Wo selbst Anfänger sicher landen

In Wollishofen werden Männerträume wahr: Ein neuer Flugsimulator lässt Möchtegernpiloten unter professioneller Anleitung überall hinfliegen.

Die Piste 28 am Flughafen San Francisco beginnt an der Seestrasse: Blick in das originalgetreue Cockpit eines A320. Der echte Pilot sitzt rechts.

Die Piste 28 am Flughafen San Francisco beginnt an der Seestrasse: Blick in das originalgetreue Cockpit eines A320. Der echte Pilot sitzt rechts.

(Bild: Nicola Pitaro)

Ruedi Baumann@Ruedi_Baumann

Noch schöner wäre es, einen Flugsimulator daheim im Keller zu haben. Doch das originalgetreue Cockpit eines A320 mit 10 Displays und rund 200 Knöpfen – Joystick und Pedale inbegriffen – kostet eine gute sechsstellige Summe. Der neuste Simulator steht seit gestern an der Seestrasse 346 in Wollishofen – im Lokal einer Papeterie, die ihre Ladenfläche verkleinert hat.

Der junge, blonde Instruktor trägt tadellose Uniform mit schneeweissem Hemd und imponierend vielen Goldstreifen. Er setzt sich auf den Sitz des Co-Piloten, der Hobbypilot auf den Sitz des Captains – auch wenn er vom Fliegen keinen Schimmer hat. Nach einer ersten Instruktion darf er aus 24'000 Destinationen auslesen. «Die meisten wählen ihren Heimflughafen oder einen der gefährlichsten oder spektakulärsten Flughäfen der Welt», sagt Instruktor Florian Reichel. Besonders beliebt sind der alte Flughafen Hongkong, die Karibikinsel St. Marteen mit der kurzen Piste zwischen Meer und Berg oder Madeira.

Anschnallen ist nicht nötig

Wir wählen San Francisco. Der Instruktor programmiert ein Flugzeuggewicht von 60 Tonnen, 1013 Hektopascal Luftdruck, einen Umkehrpunkt nördlich von Sausalito und schönes Wetter – wegen der Golden Gate Bridge. Anschnallen ist nicht nötig, denn der Simulator steht nicht wie die Profi-Geräte in Kloten auf rüttelnden Teleskopbeinen – dafür kostet der Flug in Wollishofen etwa sechsmal weniger: 139 Franken für eine halbe, 239 Franken für eine Stunde.

Das Cockpit und die 180-Grad-Sicht durch die drei Frontscheiben sind täuschend echt. Die Bay von San Francisco ist ebenso programmiert wie die Lägern, der Zürichsee oder die Schweizer Alpen. «50 Prozent Schub, bis die Drehzahl hochgelaufen ist, dann voll», befiehlt der Instruktor. Die Triebwerke heulen auf, bei 140 Knoten geht die Nase hoch. Der Instruktor ist ein guter Psychologe; er gibt dem Anfänger das Gefühl, selber zu fliegen, lobt viel und greift noch häufiger behutsam ein. Gleichzeitig eine Höhe von 3000 Fuss zu halten, Kurs 310 zu fliegen und rechts unten einen Blick auf die Golden Gate Bridge zu erhaschen, überfordert den Laien.

Manche bleiben die ganze Nacht

Und der Simulator könnte noch viel mehr: Triebwerkausfälle, Turbulenzen, Nebel oder Funkverkehr in Fliegerenglisch. Wir begnügen uns mit einer eleganten Rechtskurve mit maximal 30 Grad Neigung – «mehr wäre bereits Kunstflug», sagt der Instruktor. Dann landen wir wieder in San Francisco.

«Es gibt Kunden, die buchen einen Echtzeitflug von London nach New York während einer ganzen Nacht», sagt der deutsche Unternehmer Wolfram Schleuter, der mit iPilot die erste Kette mit professionellen Flugsimulatoren gegründet hat. Zwölf Simulatoren stehen zwischen London, Zürich, München und Dubai. iPilot will sich bewusst von den Profisimulatoren in den Flughäfen unterscheiden, die häufig schwer erreichbar, teuer und in Randzeiten buchbar sind. Im Operation Center 1 am Flughafen wurde Ende Oktober ein weiterer A320-Simulator mit ähnlichen Preisen und ähnlicher Technik eröffnet wie iPilot.Instruktor Florian Reichel ist für alle Flugziele, Routen und Wetterlagen zu haben – eines aber stellt er klar: «Klamauk machen wir nicht.» Er unterquert keine Brücken und lässt es nicht zu, dass Kunden auf Hochhäuser zurasen oder absichtlich abstürzen. Da geht seine Ehre als Berufspilot vor.

Tages-Anzeiger

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