Weshalb im Zug das Internet streikt

Wir haben uns längst an das mobile Internet gewöhnt. Unterbrüche in Intercity-Zügen sorgen jedoch immer wieder für Ärger. Der Swisscom-Sprecher erklärt das Problem.

Auch mobile Funkantennen garantieren kein durchgehendes Internet: Pendler zwischen Zürich und Bern. (Archivbild)

Auch mobile Funkantennen garantieren kein durchgehendes Internet: Pendler zwischen Zürich und Bern. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Die Versorgung mit Telefonie und Internet im Zug gehört heute zur Selbstverständlichkeit. Die Nutzer verlangen immer schnellere, zuverlässigere und günstigere Dienste. Dazu wird die Funktechnik bis an ihre Grenzen ausgereizt.

«400 Personen rasen in einem funkundurchlässigen Metallbehälter mit weit über 100 Stundenkilometer durch die Landschaft und möchten dabei zusammen ein Gigabit Daten pro Sekunde konsumieren.» So erklärt Swisscom-Sprecher Olaf Schulze die schwierige Aufgabe der Telekomanbieter, Intercity-Reisende im Zug zwischen Zürich und Bern mit Internet und Telefonie zu versorgen.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Mobiltelefone, Tablets und Laptops alle 40 Sekunden mit einem anderen Sendemasten verbunden werden müssen und dabei weder Gespräche unterbrochen noch Daten verloren gehen dürfen. «Selbst mit modernster Technik ist diese Herausforderung nicht perfekt zu lösen», sagt Schulze.

Mehr Nutzer mit viel mehr Daten

Mit den Möglichkeiten des mobilen Internets ist nämlich auch der Qualitätsanspruch der Reisenden stark gewachsen. Immer mehr nutzen den Zug als mobiles Büro oder Stubenersatz. Doch nur wenn die Datenverbindung zur Firmenzentrale klappt, lässt sich am Notebook flüssig arbeiten. Will man unterwegs geniessen statt arbeiten, ärgert man sich stattdessen, wenn die Musik von Streaming-Diensten plötzlich abbricht.

Die technophile junge Generation will unterwegs sogar Videos und TV direkt aus dem Internet konsumieren und so ihr Jugend-Abo mit unbeschränktem Datenvolumen bis zur Neige ausschöpfen. Unter dem Strich finden sich im Zugsabteil so immer mehr Internet-Nutzer, von denen jeder mehr Daten konsumieren will.

Sogar die Geräte selbst sind datenhungriger geworden und wollen beispielsweise Fotos sofort im Internet publizieren oder sich permanent mit Internetseiten wie Facebook und Twitter aktualisieren. Die meisten Geräte sind dabei noch mit UMTS-Technik (3G) ausgerüstet, welche vom neuen Netzausbau mit dem leistungsfähigeren LTE-Standard (4G) nicht profitieren können.

Technik und Tricks

An der Verbesserung der Digitalversorgung im Zug wird fleissig gearbeitet. Neben zusätzlichen Sendemasten sind es vor allem Funkrepeater im Zug, welche für bessere Internetverbindungen sorgen. Denn im Inneren des Zuges sind die Funksignale abgeschwächt und lassen daher nur noch eine reduzierte Bandbreite zu.

Deshalb installieren die SBB und InTrainCom - ein Konsortium aus Orange, Sunrise und Swisscom - auf den Dächern von Zugwagen eine Empfangsantenne. Die Signale werden mit einem Repeater verstärkt ins Wageninnere übertragen.

Ergänzend gibt es in einem Teil der Erste-Klasse-Wagen der SBB ein von Swisscom betriebenes Wireless-LAN. Mit diesem können sich Notebook und Smartphones direkt verbinden. Um die Weiterleitung vom WLAN ins Handy-Netz kümmert sich ebenfalls optimierte Sendeelektronik.

Parallel haben aber auch die Kunden Tricks für bessere Internetversorgung im Zug entwickelt. Wer beispielsweise im vordersten Waggon sitzt, kommt einige Millisekunden früher in den Empfangsbereich eines neuen Sendemasten und erhält so eher eine Verbindung.

Auf einigen Strecken kann sich auch die taktische Wahl eines Telecom-Anbieters lohnen. Denn wenn sich 30 Orange-Kunden oder 100 Swisscom-Kunden einen Sendemast mit identischen Kapazitäten teilen, ist die Minderheit im Vorteil.

«Der Netzausbau ist nicht bei allen Anbietern identisch. Auf bestimmten Strecken können wir deshalb eine bessere Versorgung gewährleisten», führt Therese Wenger von Orange aus.

Kaum Alternativen

Technische Alternativen zum bestehenden Handy-Netz stehen kurzfristig kaum zur Verfügung. Im rechnerischen Optimalfall mit parallel drei LTE-Sendern der drei Anbieter lässt sich ein Zug mit insgesamt 300 Megabit Daten pro Sekunde versorgen. Zum Vergleich: Die meisten Hausanschlüsse liefern heute 10 bis 100 Megabit pro Haushalt.

Seitens der SBB werden die Bahnhöfe mit WLAN aufgerüstet, was aber nur punktuell hilft. Ideen, die Internetversorgung im Zug via Stromleitung (Power Line Communication) oder Satellit zu verbessern, scheitern derzeit an der technischen Realisierbarkeit.

Zugreisende müssen deshalb weiterhin vorausdenken und ihr Mobilgerät vor der Abreise mit digitalen Zeitschriften, Musik und Daten füllen. Am besten lässt man das Handy noch während des Zähneputzens zu Hause E-Mails und Cloud-Dienste synchronisieren.

bru/sda

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