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Kampfzone Ozean

Russland baut ein gigantisches U-Boot, ausgestattet mit leistungsfähigen Waffensystemen. Das Wettrüsten unter der Wasseroberfläche ist in vollem Gange.

Ein Forschungs-U-Boot sollte es werden. Eine schwimmende Wissenschaftsplattform, voll mit Experimenten, mit Drohnen und Unterwasserrobotern. Es sollte den Meeresboden vermessen, in den tiefsten Tiefen nach Mineralien ­suchen, Kommunikationsanlagen aufbauen. Das zumindest versprachen russische Medien.

Eine Vernichtungsmaschine ist es geworden. Das längste U-Boot der Welt, ausgerüstet mit der tödlichsten aller Waffen. Sie soll – einmal abgefeuert – laut- und spurlos ihr Ziel suchen, sich nicht ­abwehren lassen und feindliche Küstenstädte unter einem radioaktiven Tsunami begraben. Auch das versprechen russische Medien.

Die Wahrheit ist weitgehend verdeckt – unter Planen und hinter Docktüren –, als Russland 2019 sein neuestes U-Boot präsentiert. Soldaten stehen Spalier, Präsident Putin ist per Video zugeschaltet, ausgewählte Fotografen schiessen ausgewählte Fotos. Sie zeigen wenig.

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Doch das, was sie zeigen, ist beeindruckend: Belgorod, so der Name des Ungetüms, ist mit 178 Metern so lang wie zweieinhalb Jumbojets. Sein Rumpf hat einen Durchmesser von geschätzt 15 Metern. Seine beiden Propeller werden von zwei Atomreak­toren angetrieben. Ein Forschungs-U-Boot? Eine Vernichtungsma­schine? Vielleicht sogar beides?

Sicher ist: Die U-Boot-Welt befindet sich im Wandel, nicht nur, aber vor allem in Russland.

Bislang war die Hierarchie unter Wasser klar. Ganz oben in der militärischen Nahrungskette standen U-Boot-Giganten, die gleich doppelt auf die Kraft der Kernspaltung setzen: In ihren ­Silos schlummern Interkontinentalraketen, die im Kriegsfall an die Wasseroberfläche katapultiert und dort eine Flugbahn Richtung Feindesland einschlagen sollen – mitsamt ihren atomaren Sprengköpfen.

Und im Heck der Boote werkeln Atomreaktoren, um Energie zu erzeugen. Der Brennstoff muss nicht nachgetankt werden; das hochangereicherte Uran moderner Atom-U-Boote reicht vielmehr für die gesamte Lebens­dauer von bis zu 40 Jahren. Vor allem aber benötigen die Reaktoren – anders als Verbrennungsmotoren – keine Frischluft. Atom-U-Boote können somit monatelang unentdeckt unter Wasser bleiben. Sie müssen nur auftauchen, um Nachschub zu laden.

Angeblich 24 Meter lange Wundertorpedos an Bord

Ausdauernd, unsichtbar, immer einsatzbereit. Es ist genau das, was für «Abschreckung» und für die «sichere gegenseitige Vernichtung» benötigt wird – wie es in der Nuklearlogik der Militärs heisst. Ihre Prämisse: Selbst wenn das Heimatland in Schutt und Asche liegt, können U-Boote noch immer zum Gegenschlag ausholen und den Feind vernichten.

Doch Belgorod ist anders. Das Riesen-U-Boot schippert – nach allem, was bislang durchgesickert ist – keine Interkontinentalra­keten durch die Ozeane. Stattdessen hat es sechs angebliche Wundertorpedos an Bord, 24 Meter lang, 2 Meter dick, bis zu 140 Kilometer pro Stunde schnell. «Man kann sich diese Waffen vorstellen wie Interkontinentalraketen in Torpedoform», sagt U-Boot-Experte H I Sutton, Autor des Blogs Covert Shores. Unter grossem Applaus hat Putin das atomare Unterwassergeschoss im März 2018 vorgestellt. In einer Online-Abstimmung, ein Novum in der russischen Militärgeschichte, wurde es schliesslich Poseidon getauft.

Einmal auf den Weg gebracht, soll sich der Torpedo selbstständig sein Ziel suchen und, angetrieben von einem kleinen Atomreaktor, in bis zu 1000 Metern Tiefe unterwegs sein. Er wird dann Unterwasserberge und andere Hindernisse umschiffen und weit hinter den feindlichen Abwehrlinien, direkt vor der Küste explodieren. Putin preist Poseidon als Waffe, gegen die es keine Verteidigungsmöglichkeit gibt. Allerdings ist unklar, wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist. Beziehungsweise, ob es Poseidon wirklich gibt oder ob er womöglich nur ein Papiertiger zur Abschreckung ist. Russlands Militär teilt jedenfalls fleissig Videos von angeblichen Tests.

Auch die USA haben den Bau von vier extragrossen unbemannten Unterwasservehikeln in Auftrag gegeben.

Offen ist auch die Bewaffnung. Sutton geht von einem Nuklearsprengkopf mit einer Wucht von zwei Megatonnen aus – das 150-Fache der Atombombe, die Hiroshima getroffen hat. Das wäre genug, um Küstenstädte wie New York unter einer radioaktiven Monsterwelle zu begraben. Der Sinn von Poseidon, der von Murmansk bis New York mindestens 36 Stunden brauchen würde, ist unter Experten dennoch umstritten. Am ehesten denkbar scheint der Einsatz als Vergeltungswaffe in der Endphase eines Atomkriegs.

«Da Poseidon nicht auf Satelliten angewiesen ist und buchstäblich unter der feindlichen Raketen­abwehr kreuzt, garantiert er einen langsamen, unausweichlichen Tod», so Sutton. «Als psychologische Waffe ist er brillant», schreibt Verteidigungsanalyst Michael Peck im US-Fachblatt «The National ­Interest». «Der Gedanke an eine robotische Tsunami-Bombe, die am Meeresboden entlangkriecht, klingt furchteinflössend, fast wie in einem Hollywood-Film.»

Auch die USA haben im Februar den Bau von vier extragrossen unbemannten Unterwasservehikeln – kurz: XLUUV – in Auftrag gegeben. Boeing soll die gut 15 Meter langen Drohnen bauen, die immer nur kurz an die Oberfläche kommen, um neue Kommandos entgegenzunehmen. Anschliessend gehen sie in bis zu drei Kilometern Tiefe wieder ihrer Arbeit nach – zunächst unbewaffnet. Die Navy denkt aber bereits über XLUUV mit Torpedos oder sogar Marschflugkörpern nach. Autonome, bewaffnete Unterwasserroboter – das klingt in der Tat wie aus einem Hollywood-Film. Einem Horrorfilm.

Geheimnisvolles Mini-Atom-U-Boot von Russland

Doch auch russische Ingenieure scheinen weitere Ideen zu haben, wie man die Weltmeere in eine Todeszone verwandelt. So soll künftig Losharik, ein geheimnisvolles Mini-Atom-U-Boot, unter dem Rumpf von Belgorod hängen und von dort aus zu nicht weniger geheimnisvollen Missionen aufbrechen. Bei einer Testfahrt Anfang Juli 2019 nahe der norwegischen Grenze brach an Bord allerdings ein Feuer aus. Vierzehn Menschen, fast alles hochrangige Offiziere, starben. Nach Recherchen der russischen Zeitung «Kommersant» ­begann der Brand im Batterieraum. Noch sei allerdings unklar, so die Zeitung, ob Produktionsfehler oder ein Kurzschluss die Akkus zur Explosion gebracht haben.

Losharik ist, wenn es denn repariert werden kann, nicht das einzige Anhängsel von Belgorod – aber mit Sicherheit das seltsamste: Um besonders tief tauchen zu können, besteht das Gefährt vermutlich aus sieben druckfesten ­Titankugeln, die durch Gänge verbunden sind. Das Leben an Bord des 70 Meter langen Spionage-U-Boots wird dadurch nicht angenehmer. «Es ist eine Wohngemeinschaft mit 35 Menschen, einem Atomreaktor und keiner einzigen flachen Wand, an die man etwas hängen könnte», so H I Sutton.

Sensornetzwerk am Grund des Nordpolarmeers

Unterstützung bekommt Losharik von Unterwasserrobotern namens Klavesin, die ebenfalls an Bord von Belgorod sein sollen. Die gut sechs Meter langen Drohnen verfügen über ein Sonar, um den Meeres­boden zu kartografieren. Sie sollen Wracks finden, Unterseekabel, die sich anzapfen lassen, und vielleicht sogar ein paar der ursprünglich versprochenen Mineralien. Vor allem aber sollen die Klavesin-Karten Planungsgrundlage sein für ein russisches Sensornetzwerk am Grund des Nordpolarmeers, aufgebaut von Losharik.

Es heisst Harmonia, könnte aus Sonar und Drucksensoren beste­hen und soll feindliche U-Boote in bis zu 100 Kilometern Entfernung ausfindig machen – ein Gegenstück zum US-Lauschsystem Sosus (Sound Surveillance System) aus Zeiten des Kalten Kriegs und zur chinesischen «Great Under­water Wall», die die Volksrepublik derzeit aufbaut. Da der Weg zur nächsten Steckdose in der Arktis weit ist, sollen kompakte Atomreaktoren, ein jeder 14 Meter lang mit einer Leistung von 44 Kilowatt, das Sensornetzwerk mit Strom versorgen.

Verglichen mit diesen hochmodernen Anhängseln gehört Belgorod selbst zum alten Eisen. Bereits 1992 wurde das U-Boot auf Kiel gelegt, als Schwesterschiff der Kursk, bei deren Havarie später 118 Seeleute sterben sollten. In den Turbulenzen nach dem Fall der Sowjetunion war allerdings kein Platz für ein zusätzliches U-Boot. Erst 2012 ging der Bau weiter – nun als, so die offizielle Version, Forschungsschiff für die Arktis. Zwar dürfte in Waffen wie Poseidon viel Hightech stecken, grundlegende Systeme wie Belgorods Antrieb sind aber vermutlich noch von gestern. «Unter der Haube gehört das Boot zu einer früheren Generation und ist daher wahrscheinlich weniger gut getarnt als moderne Modelle», sagt Sutton.

Atom-U-Boote haben beim Versteckspiel unter Wasser einen Nachteil.

Insbesondere am Lärmschutz dürfte es mangeln. Er ist das grösste Problem von U-Booten, schliesslich sollen sie möglichst unbemerkt durchs Wasser schleichen. Mo­derne Boote versuchen daher, das Antriebssystem durch flexible Aufhängungen und Unterlagen von der Hülle zu entkoppeln. Sie setzen auf speziell geformte Propeller, an denen sich keine implodierenden Luftblasen mehr bilden – ein Phänomen, bekannt als Kavitation. Oder sie verzichten komplett auf traditionelle Schiffsschrauben und setzen stattdessen auf einen Jetantrieb.

Atom-U-Boote, so ausdauernd sie sein mögen, haben beim Versteckspiel unter Wasser einen Nachteil: Ihr Reaktor kann nicht abgeschaltet werden. Kontinuierlich erzeugt er Dampf für die Turbinen, was Lärm macht. Auch Kühlpumpen für den Reaktorkern müssen durchgehend laufen. Zudem werden etwa 70 Prozent der Abwärme ans Meerwasser abgegeben. Die Boote ziehen daher eine heisse Schleppe hinter sich her. Sie kann mit Wärmekameras erkannt werden und macht sich – durch das aufsteigende Wasser – an der Oberfläche bemerkbar.

In Deutschlands modernsten ­U-Booten, den Modellen der 56 Meter langen U212A-Klasse, verrichten Brennstoffzellen ihren Dienst. Wasserstoff und Sauerstoff, die in grossen Tanks ausserhalb der eigentlichen Druckhülle des Boots mitgeführt werden, reagieren darin elektrochemisch miteinander. Sie erzeugen so den nötigen Strom für Batterien und Antrieb – ins­gesamt mehr als 300 Kilowatt. Keine Pumpe rattert, keine Wärme und keine Abgase müssen abgeführt werden, weshalb die deutschen Schiffe zu den derzeit leisesten und am schwersten zu ortenden U-Booten gehören. Dazu trägt auch eine Aussenhülle aus nicht magnetisierbarem Stahl bei. Das System ist ­allerdings komplex. So komplex, dass Ende 2017 kein einziges der sechs Boote, die pro Stück etwa 500 Millionen Euro kosten, einsatzbereit war.

347 Milliarden US-Dollar für ein neues Waffensystem

Doch verglichen mit den USA, die derzeit ebenfalls neue, tödliche ­U-Boote entwickeln, sind diese Summen geradezu lächerlich. Tatsächlich plant das Pentagon die bisherigen Flaggschiffe der Ohio-Klasse, die in ihren Raketensilos die Wucht von 600 Hiroshima-Bomben durch die Weltmeere karren, mittels einer moderneren Version abzulösen. Sie heisst Columbia, wird 171 Meter lang sein, Platz für 155 Seeleute bieten und, so die Hoffnung der Navy, das «weltweit am schwersten zu entdeckende» U-Boot werden.

Einen grossen Anteil daran soll ein neuer Antriebsstrang ohne mechanische Komponenten liefern. Vermutlich kommt darin ein Permanentmagnetmotor zum Einsatz, der sich stufenlos ­regeln lässt. Doch auch Elektromotoren mit sogenannten Hochtemperatursupraleitern sind in der Diskussion. Abgeschafft werden soll das optische Periskop; an seine Stelle treten Kameras am Ende eines langen Mastes.

Noch ist vieles geheim, auch wenn in zwei Jahren bereits mit dem Bau des ersten Boots begonnen werden soll. Fest steht hingegen schon die Summe, die das Columbia-Programm während seiner Laufzeit verschlingen wird: mindestens 347 Milliarden US-Dollar – für ein Waffensystem, das hoffentlich nie gebraucht wird.

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