag weggefressen!

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