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Welcher Staat, welches System kriegt Corona in den Griff?

China macht es autoritär, in Europa zögert man, Singapur brilliert. Ist jetzt Demokratie stärker oder Diktatur? Ein Vergleich von Andreas Kunz.

Das Coronavirus geht um die Welt, in Echtzeit verfolgen wir, wie die Zahl der Infizierten und Toten steigt. Können bei anderen globalen Krisen wie dem Klimawandel einzelne Länder Massnahmen verweigern, ist die Epidemie akut: Kein Staat kann es sich leisten, nichts zu tun – egal, ob er autoritär oder demokratisch regiert wird, ob er sich religiös oder aufklärerisch definiert.

Für einen abschliessenden Vergleich der Systeme ist es zu früh. Der Peak ist noch nicht erreicht, vieles bleibt unvorhersehbar, anderes basiert auf Vermutungen. Zum Beispiel, dass sich das Virus in südländischen Regionen schneller ausbreitet, weil dessen Bewohnerinnen herzlicher miteinander umgehen als die eher distanzierten Nordländerinnen.

Bei der Bekämpfung der Epidemie lassen sich aber bereits grosse Unterschiede festhalten:

Europäische Kakofonie

Jede Nation erlässt andere Massnahmen, mal früher, mal später, hier drastischer, dort abgeschwächter. Sagte Italien zum Beispiel kurz nach Ausbruch der Epidemie die ersten Spiele ab, regiert in Deutschland weiter König Fussball. In Brüssel treffen zwar laufend neue Taskforces neue Entscheidungen, aber deren Umsetzung dauert. Der Missmut wächst: Warum müssen die einen auf alle Events verzichten, während ein paar Hundert Kilometer entfernt sich Zehntausende in den Stadien beim Torjubel küssen und umarmen – und dann über die Grenzen reisen?

Der grosse Vorteil demokratischer Staaten ist die Transparenz: Kaum etwas bleibt verborgen, alle wichtigen Gruppen sind involviert, laufend wird informiert, Fehler werden behoben, Strategien angepasst – und wer versagt, wird abgewählt.

Versicherte Schweizerinnen

Auch im Föderalismus reden alle mit, und niemand ist so richtig zufrieden, mit den anderen oft weniger als mit sich selbst. Das führt zwar zu grossem Tohuwabohu –aber am Ende gewinnt das beste Argument. Wobei hierzulande vielleicht alles noch vorsichtiger, gründlicher und korrekter angegangen wird als im Rest Europas – immerhin ist die Schweiz auch das Land der Versicherungen: Nirgends werden mehr Policen abgeschlossen als bei uns.

Notstand in China

Demokratinnen atmeten weltweit fast ein bisschen auf: Die Strategie der neuen Weltmacht, Probleme zu unterdrücken und zu verschweigen, versagte spektakulär. Auch deshalb hat China bis heute mit Abstand die meisten Opfer zu beklagen. Umso radikaler ging die Diktatur vor, als sie die Krise eingestehen musste, alles abriegelte und jedes Velo desinfizierte. Die Massnahmen haben die weitere Ausbreitung des Virus wirkungsvoll verhindert – falls die offiziellen Angaben denn heute stimmen.

Der Iran am Anschlag

Zwar erlässt auch der stark betroffene Gottesstaat mittlerweile diktatorische Massnahmen. Er liess zum Beispiel 54000 Häftlinge vorübergehend aus Gefängnissen, in denen sich das Virus rasant ausgebreitet hatte – wobei fraglich bleibt, inwiefern diese frei umherlaufenden, potenziell Infizierten die Epidemie eindämmen sollen. Im Vergleich zu China oder Europa sind in der iranischen Theokratie die ­Infrastruktur und das Gesundheitssystem miserabel, sodass die Sterberate deutlich höher liegt. Nicht nur vertrauen die Mullahs weiterhin auf Allah – «Gebete können viele Probleme lösen», sagte Revolutionsführer Ali Khamenei – auch die heiligen Schreine bleiben geöffnet, die täglich von Tausenden Pilgerinnen berührt und geküsst werden.

Amerikanische Trumpokratie

Der Präsident hält sich für bedeutender als die demokratischen Institutionen und ignoriert am liebsten den Rat sämtlicher Expertinnen – jetzt könnte er genau über diese Überheblichkeit stolpern, wenn er die Ausbreitung des Virus weiterhin verharmlost, sich die Zahl der Opfer massiv erhöht und die Wirtschaft einbricht. Falls Trumps Staatsapparat in den kommenden Wochen und Monaten nicht funktioniert und er sich für die Lösung des Problems mit seinen politischen Todfeindinnen nicht verbünden kann, werden zuerst die Amerikanerinnen bestraft – und bei den nächsten Wahlen wohl auch Trump selbst.

Goldstandard Taiwan und Singapur

Bereits ab Ende Januar verweigerte Taiwan und wenig später auch Singapur allen Chinesinnen die Einreise und prüfte die übrigen Ankömmlinge auf Fieber – was auf einer Insel natürlich besser funktioniert. Zugute kam den offiziell demokratisch, aber sehr autoritär geführten Staaten ihre Erfahrung mit der Sars-Krise von 2003: Schnelle Top-down-Entscheidungen, bereitstehende Infrastruktur wie mobile Virustests, zu denen Einwohnerinnen hinfahren und sich im Auto prüfen lassen konnten, sowie hohe Bussen bei Widerhandlungen führten dazu, dass Singapur und Taiwan bei der Bewältigung der Krise als Supermächte gelten dürfen.

«Die Schweiz weiss jetzt, dass es oft anders kommt, selbst wenn man sich für alle Notfälle gewappnet wähnt.»

Ein erstes Fazit zeigt, dass autoritäre Länder in akuten Krisen am effektivsten handeln können. Der Vertrauensverlust, den China bei der Bevölkerung erlitten hat, sitzt aber tief und wird das Regime noch lange belasten. Autoritären Regimes fehlt das Korrektiv durch das eigene Volk und die nötige Transparenz, um Fehler und Missstände erkennen zu können.

Vielleicht wird die Corona-Krise letztlich beweisen, dass die Demokratie trotz aller Abgesänge die beste aller schlechten Staatsformen bleibt – solange sie gut geführt und in Notfällen trotz aller Aufgeregtheit handlungsfähig ist.

Es ist paradox: Das Corona-virus führt zu einer weltweiten Krise – gleichzeitig lässt sie die einzelnen Ländern besser werden und das globale Dorf zusammenwachsen. China musste sich gegen innen wie aussen öffnen. Der Iran hat internationale Expertinnen um Hilfe gebeten. Europa lernt, Massnahmen schneller umzusetzen. Die Schweiz weiss jetzt, dass es oft anders kommt, selbst wenn man sich für alle Notfälle gewappnet wähnt. Und sogar Trump hat endlich seine Gegnerin gefunden.

Hinweis:

Dieser Artikel erschien zuerst am 8. März, dem Weltfrauentag. Aus diesem Anlass verwenden wir darin – wo immer möglich – statt des generischen Maskulinums das generische Femininum. Zum Beispiel: Patientinnen statt Patienten.

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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