Kliptown: Im Schatten der WM

Arbeitslosigkeit, Drogen, Kriminalität, Teenagerschwangerschaften – Kliptown (Soweto) hat alles, und der Staat foutiert sich darum. Private versuchen, das Armenquartier zu einem besseren Ort zu machen – auch mit Fussball.

Blick auf ein Armenviertel in Soweto: Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Ebenso die Kriminalitätsrate und die Zahl der HIV-Infizierten.

Blick auf ein Armenviertel in Soweto: Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Ebenso die Kriminalitätsrate und die Zahl der HIV-Infizierten. Bild: Keystone

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Es sind die Gegensätze, die Südafrika für den Besucher manchmal fast unerträglich machen. Da ist Siyabonga. Mit seinem Kamerun-Shirt steht der Junge in Kliptown, Soweto, wo 44000 Einwohner mit 80 Toiletten auskommen müssen, und träumt von Real Madrid. Dort möchte er einmal Fussball spielen. Wenn das nicht klappt, sagt er, wäre er auch für Manchester United bereit. Natürlich hat der 17-Jährige ohne Schulabschluss keine Chance, seinen Traum zu verwirklichen. Für ihn geht es in Kliptown schlicht darum, nicht von den Problemen aufgefressen zu werden, die ihn täglich umgeben. Und keine 15 Minuten Autofahrt entfernt steht Soccer City, 420 Millionen Franken in Stahl und Beton gegossen, der Repräsentationsbau des neuen Südafrika.

«Der Staat macht nichts»

Es sind die Menschen, die den Besucher mit Südafrika versöhnen. Monwabisi Baleni zum Beispiel. Der 23-Jährige steht in der Mitte eines kleinen, mit Stacheldraht gesicherten Grundstücks und erklärt das Kliptown Youth Program (KYP). Einen Versammlungsraum gibt es hier, eine kleine Bibliothek, einen Unterrichtssaal, eine Küche, in der von Montag bis Freitag für 350 Kinder gekocht wird. Ein kleiner Garten ist angelegt. Und daneben liegen zwei, nun ja, es müssen wohl Fussballplätze sein. Zumindest wird auf dem kleinen Teer-Viereck und im Staub daneben intensiv gegen den Ball getreten.

Baleni war einer der Ersten, die nach der Gründung 2007 am Lehrprogramm des KYP teilgenommen haben. Heute leitet er dieses Angebot selbst, das Schülern hilft, am Ende des zwölften Schuljahres die Abschlussprüfungen zu bestehen. Baleni selber hat die Matrics bestanden – die südafrikanische Matura. Aber Geld, um danach an die Universität zu gehen, hatte er keines. Also ist er im KYP geblieben, «um Kliptown zu einem besseren Ort zu machen». Regelmässigen Lohn erhält er für seinen Einsatz nicht, das KYP ist eine private Organisation und auf Spenden angewiesen. Und der Staat? «Die Regierung», sagt Baleni, «macht gar nichts für uns.» Mit «uns» ist nicht das KYP allein gemeint. Sondern ganz Kliptown.

70 Prozent Arbeitslosigkeit

Kliptown, das ist seit 1903 ein Elendsviertel praktisch ohne Infrastruktur. Auch heute noch teilen sich Hunderte von Familien in diesem Teil von Soweto einen öffentlichen Wasserhahn, die meisten Menschen leben in Hütten ohne Strom, zumindest ohne offiziellen. Da der Staat nicht für den Anschluss sorgt, wird Elektrizität gestohlen. Überall hängen dünne Drähte über den schiefen Bretterbuden.

Wenn die Regierung schon wegschaut, dann gibt es wenigstens andere, die sich engagieren. So wie Liana Laubscher und Gert Potgieter. Schon während der Apartheid haben die beiden, sie professionelle Tennistrainerin, er Südafrikas Leichtathlet des 20.Jahrhunderts, begonnen, in Townships Sportprogramme anzubieten. Dort, wo alle wohnen mussten, die keine weisse Hautfarbe hatten. Seit 1995 haben sich die zwei mit ihrer Firma Altus Sport ganz dem Ziel verschrieben, Sport und soziales Engagement zu fördern.

An diesem Tag ermöglichen es die zwei Siyabonga und rund dreissig anderen Jugendlichen, sich für ein paar Stunden dem grossen Fussball näherzufühlen. Ein amerikanischer Trainer ist aus San Diego angereist und lässt so professionell trainieren, wie es eben auf festgetretener, komplett unebener Erde geht. Ein scharfer Wind bläst, Staub dringt in Augen und Lungen, die eben gespendeten Bälle verspringen in den Rinnen, die der Regen in den Boden gefressen hat. Aber das macht nichts. Es hat Bälle, und es kann gespielt werden. Mehr zählt nicht in diesen Momenten, in denen klar wird, warum Baleni das KYP einen «sicheren Hafen» nennt.

Rundherum herrschen 70 Prozent Arbeitslosigkeit, die Kriminalitätsrate ist hoch. Drogen und Alkohol sind ein massives Problem, rund ein Viertel der Einwohner ist mit HIV infiziert, über die Hälfte der Mädchen wird als Teenager schwanger. «Und sie werden von ihren Eltern auch noch dazu ermuntert», ärgert sich Potgieter, «weil sie dann Kindergeld erhalten.»

Auch Nike investiert

Es sind diese Themen, die Potgieter und Laubscher in ihren Projekten ansprechen. «Wir müssen die Kinder über all diese Gefahren aufklären», sagt Potgieter, «und wenn wir nur das Leben eines einzigen Kindes verändern, hat sich alles gelohnt.»

An diesem Nachmittag aber steht der Fussball im Zentrum. Am Ende der zweistündigen Übungseinheit verteilt Montele Graves, der US-Trainer, Schlüsselanhänger und gute Tipps: «Was immer ihr auch macht, ihr müsst den Willen haben, um zu gewinnen.» Ein Jugendlicher wagt es dann noch zu fragen, wofür dieser Haken sei, den er nun um seinen Hals trägt. Viele Schlüssel werden nicht in seinem Besitz sein.

Eine kurze Autofahrt von Kliptown entfernt, aber immer noch in Soweto, liegt eine andere Welt. Nike hat vor wenigen Tagen sein Trainingszentrum eröffnet. Zwei Kunstrasenplätze der neuesten Generation, Internetstationen, ein Kraftraum, ein Raum für HIV-Aufklärung und Garderoben in den Farben der grossen Teams dieser Welt: Barcelona, Manchester, Boca Juniors und so weiter. Gerade findet ein Turnier von Teams aus Soweto statt. Junge Fussballer liegen erstmals in ihrem Leben auf einem Massagetisch, werden mit Kraftmaschinen vertraut gemacht.

TV mit Solarstrom

Hier wurde geklotzt, nicht gespart. Es ist das Erbe, das der Sportkonzern nach der WM in Soweto hinterlassen will. «Fantastisch» findet Potgieter die Anlage mit ihren grosszügigen Hallen. Aber zugleich schränkt er ein: «Es profitieren nur jene Jugendlichen, die als Talente erkannt wurden und in Mannschaften spielen. Unsere Kinder in Kliptown nicht.»

Überhaupt, was hat die WM Kliptown gebracht? Monwabisi Baleni überlegt kurz. Dann sagt er: «Nichts.» Es sind höchstens die Nebenwirkungen, von denen sein Ort profitiert. Von Menschen wie Fussballcoach Graves, die wegen der WM ins Land kommen und gleichzeitig karitativ aktiv sein möchten. Oder von WM-bezogenen Spenden. So haben Laubscher und Potgieter einen Sponsor aufgetrieben, der dem KYP einen TV mit Solarstrom geschenkt hat. Das KYP ist zwar einer von zwei Orten in Kliptown, der offiziell Strom hat, doch weil die Kupferkabel stets gestohlen werden, blieb der Bildschirm meist schwarz.

«One Ball Can Change It All» steht auf einem Plakat, das auf der Rückfahrt von Kliptown am Strassenrand aufgestellt ist: «Ein Ball kann alles verändern.» Ein Slogan, der Liana Laubscher und Gert Potgieter auf Anhieb gefällt. «Schade nur, dass es nicht so einfach ist», sagt Potgieter. Morgen wird er wieder nach Soweto fahren. 100 WM-Tickets im Kofferraum, die ein Sponsor zur Verfügung stellt. Und wieder wird er hoffen, dass er Leben verändert – und wenn es nur ein einziges ist.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.06.2010, 09:03 Uhr

Engagement für Kinder: Liana Laubscher und Gert Potgieter. (Bild: Florian Raz)

Fussball mit echten Bällen: Das ist für die Jugendlichen
in Kliptown nicht alltäglich. (Bild: Florian Raz)

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