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Gespräch mit einem Doppelagenten Zu Besuch bei dem Mann, der England an die Russen verriet

Der charmante Engländer, der mir in Moskau beim Tee gegenübersitzt, war KGB-Agent und hat unzählige Menschenleben auf dem Gewissen. Wieso hat er getan, was er getan hat?

Ein Mann mit mindestens zwei Gesichtern: der Spion George Blake (Aufnahme aus den Sechzigerjahren).
Ein Mann mit mindestens zwei Gesichtern: der Spion George Blake (Aufnahme aus den Sechzigerjahren).
Foto: Crown/Mirrorpix/Getty Images

Als der Doppelagent George Blake am zweiten Weihnachtstag 2020 in Moskau stirbt, ist er achtundneunzig Jahre alt – und meine Biographie über ihn längst abgeschlossen. Mehr noch, das fertige Buch mit der Lebensgeschichte des George Blake liegt unter dem Titel «The Happy Traitor» praktisch schon zur Auslieferung bereit. So pünktlich streift einen der Mantel der Geschichte nur selten.

Und doch scheint diese kuriose Pointe dem Gegenstand irgendwie gemäss. Blakes Leben enthält Irrwitz genug für eine ganze Netflix-Serie, spiegeln sich darin doch die grossen Dramen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Mann mit britischem Pass, aber geboren in den Niederlanden. In jungen Jahren, während der deutschen Okkupation, sammelt er erste Erfahrungen als Kurier für den niederländischen Widerstand. Heuert nach dem Krieg beim englischen Geheimdienst MI6 an, gerät im Koreakrieg in nordkoreanische Gefangenschaft – und wechselt die Seiten. Von nun an arbeitet er als Doppelagent für den KGB, liefert Mitstreiter im Dutzend ans Messer. Als er 1961 enttarnt wird, ist man in England so entsetzt, dass er die höchste Freiheitsstrafe der jüngeren Geschichte erhält. Hier könnte die Erzählung enden. Doch Blake gelingt die Flucht. Die Einzelheiten der minutiös geplanten Aktion sind so spektakulär, dass Alfred Hitchcock den Plot bis zu seinem Tod nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Sein einziger nicht realisierter Film.

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