«Die Warnung wurde zu früh aufgehoben»

Jörn Lauterjung hat das Tsunami-Alarmsystem in Indonesien mitentwickelt. Warum erfuhr die Bevölkerung trotz Hightech kaum etwas von der Gefahr?

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Nach dem Tsunami auf der indonesischen Insel Sulawesi herrscht Fassungslosigkeit: Wieso mussten Tausende Menschen sterben – obwohl es seit Jahren ein Warnsystem gibt? Der Physiker Jörn Lauterjung vom Geoforschungszentrum Potsdam hat das Frühwarnsystem nach dem verheerenden Tsunami 2004 federführend mitentwickelt.

Herr Lauterjung, aus Indonesien kommen widersprüchliche Angaben, wie vor dem Tsunami gewarnt wurde. Erst hiess es, die Warnung sei aufgehoben worden, bevor die Welle an Land traf. Später, die Bevölkerung sei rechtzeitig gewarnt worden. Was stimmt?
Nach den mir vorliegenden Informationen wurde die Warnung nach etwa 30 Minuten aufgehoben, das war viel zu früh. Nach einem Alarm müsste eigentlich mindestens zwei Stunden gewartet werden. Der Alarm ist aber aufgehoben worden, nachdem die Welle in Palu angekommen ist, das geht aus einer Timeline hervor, die ich vom indonesischen geophysikalischen Dienst bekommen habe.

Aber das Gebiet wurde offensichtlich nicht evakuiert. Warum nicht?
Das Frühwarnsystem hat funktioniert, wie es funktionieren sollte. Fünf Minuten nach dem Erdbeben ist eine Tsunami-Warnung herausgegeben worden, die für Palu Wellen zwischen 0,5 und drei Metern Höhe vorausgesagt hat. Das Problem war, dass die Informationen nicht zwischen Behörden und Bevölkerung ausgetauscht wurden. Wir müssen nun klären, woran das lag.

Drohnenaufnahmen zeigen Zerstörung in Palu

Luftaufnahmen zeigen wie weit der Tsunami ins Landesinnere gedrungen ist. Video AFP/AP

Wie würde es denn im Idealfall ablaufen?
Die Warnung sollte fünf Minuten nach dem Erdbeben vom Warnzentrum in Jakarta ausgelöst werden. Das ist geschehen. Dann muss sie an die lokalen Katastrophenschutzbehörden, Stadtverwaltungen, Polizei und Feuerwehren gehen. Nach weiteren zwei bis drei Minuten braucht es eine Information an die Bevölkerung, etwa über Sirenen, die in vielen Städten installiert sind, Lautsprecherwagen oder Lautsprecher der Moscheen. Spätestens nach acht Minuten sollte die Evakuierung beginnen, zumindest sollten sich die Leute vom Strand entfernen oder höher gelegene Fluchtorte aufsuchen, Häuser oder irgend etwas, was nach dem Erdbeben noch steht.

Das Epizentrum des Bebens lag nicht auf See, sondern an Land. Hat man deshalb einfach keinen Tsunami erwartet und daher die Gefahr unterschätzt?
Das Frühwarnsystem hat die Gefahr nicht unterschätzt, sondern eine korrekte Warnmeldung herausgegeben. Erdbeben in Küstennähe wirken nicht nur auf die Landmasse, sondern auch auf den Ozeanboden, können also noch einen Tsunami auslösen. Erdbeben, die ein paar Kilometer im Landesinneren lokalisiert werden, zieht man deshalb mit in Betracht.

Was genau registriert das Warnsystem?
Das Warnsystem besteht aus 160 Seismometern, die über Indonesien verteilt sind, 30 GPS-Stationen entlang der Küste des Indischen Ozeans und etwa 80 Küstenpegeln, um Wasserstandsänderungen zu messen. Damit können Erdbeben-Parameter schnell bestimmt werden, und das, was wir «co-seismische Deformation» nennen – ob sich der Ozeanboden vertikal bewegt hat. Denn erst das kann einen Tsunami auslösen. Die Daten laufen in ein Auswertungssystem ein, das aus 5000 Szenarien das passendste auswählt. Das sagt uns, wann, wie hoch und wo die Welle aufschlägt.

«Die Kommunikation auf der ‹Last Mile› ist fast noch wichtiger, wie wir jetzt gesehen haben.» 

Die Tsunami-Expertin Louise Comfort arbeitet an einem Pilotsystem, das mit Sensoren am Meeresgrund arbeitet. Diese Daten würden derzeit in Indonesien fehlen, kritisiert sie.
Sensoren am Ozeanboden wären näher an den Erdbeben, damit könnten wir vielleicht eineinhalb Minuten schneller werden, aber viel mehr ist da auch nicht drin, da setzt uns die Physik Grenzen. Da muss man sich die Frage stellen: Lohnt der Investitionsaufwand, um statt fünf Minuten dreieinhalb zu schaffen, wenn wir wissen, dass das Problem in der Warnkette woanders liegt. Natürlich sollte man versuchen, alles so weit wie möglich zu verbessern. Man hätte aber das gleiche Problem wie im jetzigen System: dass die Kommunikation auf der letzten Meile an den Menschen liegt und nicht an der Messtechnik.

Welche Lehren würden Sie aus der Katastrophe ziehen?
Wir müssen bei der Bevölkerung das Bewusstsein schärfen, wie gefährlich solche Naturkatastrophen sind und wie man auf eine Warnung reagieren sollte. Mit den Behörden müssen wir darüber reden, dass sie die Meldung zeitnah umsetzen. Oder falls eine Sirene nicht funktioniert, dass die Warnung anders verbreitet wird. Die Einbeziehung der lokalen «Last Mile» ist mindestens so wichtig wie eine ausgefeilte Messtechnik. Es ist fast sogar noch wichtiger, wie wir jetzt gesehen haben. Die Warnung war da, sie war in der Grössenordnung richtig, aber es hat trotzdem nicht funktioniert und vermutlich Tausende Tote gegeben. Das macht mich sehr betroffen.

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