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Reportage aus den USAWo der Ku-Klux-Klan mordete – und heute ein Schwarzer regiert

Der Mord an drei Bürgerrechtlern in Mississippi schockierte 1964 die USA und prägte den Kampf gegen den Rassismus. Löst der Tod von George Floyd aktuell etwas Ähnliches aus?

Mitglieder der Mississippi Freedom Democratic Party halten Porträts von den drei ermordeten Bürgerrechtlern aus Mississippi während einer Demonstration in  New Jersey 1964.
Mitglieder der Mississippi Freedom Democratic Party halten Porträts von den drei ermordeten Bürgerrechtlern aus Mississippi während einer Demonstration in New Jersey 1964.
Foto: Ralph Crane (The Life Picture Collection via Getty Images)

Leroy Clemons hat keine Erinnerungen an den 21. Juni 1964. Er war damals zwei Jahre alt. Es dauerte lange, bis er erfuhr, was sich in jener Sommernacht in seinem Heimatort in Mississippi zugetragen hatte. Vielleicht war da mal eine dunkle Andeutung am Esstisch, ein hingeraunter Satz in der Schule, aber mehr nicht. Nie. «Alle hatten sich irgendwie geeinigt, zu der Sache einfach zu schweigen», sagt Clemons. «Sie taten so, als wäre es ein Geheimnis.»

Jeder Ort hat Geheimnisse, auch ein Ort wie Philadelphia, 7000 Einwohner, eine Hauptstrasse mit ein paar Geschäften. Doch das, was hier vor exakt 56 Jahren passierte, war nie geheim. Jeder Einwohner von Philadelphia weiss, dass Mitglieder des Ku-Klux-Klans hier drei junge Bürgerrechtler gejagt und getötet haben.

Das FBI schickte damals Agenten, die in den Sümpfen nach den Leichen suchten. Sie fanden sie in einem Erddamm, tief vergraben. Die TV-Sender schickten Journalisten, die über die Suche berichteten. Selbst Walter Cronkite reiste an, der legendäre Nachrichtensprecher, und erklärte den Fall zur «Hauptsorge dieses Landes».

Das grosse Schweigen

Kein Geheimnis also, und trotzdem: Nachdem das FBI und die Reporter abgezogen waren, redete in Philadelphia lange niemand über die Geschehnisse des 21. Juni 1964. Leroy Clemons war 15 Jahre alt, als er das erste Mal in einem Buch darüber las. «Ich konnte nicht glauben, dass nie jemand mit uns darüber gesprochen hatte», sagt Clemons, «aber so war es. Und so blieb es.»

Leroy Clemons, eckige Brille, buschige Augenbrauen, ist in einem schwarzen Quartier von Philadelphia aufgewachsen. Er war Präsident der örtlichen Sektion der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), der wichtigsten schwarzen Bürgerrechtsorganisation. Er ist Diakon in seiner Kirchgemeinde, Vorsteher eines Jugendzentrums und Mitglied des Stadtrats.

Der 58-Jährige hat sein ganzes Leben damit verbracht, die Menschen von Philadelphia dazu zu bringen, über den Mord des Sommers 1964 zu reden, die Vergangenheit aufzuarbeiten, zur Versöhnung zu finden. Es ist eine Aufgabe, die noch nicht zu Ende ist.

«Kein Weisser interessierte sich früher dafür, wie es hier aussah»: Leroy Clemons (58) vor seinem Jugendzentrum in Philadelphia.
«Kein Weisser interessierte sich früher dafür, wie es hier aussah»: Leroy Clemons (58) vor seinem Jugendzentrum in Philadelphia.
Foto: Alan Cassidy

Clemons sitzt unter einem Holzdach neben einem Baseballfeld in seinem Quartier. Es ist zehn Uhr morgens, vom Himmel von Mississippi knallt schon die Sonne. Einige weisse Freiwillige aus der Nachbarschaft reparieren einen Zaun, der das Feld umgibt, ein paar Arbeiter streichen eine Wand.

«Das», sagt Clemons und zeigt auf die Männer, «hätte es früher nicht gegeben. Früher spielten hier nur schwarze Kids Baseball, und kein Weisser interessierte sich dafür, wie es hier aussah.» Philadelphia sei heute eine andere Stadt. «Aber das heisst nicht, dass alles weg ist, was in den Köpfen der Leute einmal da war.»

Sommer der Freiheit

Auch in Philadelphia, wo eine Mehrheit der Einwohner weiss ist, haben in diesen Tagen Menschen gegen den Tod von George Floyd protestiert. Sie zogen vor das Gerichtsgebäude und skandierten, was Demonstranten überall in den USA skandieren: «No justice, no peace», ohne Gerechtigkeit kein Frieden.

Dann sagte ein Redner: «Wir sind auch hier wegen James Chaney.» Chaney war einer der drei Aktivisten, die in Philadelphia umgebracht wurden. Er war der einzige schwarze Bürgerrechtler der Gruppe, und wohl deshalb wurde er von seinen Mördern zuerst mit einer Eisenkette geschlagen und kastriert, bevor sie ihn erschossen.

Der Mord an James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner, später verewigt im Film «Mississippi Burning», fiel mitten in die Zeit, als Bürgerrechtler in den Südstaaten gegen die Rassentrennung kämpften. Hunderte Studenten und Aktivistinnen reisten im Sommer 1964 aus dem Norden an, um Schwarzen dabei zu helfen, sich als Wähler zu registrieren – es war der sogenannte «Freedom Summer».

Am Tisch mit dem Ku-Klux-Klan

Erwartet wurden sie dort von gewaltbereiten Rassisten. Die drei Bürgerrechtler waren nicht ihre einzigen Opfer: In den Sümpfen rund um Philadelphia fand das FBI die Leichen von acht weiteren Schwarzen. Niemand hatte über ihr Verschwinden gross berichtet. Möglich war das alles nur, weil die lokale Polizei die Täter immer wieder schützte – und manchmal sogar selbst aktiv wurde. Am Mord an Chaney, Goodman und Schwerner war auch der örtliche Hilfssheriff beteiligt.

Leroy Clemons brauchte lange, um zu begreifen, woher dieser Hass kam – der Hass auf die Schwarzen. Und richtig begriffen, sagt er, habe er es immer noch nicht. 1970, als auch Mississippi die Segregation an den Schulen endlich aufhob, kam er als einziger Afroamerikaner in eine Klasse mit Weissen.

Schulfreunde luden ihn zu sich nach Hause zum Essen ein. Am Tisch sassen jeweils auch die Eltern. «Erst später erfuhr ich, dass einige dieser Väter Mitglieder des Klans waren», sagt Clemons. «Ich hätte es nicht gemerkt. Sie waren stets höflich.»

«Bei den Weissen war da eine abgrundtiefe Scham, ein Schuldgefühl.»

Bürgerrechtler Leroy Clemons

Den Mantel des Schweigens, der so lange über allem lag, erklärt sich Clemons damit, dass viele Weisse nicht damit zurechtkämen, nichts gegen das Unrecht getan zu haben. «Da war eine abgrundtiefe Scham, ein Schuldgefühl. Deshalb blieben sie lieber still.»

Irgendwann brachte Clemons die Menschen doch noch zum Reden. 2004 gründete er mit anderen Bürgern, Pastoren und Geschäftsleuten die Philadelphia Coalition, eine Gruppe, die den 40. Jahrestag des Mordes begehen wollte – es war der erste Versuch dieser Art. Die Bürger hielten Versammlungen ab, trafen sich zu Aussprachen in kleinen Gruppen und verabschiedeten einen «Aufruf zur Gerechtigkeit».

Verurteilt – nach 41 Jahren

Darin forderten sie von den Behörden von Mississippi, den Mord neu aufzurollen und den inzwischen 80-jährigen Edward Ray Killen anzuklagen, der beim ersten Prozess 1967 straflos ausgegangen war. Killen hatte den Mord geplant. 2005 wurde er zu 60 Jahren Haft verurteilt.

Gerechtigkeit, die Forderung der heutigen «Black Lives Matter»-Demonstranten: Das war auch das, was Leroy Clemons und seine Mitstreiter verlangten. Sie mussten 41 Jahre darauf warten.

Die Ereignisse von Philadelphia und die landesweite Empörung, die sie auslösten, trugen dazu bei, dass der Kongress im gleichen Sommer den Civil Rights Act verabschiedete, das wohl wichtigste Bürgerrechtsgesetz. Es hob die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen auf.

Demonstranten an den «Black Lives Matter»-Protesten in Mississippi vergleichen den Tod von George Floyd mit den Ereignissen des Sommers 1964.
Demonstranten an den «Black Lives Matter»-Protesten in Mississippi vergleichen den Tod von George Floyd mit den Ereignissen des Sommers 1964.
Foto: Keystone

Viele Demonstranten, die in diesen Tagen in Mississippi gegen Polizeigewalt auf die Strasse gehen, haben an den Mord von Philadelphia erinnert. Und auch ältere Bürgerrechtler ziehen den Vergleich zu den 1960er-Jahren. «Wenn ich die jungen Leute sehe, die gegen die Tötung von George Floyd protestieren, bin ich wütend, dass der rassistische Terror immer noch da ist», schreibt die Soziologin und Aktivistin Joyce Ladner. «Ich bin wütend, weil sich nichts geändert zu haben scheint.»

Ist der Tod von George Floyd heute, was der Mord an James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner 1964 war? Leroy Clemons zweifelt am Vergleich. «Viele der heutigen Demonstranten haben kein Gefühl mehr für die Probleme, mit denen wir Schwarzen früher konfrontiert waren.» Als junger Mann hätte er nie gedacht, dass eines Tages ein Schwarzer Bürgermeister von Philadelphia werden würde: «Doch genau das ist hier passiert.»

«Wir machen Fortschritte»

James Young, so heisst der Bürgermeister, rollt an diesem Morgen mit seinem Pick-up-Truck heran, um mit den Freiwilligen und Arbeitern zu reden, die das Baseballfeld herrichten. Was sich geändert habe in Philadelphia? «Noch nicht genug, aber wir machen Fortschritte», sagt er.

Die Menschen müssten mit eigenen Augen sehen, dass Versöhnung nicht nur gepredigt, sondern konkret vorgelebt werde. Er zeigt auf die Sportanlage: «Wir sind erst jetzt an einem Punkt, wo wir in solche Projekte investieren können.»

Fortschritte also: Die sieht auch Clemons. Er sagt, er sei bewegt darüber, was gerade im Land vor sich gehe. Zum vielleicht ersten Mal laufe eine richtig breite Debatte über die Ungleichheiten, denen Afroamerikaner überall ausgesetzt seien. «Ich könnte in keiner besseren Zeit leben», sagt er.

«Kein Gesetz kann etwas gegen den Hass ausrichten. Das geht nur mit Dialog.»

Bürgerrechtler Leroy Clemons

Clemons bezweifelt allerdings, ob sich diese Ungleichheiten mit Gesetzen und Reformen aus dem Weg schaffen lassen, wie sie derzeit diskutiert werden. «Kein Gesetz kann etwas gegen den Hass ausrichten, den manche Menschen im Herzen tragen. Das geht nur mit Dialog, indem wir mit diesen Leuten reden.»

Aber was, wenn auch das nicht reicht? Wenn der Hass bleibt? «Das Gute ist», sagt Clemons, «dass die Leute, die so denken, am Aussterben sind. Der Lauf der Geschichte ist mächtiger als sie.»

Wer das nicht glaube, solle sich auf den Weg machen, sagt er. Nach Philadelphia, Mississippi, wo einst der Ku-Klux-Klan mordete – und wo heute ein schwarzer Bürgermeister regiert.