Dieses Verfahren soll das Recycling revolutionieren

Ein niederländisches Unternehmen erfindet den PET-Kreislauf neu. Taugt es auch für die Schweiz? Ein Experte klärt auf.

Ist ein sehr aufwendiger Prozess: Die PET-Wiederverwertung wie hier bei der Müller Recycling AG in Frauenfeld.

Ist ein sehr aufwendiger Prozess: Die PET-Wiederverwertung wie hier bei der Müller Recycling AG in Frauenfeld.

(Bild: Keystone)

Yannick Wiget@yannickw3

Wirtschaftsverbände, Industrie und Medien bezeichnen die Schweiz gerne als «Recycling-Weltmeister» und verweisen dabei auf Zahlen des Bundesamts für Umwelt und des Vereins Swiss Recycling zur Wiederverwertung: 2016 wurden beispielsweise 96 Prozent der verkauften Glasflaschen und Konserven rezykliert. Bei Aluminiumverpackungen waren es 90 Prozent, bei PET-Getränkeflaschen 82 Prozent.

Tatsächlich gehört die Schweiz mit einer allgemeinen Recyclingquote von 52 Prozent zu den Spitzenreitern in Europa. Mit dem Weltmeistertitel kann sie sich trotzdem nicht schmücken. Erstens werden die Quoten je nach Land unterschiedlich berechnet, was ein aussagekräftiges Ranking verunmöglicht. Zweitens haben andere Länder wie Deutschland, Schweden und Holland inzwischen ein ebenso gut funktionierendes Recyclingsystem.

Ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich weniger

Die Wiederverwertung ist vor allem bei PET-Getränkeflaschen ökologisch sinnvoll. Werden diese aus Recyclinggranulat hergestellt, ist der Energiebedarf nur halb so gross wie bei einer Neuproduktion. Das Recycling reduziert die Umweltbelastung also um die Hälfte. Rein wirtschaftlich lohnt es sich aber weniger. Der Prozess ist aufwendig und die Wiederverwendung mit gewissen Einschränkungen verbunden.

Das gesammelte Material muss zunächst einmal nach Farben sortiert werden. Denn farbige PET-Flaschen eignen sich nicht zur Produktion von neuen Getränkeflaschen, sondern werden nach Verarbeitung für Folien, Verpackungen, Verpackungsbänder und Textilien eingesetzt. Nur die transparenten und leicht blauen Flaschen lassen sich zu Rohstoff rezyklieren, der den Hygieneanforderungen neuer PET-Getränkeflaschen entspricht.

Grosser Aufwand: PET-Flaschen müssen teilweise von Hand sortiert werden. Video: petrecycling.ch

Wichtig ist zudem, dass das Material nicht mit Fremdstoffen verunreinigt ist. Nach der Aufbereitung in den PET-Recyclinganlagen wird es deshalb im Labor auf Fremdstoffe untersucht. Die Tests müssen vom Kantonschemiker auditiert und vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit regelmässig überprüft werden. Ist eine Charge verunreinigt, wird die ganze produzierte Menge als nicht lebensmitteltauglich klassifiziert und aussortiert. Sie kann nach dem Recycling nur für Produkte verwendet werden, die später nicht in Kontakt mit Lebensmitteln kommen.

Neue Lösung für alle Arten von PET

Das PET-Recycling ist also ein aufwendiger Vorgang, bei dem es noch Potenzial nach oben gibt. Das hat auch das holländische Start-up-Unternehmen Ioniqa erkannt, ein Ableger der Technischen Universität Eindhoven. Es hat ein Verfahren entwickelt, dank dem alle Arten von PET-Flaschen vollständig recycelt werden können – auch farbige und solche, die Fremdstoffe enthalten.

Dabei wird das Material bis zur Ebene der Grundmoleküle aufgelöst, damit Farbstoffe und Verunreinigungen entfernt werden können und am Ende des Prozesses reine Rohstoffe zurückbleiben. Holländische Medien sprechen von einer «Revolution».

In vier Phasen vom Mix zum reinen PET: So will Ioniqa das Recycling revolutionieren. Video: Youtube/IoniqaTechnologies

Jean-Claude Würmli, Chef von PET-Recycling Schweiz, äussert sich vorsichtiger: «Es ist im Grunde ein chemisches Recyclingverfahren und ist daher nicht ganz neu», sagt der Experte. Ähnliche Projekte habe es beispielsweise schon in Asien gegeben. «Dennoch ist der Prozess spannend, denn es werden Rohstoffe von grösserer Reinheit erzielt, als wir es haben.» Ohne Farbe könnten auch die Schweizer Rezyklate noch universeller eingesetzt werden, als es heute möglich sei.

«Ich bin mir sicher, dass das Verfahren mehr Energie braucht.»Jean-Claude Würmli, PET-Recycling Schweiz

Warum wird in der Schweiz denn nicht auch dieser Prozess angewendet? «Bedingung für den Erfolg dieses Verfahrens ist, dass es auch aus ökologischen und ökonomischen Aspekten funktioniert», sagt Würmli. Schliesslich müsse das gewonnene Rezyklat umweltfreundlicher sein als das Neumaterial und der gewonnene Rohstoff preislich attraktiv genug, damit er von der Industrie gekauft und eingesetzt werde.

Hier hat der Experte Bedenken: «Ich bin mir sicher, dass der sehr komplexe chemische Prozess mehr Energie braucht als unser mechanisch-chemisches Verfahren.» Dann stelle sich natürlich die Frage nach dem Umweltschutz und ob sich das Ganze überhaupt lohne.

Der grosse Kosmetika- und Nahrungsmittelkonzern Unilever ist jedenfalls von der Idee der chemischen Reinigung überzeugt. Er ist mit dem Start-up-Unternehmen Ioniqa eine Partnerschaft eingegangen. Die Technologie habe ihre Pilotphase erfolgreich bestanden und werde bald auf industrieller Ebene getestet, schrieb Unilever kürzlich in einer Medienmitteilung. Nächstes Jahr soll die erste Fabrik ihren Betrieb aufnehmen.

Tonnis Hooghoudt, Gründer von Ioniqa, glaubt, dass seine Technologie dazu beitragen kann, «den Planeten sauberer zu machen». Und auch das holländische Institut für Nachhaltige Verpackung, ein Zusammenschluss von Vertretern der Verpackungsindustrie und Experten verschiedener Universitäten, hält das Verfahren für eine vielversprechende Lösung, wie Direktorin Hester Klein Lankhorst dem Radiosender Nos sagte: «Mit den aktuellen Möglichkeiten der Verwertung stossen wir an Grenzen. Neue Ideen, die tatsächlich Vorteile für die Umwelt liefern, sind deshalb dringend nötig.»

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