Getrübte Hoffnung auf mehr solaren Winterstrom

Solarstromanlagen in den Höhen liefern im Schnitt mehr Strom als jene im Flachland. Trotzdem begraben die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich ihre Solarprojekte im Alpenraum. Das wirft ein Schlaglicht auf die Probleme beim Bau von Fotovoltaik­anlagen in den Bergen.

Etwa so hätte das grösste Sonnenkraftwerk der Schweiz ausgesehen – wenn es denn gebaut worden wäre. Geplant war                              es an einer Felswand am Walensee.

Etwa so hätte das grösste Sonnenkraftwerk der Schweiz ausgesehen – wenn es denn gebaut worden wäre. Geplant war es an einer Felswand am Walensee. Bild: zvg

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Das Energiepotenzial der Sonne ist riesig. Trotzdem beträgt der Anteil der Solarenergie an der Schweizer Stromproduktion heute erst zweieinhalb Prozent; das ist etwa ein Achtel der Menge, die der Bundesrat mit seiner ­neuen Energiestrategie anstrebt. Und im Winterhalbjahr allein decken die Solaranlagen heute weniger als ein Prozent des inländischen Stromkonsums.

Der Grund: In unseren Breitengraden liefern Fotovoltaik­anlagen im Winterhalbjahr nur etwa ein Viertel ihrer Jahresproduktion, weil die Sonne weniger lang und tiefer am Himmel steht. Mit dem Zubau von Solaranlagen wächst darum der Stromüberschuss im Sommer weiter, ohne den Strommangel im Winter zu beseitigen. Diese Differenz wird sich akzentuieren, wenn die alten Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Alpensonne liefert mehr Winterstrom

Die wachsende Kluft zwischen saisonalem Überfluss und Mangel, so hofft die Solarlobby, lasse sich mit einer überdurchschnittlichen Nutzung der Solarkraft in den Alpen verkleinern. Denn im Alpenraum scheint die Sonne im Winter intensiver als im nebelreichen Mittelland. Zudem erhöhen die tieferen Temperaturen in den Bergen sowie die Reflexion des Schnees die solare Stromproduktion.

In unseren Breitengraden liefern Fotovoltaik­anlagen im Winterhalbjahr nur etwa ein Viertel ihrer Jahresproduktion.

Aus diesen Gründen liefern Fotovoltaikanlagen in den Alpen im Jahresmittel etwas mehr Strom als gleich grosse Anlagen im Mittelland. Das belegt folgender statistischer Vergleich übers Jahr 2016: Pro Kilowatt installierte Leistung erzeugten die Fotovoltaikanlagen im Kanton Graubünden ein Viertel mehr Strom als im Schweizer Durchschnitt.

Zudem lässt sich in den Alpen ein höherer Anteil des Solarstroms im Winterhalbjahr erzeugen als im Mittelland. Der Zubau von Solarstromanlagen in Graubünden oder im Wallis ist deshalb wertvoller als etwa im nebligen Aargau.

Verzicht auf zwei Grossprojekte

Doch die Hoffnung, die Produktion von alpinem Solarstrom lasse sich problemlos massiv erhöhen, wurde jüngst getrübt. So beerdigten die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) in den letzten Wochen ihre beiden alpinen Grossprojekte:

  • St. Antönien: Die EKZ verzichten auf die Realisierung einer Fotovoltaikanlage mit annähernd zwei Megawatt Leistung am Chüenihorn oberhalb von St. Antönien GR. Grund: Die Tragkonstruktion über den bestehenden Lawinenverbauungen würde doppelt so teurer als ursprünglich budgetiert.

    Trotz Einspeisevergütung (KEV) von elf Rappen pro Kilowattstunde (kWh) wäre damit eine rentable Produktion unmöglich. Schon ein grösseres Vorgängerprojekt der Bündner Stromproduzentin Repower am selben Standort ­erlitt Schiffbruch, weil sich die Gemeinde St. Antönien (heute Luzein) an der riskanten Investition nicht beteiligen wollte.

  • Walensee: Das schon früher «sistierte» Projekt einer Fotovoltaikanlage mit fünfzehn Megawatt Leistung über dem Walensee haben die EKZ jetzt endgültig begraben. Gründe: Die budgetierten Investitionskosten, welche die Tragkonstruktion an der Felswand verursacht, stellen einen rentablen Betrieb ebenfalls infrage. Die Reflexion des Sees erhöht die Stromproduktion wider Erwarten nur marginal.

    Zudem bekämpften Naturschützer dieses (grösste in der Schweiz geplante) Fotovoltaikprojekt, weil es in Schutzgebiet von nationaler Bedeutung tangiert. Zum endgültigen Aus führte die vom Bundesrat beschlossene neue Energieverordnung. Demnach gibt es für den Bau von Fotovoltaikanlagen (im Unterschied zu Wasser- und Windkraftwerken) kein dem Naturschutz gleichgestelltes «nationales Interesse».

Die EKZ haben ihre kleine Testanlage am Walensee inzwischen ab- und auf der Totalp oberhalb von Davos wieder aufgebaut. Bevor dort Testresultate vorliegen, verzichten die EKZ auf neue Grossprojekte im Alpenraum.

Hindernisse für alpine Solaranlagen

Die Beschlüsse der EKZ werfen ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten, die dem – energiepolitisch erwünschten – starken Zubau von Solaranlagen im alpinen Raum generell gegenüberstehen: In den Alpen gibt es weniger ganzjährig bewohnte Gebäude und andere Bauten, in die sich Fotovoltaikanlagen integrieren lassen, als im dicht bebauten Mittelland.

Im Gebirge sind die Bau- und Unterhaltskosten von Solaranlagen in der Regel höher und Anschlüsse ans Stromnetz oft weiter entfernt; die grössere Stromernte kann damit die höheren Investitionskosten oft nicht aufwiegen.

Im Gebirge sind die Bau- und Unterhaltskosten von Solaranlagen in der Regel höher und Anschlüsse ans Stromnetz oft weiter entfernt.

Der Schnee in den Alpen wirkt sich zwar positiv aus, wenn er das Sonnenlicht auf die Solarpanels reflektiert, aber negativ, wenn er die Panels zudeckt. Im sonnigen Arosa etwa, so registriert das lokale Elektrizitätswerk, produzieren die wenigen Fotovoltaikanlagen in den vier kältesten Monaten viel weniger Strom als erwartet, weil die Besitzer den Schnee nicht von ihren auf den Dächern montierten Panels wischen. Und ein weiterer Punkt: Neben mehr Sonne gibt es in den Alpentälern im Winterhalbjahr vielerorts auch mehr Schatten, hervorgerufen durch die hohen Berge.

Kaum ein Solarboom im Alpenraum

Selbst die Sachwalter der erneuerbaren Energie dämpfen heute die Erwartungen: «Ich rechne nicht damit, dass wir in den nächsten Jahren von alpinen Solaranlagen überschwemmt werden», antwortete mir Hanspeter Fuchs, Leiter Erneuerbare Energie der EKZ. Der Mangel an Winterstrom lasse sich mit alpinen Solarkraftwerken allein nicht beseitigen, weiss auch der nationale Solarexperte Stefan Nowak. Darum sei es wichtig, die solare Stromproduktion mit andern Kraftwerken sowie Speichertechnologie zu vernetzen.

Schon heute dürfte der Anteil der Nutzung von Sonnenenergie im Alpenraum, gemessen an seiner Landfläche, kleiner sein als in der Schweiz als Ganzes. Das jedenfalls zeigt der Vergleich der Schweizer Solarstatistik, veröffentlicht in der Gesamtenergiestatistik, mit jener des Amtes für Energie des Kantons Graubünden: 2016 erzeugten alle Fotovoltaikanlagen in Graubünden total 46 Millionen kWh Solarstrom.

Der Mangel an Winterstrom lässt sich mit alpinen Solarkraftwerken allein nicht beseitigen.

Das entspricht einem Anteil von dreieinhalb Prozent an der Schweizer Solarstromproduktion von 1330 Millionen kWh. Gemessen an der Kantonsfläche liegt dieser Anteil um den Faktor fünf unter dem Schweizer Durchschnitt, gemessen an der Wohnbevölkerung leicht darüber.

Die grösste realisierte Bündner Fotovoltaikanlage befindet sich in Chur und verfügt über eine Spitzenleistung von 1,15 Megawatt. Als «pionierhaft» gelten in Graubünden die mittelgrossen Anlagen auf den Lärmschutzwänden entlang der A 13 – erstellt vor 28 Jahren und kürzlich ­erneuert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.12.2017, 13:34 Uhr

Lange Wartezeiten

Wer von einer Einmalvergütung des Bundes für eine Solaranlage profitieren will, muss künftig statt Monate Jahre auf das Geld warten. Es ist mit Wartezeiten zwischen 2 und 6 Jahren zu rechnen. Es würden viel mehr Anlagen und auch grössere Anlagen von der Einmalvergütung profitieren können. Deshalb müsse man mit längeren Wartezeiten für die Auszahlung rechnen, sagt eine BFE-Sprecherin. Die längeren Wartezeiten sind die Folge der neuen Energiestrategie. Diese hatte das Volk im Mai angenommen. ma

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