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Schlüsselspieler im Interview«Zeig mich doch an»

Wacker Thuns Nicolas Raemy erklärt, inwiefern sich sein Image veränderte, nachdem er gegen einen Kontrahenten juristische Schritte eingeleitet hatte. Und er verrät, ob ihn das Schleudertrauma noch immer belastet.

Oft verletzt, meist brillant, stets «anders»: Nicolas Raemy, Wackers Kreativkopf.
Oft verletzt, meist brillant, stets «anders»: Nicolas Raemy, Wackers Kreativkopf.
Foto: Christian Pfander

Wie oft haben Sie sich schon gefragt, wo Sie nun wohl stünden, wären Sie nicht so häufig ausgefallen?

Nicolas Raemy: Kein einziges Mal. Wirklich nicht! Das ist nichts, was ich beeinflussen kann, also beschäftige ich mich nicht damit. Ich bin vielmehr glücklich mit dem, was ich bisher erreicht habe.

Dann fragen wir Sie eben: Wo stünden Sie, wenn all die gesundheitlichen Probleme nicht gewesen wären?

(Überlegt) Ich sehe das so: Durch die Pausen konnte sich mein Körper immer wieder erholen. Deswegen werde ich vermutlich länger spielen können, als wenn ich nie etwas gehabt hätte. Ich betrachte die Sache also positiv. (schmunzelt)

Wacker ist deutlich stärker, wenn Sie dabei sind. Gibt es Leute im Verein, die Ihnen indirekt vorwerfen, zu oft verletzt zu sein?

Es fällt auch mal ein Spruch in diese Richtung, so à la «Du bist schon lange hier und hast noch nicht so oft gespielt». Aber das ist nie böse gemeint, denke ich. Ein reines Gewissen habe ich in jedem Fall: Ich tue jeweils mein Möglichstes, damit ich so früh, wie es nur geht, wieder mittun kann.

Wenn Sie fehlen, mangelt es im Wacker-Spiel oft an Kreativität, für die Sie stehen. Ist diese lernbar?

Das ist eine gute Frage, das hat fast schon einen wissenschaftlichen Ansatz. (lächelt) Eine gewisse Veranlagung dazu muss vorhanden sein. Dann lässt sich darauf aufbauen. Wir haben eine junge Mannschaft mit viel Potenzial – eine Mannschaft, die schon oft bewiesen hat, wozu sie fähig ist. Nun müssen wir konstanter werden, auch in spielerischer Hinsicht.

Sie vermögen jeweils gleich wieder zu brillieren, wenn Sie nach einer Pause zurückkehren. Sind Sie talentierter als die andern?

Bei mir sieht es vielleicht manchmal danach aus, als fiele es mir leicht – weil ich eher der lockere Typ bin. Aber es ist nicht so, dass ich einfach auf den Platz komme, und dann klappt es. Da steckt viel Arbeit dahinter. Ich bin nicht derjenige, der sich am längsten im Kraftraum aufhält. Aber ich trainiere sehr wohl hart.

Sie schlagen sich seit dem Sommer mit einer Fussverletzung herum. War es ein Fehler, im Januar an der EM teilgenommen zu haben?

Nein, ganz bestimmt nicht – weder aus meiner Optik noch aus derjenigen von Wacker. Als ich mir den Mittelfussknochen im Spätherbst ein zweites Mal gebrochen hatte, entschieden wir, die Verletzung konservativ zu behandeln. Noch ist die Sache nicht zusammengewachsen. Aber das wäre sie auch dann nicht, wenn ich nicht gespielt hätte. Es hatte keinen Einfluss darauf.

Raemy läuft an der EM in Schweden auf, ohne zuvor in der Meisterschaft gespielt zu haben. Er gehört zu den besten Schweizern, vermag das Ausscheiden in der Gruppenphase aber nicht zu verhindern.
Raemy läuft an der EM in Schweden auf, ohne zuvor in der Meisterschaft gespielt zu haben. Er gehört zu den besten Schweizern, vermag das Ausscheiden in der Gruppenphase aber nicht zu verhindern.
Foto: Keystone

An der EM spielten Sie, nun bei Wacker pausieren Sie grossteils: Weshalb?

Bevor ich in die Nationalmannschaft einrückte, hatten wir viele Tests gemacht. Ich spürte keine Schmerzen, die Ärzte gaben grünes Licht. An der EM lief es sehr gut. Nach den ersten Einsätzen mit Wacker kamen die Probleme wieder. Spiele ich für Thun, ist die Belastung stärker; das ist intensiver, als wenn ich für die Schweiz auflaufe.

Wie meinen Sie das?

Ich habe hier eine andere Rolle, ich muss mehr machen, gehe öfter in das Eins-gegen-Eins. In der Nationalmannschaft ist es Andy Schmid, der die entscheidenden Dinge tut, ich bin dort eine Art Assistent.

Wann werden Sie wieder spielen können?

Das lässt sich unmöglich prognostizieren. Wir arbeiten intensiv daran, dass es besser wird. Und wenn die Fortschritte nicht kommen, werden wir uns fragen müssen, ob es langfristig betrachtet nicht besser wäre, den Fuss erneut zu operieren. Dieses ständige Hin und Her, die Pausen: Das bringt uns ja nicht weiter.

Demnach wäre die Saison für Sie gelaufen.

Das wäre die Konsequenz davon, ja.

Sie haben kürzlich Ihren Vertrag um gleich drei Saisons verlängert und sind 28-jährig: Demnach ist die Sache mit dem Auslandtransfer vom Tisch.

Ach, wenn ein Wahnsinnsangebot käme, würden wir wohl einen Weg finden, das zu realisieren. Aber das peile ich nicht an. Ich bleibe aus Überzeugung in Thun und habe hier noch viel vor.

«Wäre ich bei den Kadetten, hätte ich bestimmt irgendwann auch was gewonnen. Aber es wäre nicht dasselbe.»

Nicolas Raemy

Weshalb Wacker und nicht beispielsweise Kriens, Ihr Heimatclub, oder das finanzstarke Schaffhausen?

Da gibt es viele Gründe. Zunächst fühle ich mich sehr wohl im Oberland, und ich glaube, dass ich hier mit meiner Art ganz gut ankomme. Und wir haben eine interessante Mannschaft, mit der man Titel gewinnen kann. Aber hier ist der Erfolg nicht quasi garantiert: Wir müssen darum kämpfen, vielleicht über uns hinauswachsen. Entsprechend gross ist die Genugtuung, wenn man eine Trophäe stemmen kann.

Sagten Sie deswegen, der Cupsieg 2019 habe Sie besonders glücklich gemacht?

Genau – weil uns das keiner zugetraut hatte. Wäre ich bei den Kadetten, hätte ich bestimmt irgendwann auch was gewonnen. Aber es wäre nicht dasselbe.

Sie gerieten im Herbst in die Schlagzeilen, nachdem Sie Milan Skvaril und damit einen früheren Gegenspieler angezeigt hatten. Sind Sie unverändert davon überzeugt, das Richtige getan zu haben, indem Sie juristische Schritte einleiteten?

Ja. Ohne jeden Zweifel.

Sie haben nie mit dem Gedanken gespielt, die Anzeige zurückzuziehen?

Indem der Verband Massnahmen ankündigte, etwa schwere Verstösse härter zu bestrafen, hatte ich mein Hauptziel erreicht. Ich versuchte mich danach mit Milan zu einigen. Tags darauf machte Suhr (Skvarils früherer Verein; die Redaktion) öffentlich, dass ich einen Vergleich angestrebt hatte. Die Anklage ist hängig. Viel mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.

Milan Skvaril drückt in Spiel 4 des Playoff-Viertelfinals seinen Ellbogen gegen den Nacken Nicolas Raemys. Dieser muss danach zwei Partien aussetzen.
Milan Skvaril drückt in Spiel 4 des Playoff-Viertelfinals seinen Ellbogen gegen den Nacken Nicolas Raemys. Dieser muss danach zwei Partien aussetzen.
Foto: Christian Pfander

Nach dem heftigen Foul Skvarils kamen Symptome wieder, welche Sie im Zuge eines Schleudertraumas während 17 Monaten am Spielen gehindert hatten. Wie geht es Ihnen diesbezüglich heute?

Es geht mir seit dem Sommer wieder sehr gut.

Glauben Sie, dass Ihr Ansehen in der Handballszene durch die Anklage gelitten hat?

Ja, vermutlich schon ein wenig. Bereits in meinem ersten Match danach meinte ein Gegenspieler, nachdem er mich umgerissen hatte: «Zeig mich doch an.» Aber wer sich mit dem Fall vertraut gemacht hat, wer meine Beweggründe kennt und weiss, dass ich dadurch einiges erreicht habe, der wird mein Vorgehen zumindest nachvollziehen können.