Alles sehr befremdlich

Schlafen in fremden Betten, lesen in fremden Büchern, essen aus fremden Tellern – es gibt Grenzen, die wir regelmässig übertreten. Ein Brevier der kleinen und grossen Übergriffe.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erwies sich beim Treffen mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga als Fremdkussmonster. Foto: Reuters

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erwies sich beim Treffen mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga als Fremdkussmonster. Foto: Reuters

Nicola Brusa@tagesanzeiger

Die SVP mag Grenzen. Was sie weniger mag, sind fremde Richter, fremdparteiliche Bundesrätinnen und Fremdküsser. Was sie am allerwenigsten mag: fremde Fremdküsser. So wie Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission und Fremdkussmonster. Das Bild, auf dem er sich Simonetta Sommarugas annimmt, nutzt die SVP geschickt für ihre Zwecke. «Wähle lieber SVP!», schreibt sie in einem Inserat daneben.

Die SVP hat aber auch einen Fremdküsser in ihren Reihen. Markus Hürlimann, ehemaliger Zuger Parteipräsident, hat Grenzen überschritten. Auch Parteigrenzen. Er hat sich der Grünen Jolanda Spiess-Hegglin amourös genähert.

Die SVP lieferte also zwei Steilvorlagen für diese Seite: Was kann man denn eigentlich «fremdmachen»?

Da wäre vor allem das Gefühl, das die beiden Fremdküssgeschichten eint: Das Fremdschämen. Es ist ein paradoxes Gefühl. Schlimm ist es, wenn wir uns für unsere eigene Unzulänglichkeit schämen. Schlimmer ist es, wenn wir uns für eine uns nahe Person schämen. Aber am allerschlimmsten ist es, wenn wir uns für eine Person schämen, die über den Moment hinaus in keiner Verbindung zu uns steht. Die Enge, die uns befällt, ist ungerecht. Und macht alles noch schlimmer.


Fremdschlafen
Es wäre witzlos, darunter zu verstehen, dass jemand ausserhalb der Beziehung oder Ehe Sex hat. Fremdschlafen kann etwas viel Subtileres sein; übrigens stammt der Begriff von einer Kollegin, laut der er in einer studentischen WG geboren wurde. Dort leben sowohl Frauen als auch Männer. Offenbar schwärmte vor einiger Zeit einer der Männer über Monate hinweg auf eine eher ungesunde Art für eine der Frauen. Sie wusste es nicht oder wollte es nicht wissen, stellte aber eines Tages, als sie vom Wochenende bei den Eltern in die WG zurückkehrte, fest: Ihr Bett roch seltsam. Nach jemand anderem. Der in sie vernarrte Mann hatte in ihrer Abwesenheit bei ihr fremdgeschlafen. Er musste deswegen ausziehen.


Fremdessen
Bei Paaren kommt es oft vor, dass sie ihm ungeniert in den Teller langt (oder umgekehrt). In der Regel handelt es sich um eine stillschweigende Übereinkunft; freilich wünscht sich mancher Partner, in dessen Teller gelangt wird, man könnte die Sitte wieder abschaffen. Eine gröbere Form der Fremdesserei liegt vor, wenn eine Ex, die man kaum noch sieht, sich bedient, ohne zu fragen; sie meint zehn Jahre danach, man sei sich immer noch nah. Dokumentiert ist auch Fremdessen in Gruppen. Vor allem in Chinarestaurants mit Drehplatte. Es gibt Leute, die bestellen cool irgendein Meeresschlabbertier. Sie drehen es dann aber der Person zur Linken zu und nehmen sich lieber vom leckeren Cashew-Huhn der Person zu ihrer Rechten.


Fremdgehen
Wir leben in einer fremdgehenden Gesellschaft. Wie viele Paare, die wir kennen, haben sich getrennt, weil sie, weil er oder weil gleich beide fremdgegangen sind. Seitensprungagenturen und -plattformen verdienen gutes Geld. Was verblüfft: Mit welcher Dreistigkeit und Leichtfertigkeit betrogen wird. 1970 wurde erstmals Monty Pythons Sketch «The Ministry of Silly Walks» (Ministerium der albernen Gänge) ausgestrahlt. Die Damen und Herren im Ministerium gingen fremd, sie bestachen durch fremde (sprich fremdartige) Gangarten. 45 Jahre sind seither vergangen. Der Gang der Zeit hat einiges verändert. Zeitgemäss umbenannt müsste das Ministerium heute denn auch Ministry of Silly Fucks heissen.


Fremdlesen
Es gibt sie tatsächlich noch, Bürger, die in Bus und Tram sogenannte Qualitätszeitungen lesen. Und auch wenn Qualitätszeitungen in Bezug auf Qualität nicht immer über jeden Zweifel erhaben sind, gelingt es deren Redaktionen doch noch erstaunlich oft, das eine oder das andere Thema so analytisch zu vertiefen und so attraktiv zu gestalten, dass die Lektüre mundet wie das Wiener Schnitzel in der Kronenhalle. Das bleibt natürlich auch den Gratiszeitungslesern im ÖV nicht verborgen. Doch ein teures Abo lösen? Man ist doch nicht blöd! Viel günstiger (nämlich gratis) ist es, sich unauffällig hinter dem Qualitätszeitungsleser zu postieren und still und leise mitzugeniessen. Wir finden: eine Saumode!


Fremdfühlen
Ab und zu fühlen wir alle fremd: Wir verdrücken eine Träne, wenn die Kollegin von der Hochzeit im Traumkirchlein erzählt. Daneben gibt es das «Fremdfühlen» des Alltagspsychopathen. Hat einer kein eigenes Leben, kann es sein, dass er an einem anderen Leben übermässig Anteil nimmt. Ein Freund erzählte kürzlich befremdet, was ihm passiert war. Er war mit einem entfernten Bekannten, den er auf der Strasse getroffen hatte, ein Bier trinken gegangen. Der Bekannte fragte, wie es ihm gehe. Der Freund erzählte, dass ihn eben die Freundin verlassen habe. Der Bekannte fragte und fragte daraufhin nach immer neuen Details, das hatte etwas Lüsternes. Und am Ende weinte er, als sei er der Verlassene. Ein klassischer Fremdfühler.


Fremdriechen
Jeder Verbrecher hinterlässt Spuren, das lehren uns die Ermittler in zahlreichen Detektivserien. Ebenso hinterlässt jede Verbrecherin Spuren, das lehrt uns aktuell das Leben (und im Leben die neue Nachbarin): Im Treppenhaus, im Eingang, vor den Briefkästen – und vor allem im Lift. Es ist eine Duftspur der penetranten Art, die die Dame hinter sich herzieht. Auch wenn in Parfümerien bloss Frauen gefragt werden, ob sie sich allenfalls parfümieren lassen wollen, betrifft das Phänomen keineswegs bloss die Frauen. Männer wenden bei der Parfümierung allzu oft eine einfache Regel an: Je billiger der Duft, desto mehr Parfüm (oder parfümierter Deodorant) muss aufgetragen werden.


Fremdfeiern
Im Fachjargon nennt man sie «Vernissagenmarder»: Die Menschen, die im Internet oder in Zeitungen akribisch nach lokalen Kunstanlässen Ausschau halten, die Eröffnungsdaten in die Agenden eintragen, und, wenn einer der Festtage gekommen ist, die entsprechende Galerie aufsuchen, dort sofort das Buffet anpeilen, den Teller mit Schnittchen beladen, ein Weissweinglas fassen, sich vor ein Gemälde stellen und genüsslich tafeln. Das Prozedere wiederholen sie je nach Appetit/Durst fünf- bis zehnmal, wobei die Smarteren ab «Gang» sechs oder sieben wenigstens mal das Kunstwerk wechseln. Doof finden diese Fremdfeierfreudigen nur die Laudatio – weil nach deren Ende Applaus gefragt ist und sie dafür Teller und Glas abstellen müssen.


Fremdhören
Man sitzt zu zweit in der Beiz des Vertrauens, wartet hungrig auf Menü eins oder zwei, und um die Zeit zu überbrücken, plaudert man munter drauflos. Es beginnt banal («Ich muss eine neue Zahnbürste kaufen»), doch irgendwann wirds spannender («Ich hab glaubs herausgefunden, wie man mit der Cumuluskarte am Bancomat Hunderter rauslassen kann!») und schliesslich brisant («Er hat eine Affäre! Ich riechs an seinen Kleidern!»). Spätestens jetzt hört mit 99-prozentiger Sicherheit nicht mehr nur das Vis-à-Vis zu, auch die Esser links und rechts und hinten und vorn sind mitten drin statt nur dabei – was man an ihren leicht geröteten Ohren und ihrem angestrengten Blick in den «Blick» gut erkennen kann. Wir finden: eine Saumode!

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