Umstrittener Nutzen von Piccards Selbstinszenierung

Bertrand Piccard ist mit der Solar Impulse 2 auf die Schlussetappe der ersten Weltumrundung eines Solarflugzeugs gestartet. Er will zeigen, was mit sauberer Energie möglich ist.

In knapp vier Monaten schaffte es Bertrand Piccard, die Solar Impulse 2 via Indien und China über den Pazifik nach Hawaii zu fliegen.

In knapp vier Monaten schaffte es Bertrand Piccard, die Solar Impulse 2 via Indien und China über den Pazifik nach Hawaii zu fliegen. Bild: Solar Impulse/zvg

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Am 9. März 2015 ging es los. Das nur mit Sonnenlicht betriebene Flugzeug Solar Impulse 2 hob in Abu Dhabi ab. Das Ziel: einmal um die Welt fliegen, ohne einen Tropfen Benzin zu verbrauchen. «Wir glauben fest daran, dass wir mit erneuerbaren Energien unglaubliche Dinge schaffen können», sagte der Hauptinitiator Bertrand Piccard. Der Schweizer umkreiste schon zusammen mit Brian Jones als erste Menschen die Erde in einem Ballon.

Bereits sein Vater und sein Grossvater waren Abenteurer.In knapp vier Monaten schaffte es Piccard zusammen mit dem zweiten Piloten André Borschberg, die Solar Impulse 2 in Etappen via Indien und China über den Pazifik nach Hawaii zu fliegen. Sie haben ein über 100-köpfiges Team, potente Sponsoren und eine erstklassige PR-Maschinerie im Rücken. Weltweit berichten Medien über das Projekt. Diese werden mit tollen Bildern, immer wieder gespickt mit Werbebotschaften, versorgt. Und es können Superlative vermeldet werden, etwa der Weltrekord im Alleinfliegen.

Panne auf Hawaii

Wegen Problemen mit dem Antrieb bleibt die Solar Impulse 2 dann aber neun Monate lang hängen. Nicht gerade beste Werbung für Solarenergie. Von einem «absurden Theater» spricht Andreas Reinhard.

Er war schon 1975 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Firma Swisssolar in Burgdorf tätig, entwickelte dann solarbetriebene Heissluftballons, baute solarbetriebene Notfunkstationen für die Rega und leitete von 1996 bis 2007 den ehemaligen Militärflugplatz St. Stephan als zivile Versuchs- und Testbasis. «Solar geflogen wird schon lange», hält Reinhard fest. So pilotierte Eric Raymond bereits 1990 seinen Sunseeker 1 rein solar quer über die USA.

«Auch der von Piccard immer wieder verklärt hochstilisierte Nachtflug eines Solarflugzeuges ist technisch längst kalter Kaffee», sagt Reinhard, der heute für die Entwicklungsfirma III Solutions tätig ist. Denn die Drohne Zephire der englischen Firma ­Qinetiq blieb 2010 bereits 336 Stunden in der Luft. Allerdings verbringt in der Solar Impulse nun erstmals ein Mensch die Nacht in einem Sonnenvogel, räumt Reinhard ein.

Doch für ihn ist es nicht eine Solar Impulse, sondern eine Piccard Impulse. Reinhard gibt zu bedenken: «Sind das glorios-selbstherrliche Auftreten, die geschmeidigen Worthülsen sowie das Fehlen echten Pioniergeistes wirklich Wegweiser für wagemutig kreatives Wirken?» Vor dreissig oder vierzig Jahren hätte die Sonnenenergie mutige Fürsprecher mit Gewicht gebraucht – sie sei aber belächelt und marginalisiert worden. «Heute hat sie das kaum mehr nötig», sagt Reinhard.

Immer wieder Probleme

Vielmehr liefere Piccard mit der Solar Impulse ausgerechnet Kritikern der Solarenergie einen Steilpass nach dem anderen: ­defekte Solarzellen, beschädigte Querruder und überhitzte Batterien verzögerten die Weltum­rundung.

Am längsten war die Zwangspause ab Juli 2015 auf Hawaii. «Ist es nicht ein starkes wie untrügliches Zeichen fehlender Alltagstauglichkeit, wenn der Energiegewinn durch die Sonne schon drei Wochen nach dem längsten Tag des Jahres nicht mehr ausreichen soll, den Zukunftsflieger sicher in der Luft zu halten?», fragt Reinhard.

Vor der letzten Etappe von Kairo nach Abu Dhabi ging es einige Tage nicht weiter, weil zuerst ­Piccard mit Magenproblemen kämpfte und es dann «zu heiss» war auf der Arabischen Halbinsel.

Technischer Fortschritt

Dem Projekt gegenüber positiv eingestellt ist hingegen Christof Biba. Er ist Leiter Fotovoltaik-Systemtechnik am Institut für Solartechnik der HSR Hochschule für Technik Rapperswil. Die spektakuläre Weltumrundung sei zielführend: «Sie sensibilisiert weltweit für die Möglichkeiten der Solarenergienutzung – sie sorgt für solare Impulse.»

Insbesondere zeigt das Projekt laut Biba, was mit heute verfügbaren solaren Komponenten und Herstellungsverfahren erreichbar ist. Nämlich: hohe Leistung von Solarzellen auf gewölbten Flächen, effiziente Speicherung elektrischer Energie, energie­sparendes Zusammenspiel von Elektromotoren, Beleuchtung und Bordinstrumenten. Dies alles bei geringem Gewicht und ­hoher Zuverlässigkeit.

«Die längste Flugzeit am Stück von Japan nach Hawaii betrug fast fünf Tage, das untermauert die Selbstständigkeit und Funktionstüchtigkeit des Betriebssystems.» Biba lobt auch das «perfekte Marketing», das inspirierende Bilder und internationale Aufmerksamkeit generiere.

Auch nach der Endankunft der Solar Impulse 2 in Abu Dhabi wird die Förderung der Solarenergie nach Ansicht von Biba weiterhin profitieren: Für Forschung und Lehre in der Schweiz entstehen weiter Anknüpfungspunkte.

Zum Beispiel sei die Speicherung der elektrischen Energie noch ein weites Forschungsfeld. Denn die auf der Weltumrundung eingesetzten Lithium-Polymer-Akkus überhitzten auf dem langen Weg nach Hawaii. «Das Gewicht pro Speicherkapazität und die Langlebigkeit der Akkus muss verbessert werden», sagt Biba. Dies auch für die solare Energieversorgung von Gebäuden und die Netzintegration der erneuerbaren Energien.

Gemeinsamer Wunsch

Einig sind sich Biba und Reinhard in einem Wunsch: «Es wäre schön, wenn die Leidenschaft, mit der solare Anwendungen des alltäglichen Lebens im Bereich Mobilität, Wärme und Strom ­weiterentwickelt werden, genauso viele Sponsoren finden und so gut vermarktet würde wie dieses spektakuläre Projekt», sagt Biba.

Reinhard möchte Unterstützung speziell für die Entwicklung ­saisonaler, thermischer Speicherung von Sonnenenergie. Mit einem Bruchteil des Geldes von Solar Impulse liesse sich ein Wettbewerb für dieses «ungelöste, wirklich relevante Problem durchführen». (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.07.2016, 19:23 Uhr

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