«Sehr, sehr bald gibts selbstfahrende Autos»

Was bringt uns die Zukunft mittelfristig? Der Futurist Ben Hammersley hat klare Vorstellungen. Maschinen übernehmen viele Arbeiten, die heute von Menschenhand erledigt werden.

Der Futurologe Ben Hammersley erwartet grosse Veränderungen beim Verkehr und in der Arbeitswelt – und bleibt trotzdem zuversichtlich.

Der Futurologe Ben Hammersley erwartet grosse Veränderungen beim Verkehr und in der Arbeitswelt – und bleibt trotzdem zuversichtlich.

(Bild: Beat Mathys)

Ben Hammersley, werden unsere Kinder, wenn sie in 15 Jahren im Auto auf die Strasse dürfen, noch selber steuern müssen? Ben Hammersley: Nein. Dann gibt es selbstfahrende Fahrzeuge. So lange brauchen wir indes nicht zu warten. Zwar sind noch keine Autos erhältlich, die uns autonom ans Ziel bringen. Die Auto­piloten aber, die in einigen Neuwagen stecken, nehmen einem viel ab. Technisch sind wir fast am Ziel. Ich bin überzeugt, dass es sehr, sehr bald selbstfahrende Autos zu kaufen gibt.

Auf die Strasse dürfen diese Wagen aber wohl noch lange nicht. Die Entwicklung wird durch die Gesetze gebremst. Das ist normal: Der Gesetzgebungsprozess ist stets langsamer als die technische Entwicklung. Die Politiker machen aber vorwärts. Spätestens in 5 Jahren werden selbstfahrende Lastwagen, Lieferwagen, Busse und Taxis aufkreuzen. Vielleicht nicht hier, aber in Städten, wo der Verkehr dicht und gefährlich ist. Schauen Sie sich in London um: Teilweise stehen alle paar Meter Andenken an Radfahrer oder Fussgänger, die von Bussen oder Lastern getötet worden sind. Verbannt der Bürgermeister die gefährlichen, von Menschen gefahrenen Fahrzeuge, macht er sich beliebt.

Da bin ich mir nicht so sicher. Noch stehen viele Leute den selbstfahrenden Fahrzeugen sehr kritisch gegenüber. Erinnern Sie sich: Vor 15 Jahren haben die meisten Leute behauptet, dass Smartphones nutzlos seien. Mit dem iPhone kam vor einem Jahrzehnt der Meinungsumschwung. Heute ist es fast unmöglich, ohne Smartphone in der modernen Welt zu leben. Genau gleich wird es im Bereich Mobilität sein. In 10 Jahren werden wir kopfschüttelnd auf die Epoche zurückblicken, in der fast jeder Erwachsene eine Blechkiste vor dem Haus stehen hatte, um mit dieser – eigenhändig – ab und zu durch die Gegend zu kurven.

Müssen unsere Kinder die Fahrprüfung also gar nicht machen? Der Führerschein verliert seine Bedeutung. In den USA war die Fahrprüfung lange ein Meilenstein auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Nun aber nimmt sogar dort die Anzahl der Kandidaten ab. Dies aus zwei Gründen: Zum einen zügeln viele Junge in die Städte, aus denen die Generationen ihrer Eltern und Grosseltern in den 1960er- bis 1980er-Jahren weggezogen sind; dort müssen sie nicht selber fahren. Zweitens setzen Teenager ihr Geld eher für Smartphones und Datenabos ein.

Wie werden die Autos in der mittleren Zukunft angetrieben? Einige Länder bremsen Benziner schon heute aus. Bald werden viele Wagen mit Strom fahren. Die Elektrizitätsbranche muss sich auf diese Situation vorbereiten.

In die Bresche springen könnten Private, die Solarpanels auf ihren Dächern montieren. Einige Länder fördern dies. Sie versuchen, das Energiesystem zu dezentralisieren, um es stabiler und ökologischer zu machen. Anderorts weht ein anderer Wind: In Florida etwa sind nach dem Hurrikan Millionen von Menschen ohne Strom. Trotzdem ist es Privaten nicht erlaubt, eine Solaranlage zu betreiben. Die Lobbyisten der Energieproduzenten haben ganze Arbeit geleistet...

Die Branche argumentiert, dass zu viele Kleinproduzenten das Stromsystem instabil machen. Es ist eine technische Herausforderung, ein solches Stromnetz zu betreiben. Technische Herausforderungen werden gelöst, sobald es wirtschaftlich interessant ist. Nein, es geht den Energiekonzernen um die eigene Stellung.

Die Automatisierung wird die Arbeitswelt umkrempeln. Was sollen unsere Kinder arbeiten? Die Veränderungen in der Arbeitswelt machen vielen Leuten Angst. Wir sollten aber lernen, auch die Chancen zu sehen. Neue Technologien wie maschinelles Lernen oder künstliche Intelligenz werden uns Superkräfte verleihen! Die Art, wie wir arbeiten, wird anders sein. Aber wir Menschen sind auch in der neuen Arbeitswelt gefragt – ausser für Jobs, die komplett von Maschinen erledigt werden können.

Verschwinden manuelle Jobs? Längst nicht nur. Wie angedeutet: Chauffeure und Taxifahrer wird es bald kaum mehr brauchen. Automatisiert erledigt werden aber auch intellektuelle Arbeiten mit kleinem kreativem Spielraum, etwa in der Buchhaltung. Die sichersten Arbeiten sind eine Kombination aus Intellektuellem, Sozialem und Physischem. Pflegefachleute werden also weiterhin gefragt sein, Coiffeure, Köche, Fotografen und viele andere auch. Ich bin überzeugt, dass die meisten Leute von der Entwicklung profitieren werden.

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