Ein Etappensieg für Europas Kometenjäger

Der Erfolg der Rosetta-Mission ist wichtig. Doch das Ziel bleibt die Reise zum Mars.

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«Wir sitzen auf der Oberfläche des Kometen, und das Landegerät spricht mit uns», sagte Stephan Ulamec, der Projektleiter der Landungsmission, gestern knapp nach fünf Uhr nachmittags. Im Jubel der Wissenschaftler in den Leitzentralen der Europäischen Weltraumagentur ESA in Darmstadt, Köln und Toulouse löste sich die Spannung nach jahrelanger geduldiger Forschung. Mehr als zehn Jahre und über 6,5 Milliarden Kilometer hat die Kometensonde Rosetta auf ihrer Reise durchs All hinter sich gebracht, über eine Milliarde Euro kostet die Mission zum Kometen Tschury.

Das Landegerät Philae, das am Morgen von der Muttersonde ausgeklinkt wurde, ist offenbar an der richtigen Stelle sanft gelandet. Zuletzt schien es, dass das Gerät noch nicht richtig verankert war. Trotzdem ist das Aufsetzen auf dem kleinen Himmelskörper eine historische Leistung der Raumfahrt. Das hat bisher noch niemand geschafft. Es gab schon einige Kometensonden, doch die einen schossen unscharfe Bilder, die anderen zerschellten am Kometen. Der Schlüssel zum Erfolg war die minutiöse Vorausberechnung des Landemanövers – dies ferngesteuert über die 510 Millionen Kilometer Entfernung zwischen dem Kometen und der Erde und mit einer Signalverzögerung von gut einer halben Stunde. Allein dies ist eine technisch-mathematische Leistung, die allen Respekt verdient.

Gefüllt mit alter Technik

Es hätte auch danebengehen können. Als die Wissenschaftler im Juli die ersten Bilder des Kometen sahen, waren sie der Verzweiflung nahe. Erwartet hatten sie einen kartoffelförmigen Himmelskörper, auf dem sich aber bestimmt ein flacher Landeplatz finden würde. Doch die Bilder zeigten die Gummiente, die von Felsen und Abgründen übersät war und von heftigen und unregelmässigen Winden und Gasausstössen zerzaust wurde. Umso grösser sind nun die Glücksgefühle.

Als die Sonde ihre ersten Kilometer im Weltraum machte, beschäftigte sich die Schweiz mit der Spuckaffäre von Alex Frei an der Europameisterschaft in Portugal. Das war 2004. Noch älter sind die Instrumente an Bord der Sonde, die bereits 1996 designt wurden. «Für uns alle fühlt es sich an wie eine zweite Mondlandung», sagte der italienische Rosetta-Flugdirektor Andrea Accomazzo.

Die Fragen, welche die Rosetta-Mission klären will: Gibt es ausserirdisches Leben? Wie ist das Wasser – und damit die Grundvoraussetzung für das Leben – auf die Erde gekommen? Diese Fragen sind gross, aber nicht revolutionär. Jedes Weltraumprojekt, das eine Chance auf Fördergelder haben will, muss Fragen dieser Kategorie aufwerfen. Nur sind die Chancen auf konkrete Antworten in der Kometenforschung ungleich grösser als bei vielen anderen Vorhaben.

Die Kometen sind Überbleibsel des kosmischen Chaos, aus dem sich vor 4,5 Milliarden Jahren unser Sonnen­system und unsere Planeten gebildet haben. Sie bestehen – ähnlich wie schmutzige Schneehaufen – aus 50 Prozent Wasser und aus Staub und Dreck. Beobachtungen von der Erde lassen auch vermuten, dass in Kometen reichlich organische Moleküle wie Aminosäuren vorhanden sind, welche als Bausteine des Lebens gelten. Im Gegensatz zu den Planeten haben sich die Kometen wegen ihrer Sonnenferne und ihrer geringen Masse kaum verändert. Viele Forscher vertreten heute die Hypothese, dass Kometen, die einst mit der Erde kollidierten, ihr Wasser und ihre organischen Moleküle auf unseren Planeten brachten und so erst die Entwicklung von Leben ermöglichten.

Der Schweizer Anteil am Erfolg

Für die europäische Weltraumforschung ist Rosetta zudem ein Prestigeprojekt und für die ESA ein grosser Erfolg. Für einmal schauen die amerikanischen Weltraumspezialisten der Nasa neidvoll ihren europäischen Kollegen zu. Das tut dem wissenschaftlichen Renommee gut. Aber auch die Schweiz hat ihren Anteil am Erfolg. Zwar scheinen die eiergrossen Antriebsdüsen beim Ausklinken der Sonde nicht optimal funktioniert zu haben. Doch eines der zentralen Experimente heisst Rosina und wird von den Berner Astronomen um Kathrin Altwegg geleitet. Mit Rosina analysieren die Forscher die Gase im Kometenschweif und können feststellen, ob das eisige Kometenwasser die gleiche Signatur hat wie unser irdisches Wasser. Wenn ja, würde dies die Kometenhypothese entscheidend stützen.

Rosetta zeigt, dass in der Raumforschung auch unbemannte Robotermissionen erfolgreich sein können und eine grosse Ausstrahlungskraft haben. Trotzdem kann das Abenteuer nicht mit der bemannten Mondlandung von 1969 verglichen werden. Sowohl die Leistung wie auch die emotionale Bedeutung der Apollo-Mission hatten ganz andere Dimensionen. Wäre der Rosetta-Lander am Kometen zerschellt, wäre das schade gewesen, aber verkraftbar. Wäre Apollo 11 auf dem Mond zerschellt, hätte das die Menschheit viel weiter zurückgeworfen. Die nächste wirklich grosse Aufgabe für die internationale Raumfahrt ist und bleibt eine bemannte Mission zum Mars.

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