Meine Uhr, die Hüterin der Herzfrequenz

Zu was taugen die Daten von Fitnessarmbändern und Smartwatches? Nicht zu viel, warnt die Ärztin und Jungunternehmerin Cécile Monteil. Wer aber Daten aufzeichne, solle sie gleichwohl in die Sprechstunde mitbringen.

Fitnessarmbänder sind derzeit en vogue. Sie animieren zu mehr Bewegung. Wirklich zuverlässige Werte würden die meisten aber nicht liefern, sagt die Ärztin Cécile Monteil.

Fitnessarmbänder sind derzeit en vogue. Sie animieren zu mehr Bewegung. Wirklich zuverlässige Werte würden die meisten aber nicht liefern, sagt die Ärztin Cécile Monteil.

(Bild: Fotolia)

Mathias Born@thisss

Cécile Monteil, ein Patient kommt zu Ihnen und schildert, dass er ab und zu an Kopfschmerzen leide. Was raten Sie ihm?Cécile Monteil: Bevor ich eine Diagnose stellen und eine Behandlung vorschlagen kann, benötige ich mehr Informationen: Ich muss die Lebensumstände und die Krankengeschichte kennen. Und natürlich lasse ich mir erzählen, wie oft und in welchen Situationen die Kopfschmerzen auftreten.

Erinnern sich Ihre Patienten jeweils daran, wann genau sie an welchem Symptom litten? Leider können die meisten Patienten nur rudimentär Auskunft geben. Sie verdrängen oder vergessen Ereignisse. Oder sie konzentrieren sich auf gravierende Vorfälle. Das ist ganz menschlich. Wir Ärztinnen und Ärzte können aber mit der Aussage eines Patienten, «ab und zu» an etwas zu leiden, herzlich wenig anfangen.

Wie könnte dieses Problem ­gelöst werden? Oft macht es Sinn, wenn der Patient ein Gesundheitstagebuch führt. Das aber braucht viel Disziplin. Mit unserer Jungfirma entwickeln wir eine digitale Variante davon. Der Patient installiert auf dem Smartphone eine App, die wir speziell auf die betreffenden gesundheitlichen Probleme angepasst haben. Von Zeit zu Zeit stellt diese Fragen. Sie zu beantworten, dauert wenige Sekunden. Zudem können mit der App Messdaten von vernetzten Medizinalgeräten gesammelt werden.

Werden Messungen nicht besser in der Arztpraxis durchgeführt? Im Gegenteil: Es macht bei bestimmten Patienten Sinn, im Alltag regelmässig Messungen vorzunehmen. Denn zusammengenommen sind diese genauer und aussagekräftiger als die einmaligen Messungen in der Arztpraxis. Ein Beispiel: Bei einem Patienten haben wir in der Praxis einen Ruhepuls von 130 Schlägen pro Minute gemessen. Fast hätten wir Alarm geschlagen. Dann merkten wir, dass er sich schlicht vor uns Ärzten fürchtete. Bis wir einen plausiblen Wert hatten, mussten wir mehrfach messen – und dazwischen ziemlich lange warten.

Meine Smartwatch zeichnet die Herzfrequenz auf. Andere Geräte messen auch den Sauerstoff­gehalt im Blut. Können Sie mit solchen Daten etwas anfangen? Wir müssen zwei Gerätekategorien unterscheiden: Was Sie am Handgelenk tragen, ordne ich der Lifestylekategorie zu. Wir hingegen arbeiten mit zertifizierten Medizinalgeräten. Bei Ihrer Uhr habe ich keine Garantie, dass die Messwerte stimmen. Und meistens stimmen sie nicht. Die Leute wollen billige Gadgets kaufen. Weshalb soll ein Hersteller bei einer solchen Marktkonstellation Geld investieren, um präzise Geräte und komplexe Algorithmen zu entwickeln, und weshalb soll er sich die Zeit nehmen, um langwierige Zertifizierungsprozeduren zu durchlaufen?

Ein nicht zertifiziertes Gerät liefert nicht zwingend schlechtere Daten. Haben Sie persönlich ­Fitnessarmbänder getestet? Ich habe einen zweiwöchigen Versuch durchgeführt: Auf dem Smartphone liefen zwei Apps, die anhand der gleichen Sensordaten Schritte zählten. Sie kamen zu sehr unterschiedlichen Resultaten. Zudem habe ich zwei Fitnessarmbänder getragen. Die Resultate waren ziemlich desolat.

Sie raten also von Smartwatches und Fitnessarmbändern ab? Keineswegs – wer Freude daran hat, soll sich ein solches Gadget kaufen. Einen positiven Effekt haben diese zweifellos: Sie motivieren die Träger dazu, sich im Alltag mehr zu bewegen. Moderate Bewegung ist immer noch die beste Gesundheitsvorsorge.

Soll ich meiner Ärztin die Messwerte meiner Smartwatch zur Verfügung stellen? Na klar, bringen Sie ihr eine grafisch aufbereitete Zusammenfassung in die Sprechstunde mit. Das schadet nichts. Und vielleicht bringt ein Blick darauf sogar wichtige Erkenntnisse. Aber bitte bombardieren Sie Ihre Ärztin nicht ständig mit neuen Messdaten. In der Telemedizin werden zwar solche Permanentüberwachungen gemacht. Allerdings bloss, wenn sie wirklich Sinn machen. Und: Zum Einsatz kommen dabei stets zertifizierte Medizinalgeräte.

Haben Sie tatsächlich Patienten, die ihre eigenen Daten in die Sprechstunde mitbringen? Bislang sind es nur einzelne. Derzeit tragen vorab jüngere Leute, die sportlich aktiv sind, Smartwatches und Fitnessarmbänder. Ich bin aber überzeugt, dass immer mehr Leute von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machen werden. Zudem werden die dazu nötigen Technologien in immer mehr Objekte integriert und miteinander vernetzt. Wer etwa ein neueres Smartphone besitzt, sammelt mit vorinstallierter Software wie dem «Health Kit» bei Apple und «Google Fit» bei Android in der Regel bereits ­Gesundheitsdaten. Viele Gerätebesitzer wissen das gar nicht.

Schliesslich steht der Doktor wie ein Esel vor dem Datenberg – und muss sich von einem Superrechner unterstützen lassen.Eine Utopie ist das nicht. Bei IBM etwa arbeiten die Entwickler bereits auf dem Supercomputer Watson an der Auswertung des medizinischen Wissens. Ich finde die neuen Möglichkeiten fantastisch. In der Medizin wird sehr viel geforscht. Wir Ärztinnen und Ärzte können nicht alles wissen – auch wenn wir im Studium zehn Jahre Bücher gewälzt haben und uns fleissig weiterbilden. Ein Supercomputer hingegen kann neues Wissen extrem schnell verarbeiten. Wir stehen ganz am Anfang einer rasanten Entwicklung.

Wie offen stehen Ihre Kollegen solchen neuen Möglichkeiten gegenüber? Leider ignorieren viel zu viele die technischen Entwicklungen. Einige tun das bewusst. Denn sie fürchten, dass der breite Zugang zu Wissen, Messgeräte und Algorithmen sie irgendwann überflüssig machen würden. Doch das ist Quatsch. Ärztinnen und Ärzte wird es weiterhin brauchen, auch wenn sich der Beruf etwas verändern wird. Es darf nicht sein, dass wir aus Angst oder aus egoistischen Gründen neue Möglichkeiten nicht nutzen, die den Patienten helfen können.

Berner Zeitung

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