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Blinder Fleck in der StatistikZahl der Toten in Grossbritannien explodiert

Tausende Menschen sind in Heimen an Corona gestorben, ohne registriert zu werden. Experten reden nun von bis zu 45’000 Todesopfern.

Letztes Geleit: Angehörige und Pflegende eines Altersheims in Schottland nehmen Abschied von einem Corona-Opfer.
Letztes Geleit: Angehörige und Pflegende eines Altersheims in Schottland nehmen Abschied von einem Corona-Opfer.
Foto: Jeff Mitchell/Getty Images

Tausende von Menschen in britischen Alters- und Pflegeheimen sind der Coronavirus-Pandemie zum Opfer gefallen, ohne in den offiziellen Statistiken aufzutauchen. Und die Zahl der Toten in diesem Bereich steigt offenbar weiter steil an. Mindestens 5500 Heimbewohner sollen bis vorigen Freitag der Krankheit erlegen sein. Das ergibt sich aus einer neuen Zusammenstellung des Amts für Nationale Statistik in London.

Für die laufende Woche werden Tausende weiterer solcher Todesfälle in den Pflegeheimen erwartet. Inzwischen sollen diese Fälle schon für mehr als ein Drittel aller Corona-Toten im Lande verantwortlich sein. Die Zahl der seit Beginn der Krise in britischen Spitälern verstorbenen Opfer wurde am Dienstag von der Regierung auf 21’680 veranschlagt. Das bedeutet, dass sich die Gesamtzahl der Coronavirus-Toten im Land der 30’000er-Marke nähert oder diese inzwischen sogar schon überschritten hat.

Frankreich und Spanien überholt

Damit hätte Grossbritannien mehr Todesfälle als Frankreich und Spanien zu beklagen und würde Italien die unrühmliche Spitzenposition in Europa streitig machen. Londons renommierte «Financial Times» kommt über eigene Berechnungen mittlerweile sogar auf 45’000 Tote, die «direkt oder indirekt» dem Virus zum Opfer gefallen seien. Das wären mehr als doppelt so viele wie von der Regierung registriert. Britische Kommentatoren bezeichneten die neuen Enthüllungen über die Todesrate in Pflegeheimen als «schockierende Entwicklung».

Regierungskritiker zeigten sich freilich wenig überrascht. Die Regierung hatte der Situation in den Heimen anfangs wenig Beachtung geschenkt im Vergleich zur Lage in den Spitälern. Zwar riet das Gesundheitsministerium Heimleitern schon früh, keine Besucher mehr zuzulassen bei den «besonders gefährdeten» Menschen im Heim. Das Heimpersonal verfügte aber kaum irgendwo über die nötige Schutzkleidung. Auch Testgeräte für Pfleger und Heimbewohner waren nicht vorhanden. Erst Mitte April erklärte das Ministerium, alle Heimbewohner, die Corona-Symptome zeigten, könnten getestet werden. Inzwischen ist die Armee im Einsatz, um Schutzkleidung und Masken zu verteilen.

Anders als in den Spitälern hat Corona in den Heimen den Höhepunkt noch nicht erreicht.

Wegen fehlender Koordination und zeitlicher Verzögerung beim Registrieren von Todesfällen war die Situation in den Heimen bisher relativ undurchsichtig. Tatsächlich scheint sich die Zahl der Coronavirus-Opfer in den Heimen im April aber von Woche zu Woche vervielfacht zu haben. Anders als in den Spitälern habe die Krankheit dort ihren Höhepunkt «noch keineswegs erreicht», sagen Experten.

Insgesamt sind fast eine halbe Million Menschen in Grossbritannien in rund 15’000 Heimen untergebracht. Das seien «die Schutzlosen», die niemanden wirklich kümmerten, haben Angehörige bitter erklärt. Die jetzt veröffentlichten Statistiken zeigten, «was wir seit Wochen im Grunde gewusst haben», nämlich dass Heime in der Corona-Krise «den am meisten betroffenen Bereich der Gesellschaft» bildeten, sagt Sam Monaghan, der Chef des grössten karitativen Verbands britischer Alters- und Pflegeheime.

Menschen nicht im Heim lassen

Die Direktorin des Nationalen Fürsorge-Forums klagt, den Heimen fehle es noch immer an Schutzkleidung fürs Personal, an ärztlichen Überwachungsgeräten, an raschen und umfassenden Testmassnahmen und an ausreichender Finanzierung. Was man brauche, sei ein um die Heime gelegter «Ring aus Stahl». Mike Padgham, Geschäftsführer der Gruppe Unabhängiger Fürsorger, sagt, in den Heimen stehe man mittlerweile «an der wahren Frontlinie» im Kampf gegen die Pandemie in Grossbritannien. «Das Ganze fordert einen schrecklichen Tribut.»

Liz Kendall, die Sprecherin der oppositionellen Labour Party für Fürsorge und Pflege, appellierte an die Regierung, «alles zu tun, was getan werden muss», um den Heimen und ihren Bewohnern zu helfen. Sie forderte, dass erkrankte oder auch aus dem Spital entlassene Heimbewohner in den neu eröffneten grossen Nightingale-Feldlazaretten des Landes aufgenommen werden, um dort versorgt zu werden – statt dass man sie in den Heimen belasse oder wieder dorthin überstelle, wo die Gefahr für sie am grössten sei.