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So geben wir das Steuer aus der Hand

Selbstfahrende Autos sparen Energie, bringen Betagte an ihr Ziel und verursachen weniger Unfälle. Es könnte aber auch anders kommen. Drei Szenarien.

Das Auto der Zukunft könnte auch ohne Fahrgäste unterwegs sein. Und seinen Besitzer zum Beispiel von der Arbeit abholen. Foto: Keystone
Das Auto der Zukunft könnte auch ohne Fahrgäste unterwegs sein. Und seinen Besitzer zum Beispiel von der Arbeit abholen. Foto: Keystone

Selbstfahrende Fahrzeuge werden die Mobilität verändern. Wie genau sie das tun, ist jedoch alles andere als klar. Denkbar wäre, dass dereinst fast ausschliesslich automatisierte Fahrzeuge in Privatbesitz unterwegs sind und der klassische öffentliche Verkehr kaum noch eine Rolle spielen wird. Denkbar ist aber auch, dass der Staat lenkend eingreift und die Bildung eines raffiniert ineinandergreifenden Netzwerks aus klassischem ÖV und selbstfahrenden Sammeltaxis fördert. Dann würde der Privatverkehr kaum noch notwendig sein.

In einer Studie zu selbstfahrenden Fahrzeugen in der Schweiz hat die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss nun drei Szenarien präsentiert und diskutiert. «Das Thema automatisiertes Fahren ist weit mehr als ein technologisches Thema», sagt Co-Autorin Fabienne Perret vom Beratungsunternehmen EBP Schweiz. «Die Studie soll einen Dialog anstossen, wie unsere Mobilität künftig aussehen soll.»

Gründe, in ein selbstfahrendes Fahrzeug einzusteigen, gibt es durchaus. Roboterautos sind mit dem Versprechen verknüpft, weniger Unfälle zu bauen und mithin, global betrachtet, jedes Jahr bis zu 1 Million weniger Verkehrstote zu verursachen. Schliesslich sind Steueralgorithmen niemals müde oder abgelenkt. Dank intelligenter Kommunikation zwischen den Autos liessen sich Staus vermeiden. Die effizientere Fahrweise ohne sinnlos aufbrausende Motoren und überzogene Beschleunigungsmanöver würde Energie sparen und somit die Umwelt schonen. Viele Parkflächen in den Städten könnte überflüssig werden, was Platz für andere Verkehrsteilnehmer schaffen würde, etwa für Velos und Fussgänger.

Es besteht die Gefahr, dass viele aus Bequemlichkeit auch dort ins Roboterauto steigen würden, wo sie zuvor beispielsweise den Zug gewählt hätten.

Selbstfahrende Autos könnten auch Betagten, Kindern oder körperlich beeinträchtigten Menschen zu mehr Mobilität verhelfen, heisst es in der TA-Swiss-Studie. Wenn sie nicht selbst gelenkt werden müssen, liesse sich die Reisezeit anders verwenden, etwa für Büroarbeiten. Durch kollektiv genutzte Fahrzeugflotten liesse sich der Gesamtbestand an Autos und somit auch das Verkehrsaufkommen reduzieren. 2016 haben Verkehrsforscher um Kay Axhausen von der ETH Zürich das für den Grossraum Zürich simuliert. Wenn Zeiten des Wartens auf selbstfahrende Sammeltaxis von bis zu zehn Minuten akzeptiert würden, so das Resultat, könne die Fahrzeugflotte um bis zu 90 Prozent reduziert werden.

Wenn das Auto autonom fahren kann, braucht es keinen Parkplatz mehr in der Stadt. Blick auf den Parkplatz eines Autohändlers. Foto: Urs Jaudas
Wenn das Auto autonom fahren kann, braucht es keinen Parkplatz mehr in der Stadt. Blick auf den Parkplatz eines Autohändlers. Foto: Urs Jaudas

Andererseits gibt es auch Risiken und Nachteile. Wie unter anderem eine Studie der Universität Leeds gezeigt hat, könnte die Attraktivität autonomen Fahrens die potenziellen energetischen Vorteile wieder zunichtemachen. Denn viele Leute würden künftig aus Bequemlichkeit auch dort ins Roboterauto steigen, wo sie zuvor beispielsweise den Zug gewählt hätten. Volkswagen hat bereits einen «One-Button» vorgestellt: Es genügt der Druck auf einen Knopf am Schlüsselanhänger, sofort wird man geortet, und das nächste freie autonome Fahrzeug fährt vor.

«Die Zersiedlung der Landschaft könnte sich zudem verstärken, weil die Menschen bei der Wahl ihres Wohnortes weniger auf dessen Erreichbarkeit achten müssten», heisst es in der TA-Swiss-Studie. «Ausserdem könnten selbstfahrende Fahrzeuge den hierzulande gut ausgebauten und etablierten öffentlichen Verkehr konkurrenzieren.»

Roboterautos stellen uns auch vor moralische Fragen

Ein weiteres Problem ist der Datenschutz. «Im Grunde erhöhen automatisierte Autos die Effizienz und Sicherheit nur, wenn sie untereinander und mit der Infrastruktur vernetzt sind», sagt Perret. «Konsequenterweise müssten auch Velofahrer, Kinder und Fussgänger zur Erhöhung der Sicherheit Teil dieses Netzes sein. Aber wollen wir das?» Schliesslich erheben selbstfahrende Autos Unmengen an Informationen und tauschen diese untereinander, mit ihrer Umgebung und mit einem zentralen Server aus. Die Daten könnten durch Hacker erbeutet oder das System von aussen lahmgelegt werden. «Damit ergeben sich neue datenschützerische Herausforderungen, insbesondere mit Blick auf Personendaten», heisst es in der Studie.

Wenn selbstfahrende Autos nachweislich weniger Unfälle und somit auch weniger Verkehrstote verursachen, dann stellen sich laut Perret auch ethische Fragen: «Kann man beispielsweise Menschen dazu zwingen, Roboterautos zu nutzen? Darf man überhaupt noch selber lenken, wenn man das möchte?»

«Man kann mit dem automatisierten Fahren aber auch sehr viel Unheil anrichten.»

Thomas Sauter-Servaes, Mitglied der Begleitgruppe der Studie

Die TA-Swiss-Studie gibt keine endgültigen Antworten auf derlei Fragen, beleuchtet aber diverse Konsequenzen der verschiedenen Szenarien. Dazu gehört auch die Umweltbelastung. So gibt es im individuellen Nutzungsszenario mehr Leerfahrten, und wegen der vielen Privatfahrzeuge ist der Ressourcenverbrauch sehr hoch. Das spricht eher für die kollektive Nutzung von automatisierten Sammeltaxis wie im dritten Szenario. Damit es dazu kommt, müsste der Staat aber massiv in die individuelle Verkehrsfreiheit eingreifen. «Es besteht ein Konflikt zwischen individueller Freiheit im Verkehr und einer möglichst nachhaltigen, ressourcenschonenden Gesellschaft», sagt Perret. Es müsse darüber diskutiert werden, wie stark der Staat den Einsatz autonomer Fahrzeuge in die eine oder andere Richtung lenken sollte – oder ob er die Entwicklung besser weitestgehend den Marktkräften überlassen sollte.

Auf der Autobahn könnte automatisiertes Fahren als Erstes eingesetzt werden. Blick auf die A1. Foto: Urs Jaudas
Auf der Autobahn könnte automatisiertes Fahren als Erstes eingesetzt werden. Blick auf die A1. Foto: Urs Jaudas

Laut Perret vollzieht sich der Übergang zum automatisierten Verkehr nicht von heute auf morgen. «Es wird einen wohl jahrzehntelang andauernden Übergangszustand geben, in dem klassische und autonome Fahrzeuge parallel unterwegs sind.» Zunächst dürfte sich das automatisierte Fahren auf Autobahnen und speziellen Strecken durchsetzen. In Städten käme es erst später. «Um eine hohe Sicherheit zu gewährleisten, schlagen wir vor, dass selbstfahrende Fahrzeuge in Städten nur mit geringem Tempo unterwegs sind, vielleicht mit 20 oder 30 km/h.»

Mit dem automatisierten Fahren könne man sehr viel Gutes bewirken, sagt Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), der nicht direkt an der Verfassung der TA-Swiss-Studie mitgewirkt hat, aber Mitglied der mehrköpfigen Begleitgruppe war. «Man kann damit aber auch sehr viel Unheil anrichten.» Um positive Aspekte wie urbane Flächengewinne zu realisieren, müsse man die Entfaltung des automatisierten Verkehrs aktiv gestalten. Zwar könne bis heute noch niemand mit Sicherheit sagen, wann selbstfahrende Autos wirklich kommen. «Aber wenn sie kommen, dann wird es ein Game-Changer sein», sagt Sauter-Servaes.

Das Auto beeinflusst auch die Stadt

Für den Mobilitätsforscher ist es wichtig, dass das automatisierte Fahren nicht allein von der technischen Machbarkeit getrieben wird. Nicht alles, was technisch möglich sei, ergebe auch Sinn. «Ohne eine auf die Reduzierung des Fahrzeugaufkommens ausgelegte Regulierung im Hintergrund wird es sehr gefährlich», sagt Sauter-Servaes.

Wir müssten uns heute überlegen, in was für Städten wir in 20 oder 30 Jahren leben wollten. Dazu empfiehlt Sauter-Servaes einen Blick nach Paris. Dort propagiert die Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Idee der 15-Minuten-Stadt: Jeder Einwohner von Paris soll alles Wichtige in einem Radius von 15 Minuten ohne Auto erreichen können. «Anhand solcher Visionen für eine lebenswerte Stadt müssen wir überlegen, welche Rolle autonome Autos in Zukunft spielen sollen.»

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