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Mehr bewegen, weniger SchmerzenZu jung für ein Kunstgelenk? Das können Sie tun

Mit einem spezifischen Training lassen sich Gelenkbeschwerden deutlich reduzieren. Wir haben bei einem Patientenkurs reingeschaut.

Patient Marc Young, angeleitet von Physiotherapeutin Martina Stalder, bei einer Stabilisationsübung.
Patient Marc Young, angeleitet von Physiotherapeutin Martina Stalder, bei einer Stabilisationsübung.
Foto: Nicole Philipp

Marc Young liegt auf dem Rücken, die gestreckten Beine auf einem Gymnastikball abgestützt. Dann hebt er das Becken und bald auch das rechte Bein – und senkt es wieder langsam ab bis auf den Ball. Danach hebt er das andere Bein, senkt es wieder… «Noch zweimal», spornt ihn Physiotherapeutin Martina Stalder an, die daneben kniet und darauf achtet, dass ihr Patient die Übung korrekt ausführt. Jahrelang hat Marc Young als Zimmermann und Parkettleger gearbeitet – jetzt, mit 67, sind seine Knie und die rechte Hüfte zerschlissen: Arthrose.

Nicht viel besser geht es der 63-jährigen Susanne Born, die nur ein paar Meter entfernt das Treppensteigen übt. Seit die Sekretärin und passionierte Wanderin vor drei Jahren im Wald in ein verborgenes Loch trat, leidet auch sie an Knieschmerzen.

Oft geht es auch ohne Prothese

Seitwärts rutschen: Susanne Born. leidet seit einem Misstritt unter Kniebeschwerden.
Seitwärts rutschen: Susanne Born. leidet seit einem Misstritt unter Kniebeschwerden.
Foto: Nicole Philipp

Doch für einen künstlichen Gelenkersatz fühlen sich beide noch zu jung. Deshalb besuchen sie mit rund zehn weiteren Arthrosepatientinnen und -patienten am Spital Emmental in Langnau und Burgdorf die in der Schweiz noch wenig bekannte GLA:D-Gruppentherapie gegen Hüft- und Kniearthrose. Die Abkürzung steht für das in Dänemark entwickelte Programm «Good Life with Arthritis Denmark», also gutes Leben mit Arthrose. Denn das Ziel der Therapie ist es, die Schmerzen so weit zu verringern, dass man auch ohne Operation eine gute Lebensqualität erlangt – oder einen Gelenkersatz zumindest hinauszögern kann.

„Bewegung verbessert die Symptome wie Schmerzen und Einschränkungen.“

Karin Niedermann, Professorin für Physiotherapieforschung

Das auf der Basis internationaler Empfehlungen entwickelte Trainingsprogramm besteht vor allem aus einem Übungsset, das von der Physiotherapeutin individuell angepasst wird, sowie Schulungen mit dem Ziel, dass die Patienten die Übungen nach dem Gruppenkurs auch allein zu Hause weiterführen. «Der Kurs soll sie befähigen, ihre Gelenkprobleme selbstständig zu managen», erklärt Karin Niedermann, Professorin für Physiotherapieforschung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Dazu gehöre auch eine allfällige Gewichtsreduktion – ein häufig unterschätzter Risikofaktor für vorzeitige Gelenkabnutzung.

 «Heute heisst die Devise immer öfter: Bewegen statt passiv therapieren»:  Karin Niedermann, Professorin für Physiotherapieforschung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
«Heute heisst die Devise immer öfter: Bewegen statt passiv therapieren»: Karin Niedermann, Professorin für Physiotherapieforschung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
Foto: PD

Die ZHAW bietet seit letztem Jahr als einzige Institution in der Deutschschweiz eine GLA:D-Weiterbildung für Physiotherapeutinnen an. Das Interesse ist laut Niedermann «überwältigend». In der Schweizer Physiotherapie, so die Expertin, sei gerade ein «Paradigmenwechsel» im Gang: Heute heisse die Devise immer öfter «Bewegen statt passiv therapieren». Denn das verbessere die Arthrosesymptome wie Schmerzen und Gelenkseinschränkungen. Zudem wirke sich Bewegung positiv aus auf die Knorpelernährung.

Der Strategiewechsel verwundert nicht. Die Resultate aus Dänemark sind überzeugend: Nach 12 Monaten aktiver Bewegungstherapie haben sich bei den dortigen Arthrosepatienten Schmerzsituation und Gehfähigkeit im Schnitt um rund 30 Prozent verbessert. Und erste Daten in der Schweiz lassen auf eine ähnliche Erfolgsrate schliessen.

Ein Volksleiden

Das ist von grosser Bedeutung: Hierzulande leidet die Hälfte der über 60-Jährigen an Arthrose, das sind rund 1,5 Millionen Menschen. Etwas häufiger betroffen sind Frauen, vermutlich aus genetischen Gründen, und weil sie älter werden als Männer.

Abhilfe tut also not. Fachärzte wie der Orthopäde Claudio Dora von der Klinik Wilhelm Schulthess in Zürich oder Rheumatologe Lukas Wildi, Chefarzt am Kantonsspital Winterthur, begrüssen deshalb das neue Therapiekonzept. «Wir wissen schon länger, dass Patienten mit einer umfassenden konservativen Therapie oft über viele Jahre beschwerdearm mit ihrem Arthrosegelenk zurechtkommen», sagt Wildi. Und wenn GLA:D die Physiotherapie-Intervention verbessere, ergänzt Dora, der auch die Schweizerische Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie präsidiert, dann sei dies nur zu unterstützen.

«Diese Therapie tut mir gut»

Beide sind sich aber auch einig, dass ein schwer geschädigtes Gelenk nicht um jeden Preis erhalten werden sollte. Dies sei etwa der Fall, wenn die Schmerzen konservativ kaum mehr kontrolliert werden könnten und ein Ausmass annehmen würden, dass sogar die Alltagsaktivitäten stark eingeschränkt seien. «Dann ist ein künstlicher Gelenkersatz sicher zu empfehlen», sagt Rheumatologe Lukas Wildi.

Marc Young, der Emmentaler Physiopatient, hofft, dass es bei ihm noch möglichst lange nicht so weit ist. «Mir tut diese Therapie gut», sagt er und wischt sich Schweissperlen von der Stirn. «Vor allem im Rumpfbereich bin ich bereits viel stabiler geworden – und das hilft auch meiner Hüfte.» Wenn der Kurs abgeschlossen ist, will er die Übungen zu Hause auf jeden Fall weiter machen. «Ich weiss ja jetzt, wie es geht.»

Die GLA:D-Gruppentherapie wird von den Krankenkassen bezahlt und bereits an verschiedenen Orten in der Schweiz angeboten einen Überblick finden Sie unter https://gladschweiz.ch

14 Kommentare
    C. F. Abel

    Es bleibt rätselhaft, warum das zu einer Besserung führt. Denn mehr Belastung führt im kranken Gelenk zu noch mehr Abnutzung. Vielleicht Stabilisierung durch mehr Kraft? Nachwachsen von Hyalin- oder Faserknorpel? Theoretisch und nach eigener Erfahrung führt Bewegung zu einer Verdünnung bis Abfuhr schmerzerzeugender Enzyme - wonach es aber durch die Abrasion noch schlimmer werden kann ab zwei Tagen später. Ich hatte vor 20 Jahren den Vorschlag zur beidseitigem Hüftgelenkimplantat. Bei weitgehendem Schonen, Velofahren nur, kein Gehen für Monate sieht es nun auf dem Röntgen gut aus.