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Mit Begeisterung und Kriminalität

Honduras hat sich zum zweiten Mal für die Fussball-WM qualifiziert. Der Captain geht von einem Sieg gegen die Schweiz aus.

Euphorie im kleinen Fussball-Land Honduras: Anhänger feiern im vergangenen Oktober ihre Mannschaft und die WM-Qualifikation.
Euphorie im kleinen Fussball-Land Honduras: Anhänger feiern im vergangenen Oktober ihre Mannschaft und die WM-Qualifikation.
Keystone

Im honduranischen Fussball scheinen noch gemütlich-provinzielle Verhältnisse zu herrschen. Anruf beim nationalen Fussballverband, mit der Bitte um Informationen sowie Kontakten zu Spielern und Funktionären. Viele Nationalspieler seien bei ihren Klubs in Europa, sagt der Pressesprecher. «Aber der Captain und Rekordnationalspieler Amado Guevara ist hier in Tegucigalpa, wollen Sie seine Handynummer?» Ein unbekannter Anrufer erhält die Nummer des Captains einfach so am Telefon? «Äh … Sie müssen ihm ja nicht unbedingt sagen, dass ich sie Ihnen gegeben habe», antwortet der Funktionär. Abgemacht.

Die oberste Liga von Honduras besteht aus zehn Mannschaften, am Ende der Meisterschaft kommt es zwischen den beiden bestplatzierten Teams zu einem Final mit Hin- und Rückspiel. Um den Pokal kämpfen dieses Jahr die Mannschaften Olimpia und Motagua, beide aus der Hauptstadt Tegucigalpa.

Ohrfeige zwischen Kollegen

Das erste Spiel gewann Olimpia 3:1, am Sonntag, dem 10. Mai, erhält Motagua nun die Gelegenheit zur Revanche. Er sei deshalb etwas im Stress, sagt Guevara am Telefon. Schliesslich sei er auch Captain von Motagua und müsse sein Team zu einem Sieg mit zwei Toren Differenz führen, um zumindest die Verlängerung zu erzwingen. Was er vom WMGegner Schweiz halte? Tja, gegen diese Mannschaft habe Honduras noch nie gespielt. Sie sei sicher ernst zu nehmen, sollte aber eigentlich zu besiegen sein. Schliesslich erklärt er sich zu einem Treffen am nächsten Tag bereit. Er lässt es jedoch platzen und antwortet auch am Handy nicht mehr – vielleicht aus Ärger über sich selber. Im ersten Match hat Guevara dem Olimpia-Mittelfeldspieler Ramón Núñez, ebenso Nationalspieler, eine Ohrfeige versetzt. Kurz vor dem Interviewtermin wird bekannt, dass er für das Rückspiel gesperrt ist.

Die Nationalmannschaft des knapp 8 Millionen Einwohner zählenden Honduras hat es bisher erst einmal an eine WM geschafft, 1982 in Spanien. Dabei fand eines der beiden Spiele statt, die in die nationale Fussballgeschichte eingegangen sind. Am 16. Juni führte Honduras in der Gruppenphase gegen Spanien bis zur 65. Minute 1:0, ehe die Europäer dank eines Elfmeters noch ausglichen. Zum zweiten legendären Match kam es 2001 an der Lateinamerika-Meisterschaft Copa América, als Honduras das hoch favorisierte Brasilien im Viertelfinal 2:0 bezwang und damit für die wohl grösste Sensation in der Geschichte des Turniers sorgte. Im Halbfinal verlor das Team dann allerdings gegen Kolumbien.

Fussballkrieg gegen El Salvador

Daneben ist der honduranische Fussball mit einem historischen Ereignis verknüpft, dem sogenannten Fussballkrieg gegen El Salvador. 1969 trafen die beiden Teams anlässlich der Qualifikation für die WM in Mexiko dreimal aufeinander, beim letzten, in Mexico City ausgetragenen Match gewann El Salvador in der Verlängerung. Danach kam es zu Ausschreitungen mit Todesopfern. Das Spiel war jedoch lediglich Auslöser für die militärische Auseinandersetzung, ihr eigentlicher Grund bestand darin, dass rund 300 000 salvadorianische Bauern über die damals noch offene Grenze ins Nachbarland geströmt waren und illegalerweise Boden besetzt hatten. Als Honduras die Einwanderer zurückschicken wollte, reagierte El Salvadors Regierung mit einer Invasion, die nach wenigen Tagen scheiterte. Der polnische Reporter Ryszard Kapuscinski schrieb über den grotesken Konflikt, in dem auch alte amerikanische Propellerflugzeuge eingesetzt wurden, sein Buch «Der Fussballkrieg. Berichte aus der Dritten Welt».

Auch bei der Qualifikation zur diesjährigen WM spielte die Politik mit. Lange sah es so aus, als würde nicht Honduras, sondern Costa Rica nach Südafrika reisen, doch im letzten, am 14. Oktober 2009 ausgetragenen Ausscheidungsspiel musste der mittelamerikanische Konkurrent gegen die USA in der 92. Minute den Ausgleich hinnehmen – qualifiziert war jetzt Honduras. Damals herrschte noch die international isolierte Putschregierung unter dem Übergangspräsidenten Roberto Micheletti. Die Bevölkerung war zwischen dessen Anhängern und jenen des gestürzten linken Staatschefs Manuel Zelaya gespalten, dem Land drohten bürgerkriegsähnliche Zustände. Micheletti feierte den späten Triumph, als hätte er ihn persönlich errungen. Auch sein demokratisch gewählter Nachfolger Porfirio Lobo hofft, der Auftritt seines Landes in Südafrika werde die nach wie vor vorhandenen sozialen und politischen Gräben zuschütten.

Die Experten reden – fast immer

Sein Kalkül könnte durchaus aufgehen – denn die Honduraner sind fussballbegeistert und wären wohl ebenso fanatisch wie brasilianische oder argentinische Fans, wenn ihre Mannschaft ähnliche Erfolge vorzuweisen hätte. Dies zeigen unter anderem die zahlreichen Fussball-Fernsehsendungen. Eine der bekanntesten heisst «Los Intocables del Fútbol», die Unberührbaren des Fussballs: Sechsmal pro Woche diskutieren Experten eine Stunde lang über nationale und internationale Fussballereignisse, unter der Leitung des Oberexperten Henry Gómez. Dessen Büro liegt an einer der verkehrsreichsten Strassen Tegucigalpas, es ist vollgestopft mit Videorekordern, Kameras und Bildschirmen, die knallgelbe Krawatte des Moderators setzt einen munteren Kontrapunkt zum staubig-grauen Ambiente.

Tempo als grosse Stärke

Also, Herr Gómez, welches sind denn nun die Stärken und Schwächen des honduranischen Nationalteams? Worauf hat sich die Schweiz einzustellen? Erstaunlich an der kleinen Fussballnation Honduras ist laut Gómez, dass sie häufig Spieler hervorbringt, die von bedeutenden ausländischen Klubs verpflichtet werden und über internationale Erfahrung verfügen. Allerdings reist die Mannschaft nur mit sieben in Europa engagierten Spielern an die WM, die Schweiz hat fast gleich viele Einwohner und deutlich mehr Profis in den grossen europäischen Ligen (16).

«Die Stärke unserer Mannschaft liegt in der Schnelligkeit einiger Spieler, vor allem der Stürmer», sagt Gómez. Der beste ist David Suazo, der zuletzt beim CFC Genua spielte und 2006 zum besten ausländischen Fussballer der italienischen Meisterschaft gewählt wurde. Wilson Palacios hat mit Tottenham den Klub mit dem klangvollsten Namen. «Schwach sind honduranische Fussballer hingegen traditionell bei hohen Bällen», findet Gómez, «und Goalie Noel Valladares ist eine Katastrophe.»

Im Übrigen zählt Gómez eine ganze Reihe Funktionäre auf, die in jüngster Zeit wegen Korruption vor Gericht standen. Ausserdem würden die Fanklubs immer häufiger mit der Drogenmafia zusammenarbeiten. Am Vorabend des ersten Finalspiels hatte ein Killerkommando sechs Jugendliche erschossen, die angeblich zu den Ultras von Motagua gehörten. Und gleichzeitig vielleicht zu einer Drogengang, so genau weiss das niemand.

Ehemaliger Spitzenpolitiker leitet Fussballverband

Welche Bedeutung dem Fussball in Honduras zukommt, lässt sich auch daran ermessen, dass ein ehemaliger Spitzenpolitiker den Fussballverband leitet: Rafael Leonardo Callejas, honduranischer Präsident zwischen 1990 und 1994, wegen angeblicher Korruption mit einer Einreisesperre für die USA belegt. Jovial und gut gelaunt nimmt Callejas an einem Anlass im Hotel Plaza Libertador teil, bei dem eine Pommes-Chips-Firma einen Wettbewerb vorstellt: Wer genug Fussballerbildchen sammelt, kann umgerechnet bis zu 1200 Franken gewinnen.

Auf die jüngsten Unruhen im Nationalteam angesprochen, reagiert Callejas leicht ungehalten. Als die Mitglieder nach der erreichten Qualifikation auf ihre versprochene Prämie warten mussten, drohten einige von ihnen mit Streik, darunter auch der kolumbianische Trainer Reinaldo Rueda. Ist das Geld inzwischen überwiesen? «Kein Kommentar. Aber es ist alles in Ordnung». Laut Gómez hingegen warten die Spieler immer noch; es sei deshalb nicht ausgeschlossen, dass die Mannschaft vor einem Spiel in Südafrika mit Streik drohe.

Liga-Final auf tiefem Niveau

Viel lieber als über derartige Widrigkeiten spricht Callejas über seine taktischen Überlegungen. Honduras sei zwar das schwächste Team der Gruppe, aber im ersten Spiel gegen Chile liege ein Unentschieden drin, während die Schweiz gegen Spanien verlieren dürfte. Dies könnte seinem Team einen psychologischen Startvorteil verschaffen.

Im zweiten Match zwischen Motagua und Olimpia ist die Stimmung im ausverkauften Stadion hervorragend, weder vor noch nach dem Spiel kommt es zu Ausschreitungen. In einem nervösen, von zahlreichen Fehlern geprägten Spiel gewinnt Motagua 1:0, sodass Olimpia seinen Vorsprung retten kann und Meister wird. Fussballerisch bleibt festzuhalten: Böten zwei Schweizer Spitzenteams eine derartige Leistung, würde man von einer Enttäuschung sprechen.

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