Hilfsbereite Seemänner und die Frauenquote

Die Planet Solar sticht von Miami aus unter Schweizer Flagge in See. Wie der grösste Solarkatamaran darauf vorbereitet wird und wie das Leben an Bord ist. Teil I der Serie «Grüsse aus dem Golfstrom».

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Versetzen Sie sich kurz nach Miami Beach. Die Luft ist feucht und drückend heiss, die Palmen bewegen sich leicht im Wind und auf der Lincoln Road promenieren blondierte Frauen mit knappen Shorts und tief geschnittenen T-Shirts. Die Männer verdrehen sich die Hälse nach ihnen und lehnen sich dazu weit aus ihren Cabrios. Etwas weiter unten, beim Yacht Club am Sunset Boulevard, parken die Boote jener, die es sich leisten können, hier Anker zu lassen. Und ganz vorne, beim Dock D, steht es, das Raumschiff von Planet Solar.

Abends sitze ich gerne auf den warmen Solarpanels an Deck, vor mir die Meeresbucht und die Skyline von Miami, und erledige ein paar letzte Tagesaufgaben für unsere Expedition. Es gilt Daten zu verarbeiten, Manuals zu lesen, Schritt-für-Schritt-Anleitungen für spätere Etappen zu erstellen und Blogs zu schreiben. Und während all dessen kann ich nicht anders, als mich immer wieder ungläubig umzusehen und erstaunt festzustellen, dass ich tatsächlich hier bin. An Bord der MS Tûranor Planet Solar. Mit all diesen Hightech-Instrumenten, am Basteln und Schrauben und Kalibrieren – und all das mit einer atemberaubenden Aussicht auf einem noch viel atemberaubenderen Katamaran.

Der russische Nuklearphysiker schwitzt

Die Seemänner, das muss mal gesagt werden, haben ihre helle Freude an uns. Wir stehen ihnen mit unseren Instrumenten zwar dauernd im Weg herum, dafür erhöhen wir die Frauenquote an Bord auf etwa 40 Prozent. Vorlaute Zungen behaupten, dass dies der Grund ist, warum sie alle sofort zur Stelle sind, wenn wir Hilfe benötigen bei unserem Gebastel. Die Gelegenheit dazu geben wir ihnen oft.

Denis, unser russischer Physiker, der in seiner Heimat nukleare Reaktoren entwickelte, ist für unsere Luftinstrumente zuständig. Eines davon bereitet ihm arges Kopfzerbrechen. Es brummt und summt und zeigt einen internen Fehler an, und nach stundenlanger Arbeit in seinem improvisierten Labor steht Denis verschwitzt in der Küche, kippt das fünfte Glas Wasser herunter und fällt die zermürbende Diagnose: «Das Ding ist mehr tot als lebendig.»

Stromschläge wegen der Italiener

Uns geht es draussen auch nicht viel besser. Der CTD, ein Instrument, das in grossen Tiefen zweimal pro Tag allerhand Parameter messen soll, verpasst uns Stromschläge, statt das zu messen, was es sollte. Anh-Dao, Christel und ich verkabeln also neu, was es zu verkabeln gibt, schrauben hier rum und da, bringen hilfsbereite Seemänner dazu, das Ding trotz Stromschlaggefahr ins Wasser zu lassen, und stellen dabei leider fest: Die Italiener haben bei der Produktion irgendetwas falsch gemacht.

Ein gewisser Flavio schickt uns aus Milano eine Videoanleitung zur richtigen Kalibrierung, und so sitzen wir vor unseren Computern und Kabeln und hoffen weiterhin auf das Beste. In zwei Tagen soll es nämlich losgehen. Dann werden wir Miami Beach verlassen, uns in den Golfstrom einreihen und die Expedition Deepwater einläuten. Falls bis dann alle Instrumente laufen sollten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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