Der Traum vom Leben auf dem Mars

Zum Jahresende stellen wir revolutionäre Ideen für die Zukunft vor. Der Hightechpionier Elon Musk will den Mars bevölkern. Der Berner Weltraumforscher Peter Wurz meint: «Mehr als ein paar Tausend Menschen wird es auf dem Mars nie geben.»

Garstige Bedingungen: Im Film «Der Marsianer» hat Hollywood sich vorgestellt, wie der Überlebenskampf auf dem Mars aussehen könnte.

Garstige Bedingungen: Im Film «Der Marsianer» hat Hollywood sich vorgestellt, wie der Überlebenskampf auf dem Mars aussehen könnte.

(Bild: zvg)

Mirjam Comtesse

Er ist nicht für seine Bescheidenheit bekannt. Aber das Ziel, bereits in acht Jahren die ersten Menschen auf den Mars zu schicken, ist selbst für den visionären Unternehmer Elon Musk extrem. Seine Weltraumfirma Spacex hat er 2002 explizit in der Absicht ­gegründet, dass sie die nötigen Technologien entwickelt, damit auf dem Roten und später auch auf anderen Planeten Kolonien errichtet werden können.

Ein Traum vieler

Vor gut einem Jahr kündigte Elon Musk am Internationalen Astronautenkongress im mexikanischen Guadalajara an, wie genau er sich die Besiedelung des Mars vorstellt: Riesige Raketen sollen in einer Reisezeit von etwa sechs Monaten bis zu hundert Menschen und sehr viel Material auf den Mars bringen können.

Dank den grossen Mengen und den wiederverwendbaren Raketen wären die Kosten für einen Flug vergleichsweise günstig. Gemäss der Schätzung von Elon Musk ­würden sie längerfristig pro ­Person umgerechnet um die 100'000 Franken betragen.

Musk ist nicht allein

Dass er fast unmöglich Scheinendes wahr machen kann, hat der 46-Jährige bereits bewiesen. Mit dem Sportwagen Tesla brachte er ein für die Konsumenten attraktives Elektroauto auf den Markt. Seiner Firma Spacex gelang es ­zudem erstmals, Raketenstufen nach dem Start wieder sicher landen zu lassen.

Im Übrigen steht der gebürtige Südafrikaner mit seiner Vision einer Marskolonie nicht allein da. Mehrere andere private Unternehmen sowie staatliche Raumfahrtagenturen wollen Menschen auf den Roten Planeten bringen.

Musk redet aber nicht nur laut über seine Mission, seine Ziele sind auch überaus ehrgeizig. Die US-Weltraum­behörde geht davon aus, dass sie erst in zwanzig Jahren ­Astro­nauten zum Mars schicken kann.

Auch Peter Wurz, Weltraumforscher an der Universität Bern, rechnet mit einem mindestens so grossen Zeithorizont. «Aus heutiger Sicht ist ein bemannter Flug zum Mars technologisch noch nicht machbar.» Bis sich das ­ändere, dauere es sicher einige Jahrzehnte.

«Nicht unmöglich»

Wurz betont aber, grundsätzlich spreche nichts dagegen, Menschen auf dem Mars landen zu lassen. Auch der Plan, dort eine bemannte Forschungsbasis zu errichten, sei zwar kühn, aber nicht unmöglich. «Vor hundert Jahren konnte man sich auch nicht vorstellen, im Flugzeug so schnell von Zürich nach New York fliegen zu können wie wir heute.»

«Die Erde ist der beste Ort»

Elon Musk geht jedoch noch weiter. Er betonte am Astronautenkongress: «Die Menschheit sollte eine multiplanetare Spezies werden.» Das sei wichtig, da die Erde vielleicht irgendwann nicht mehr bewohnbar sei. Nach seiner Einschätzung könnte rund eine Million Menschen auf dem Mars ­leben. Der Rote Planet biete sich als Alternative zur Erde an, weil es Sonnenlicht und eine Atmosphäre gebe. So könnte man auch Pflanzen züchten, die für das Überleben notwendig wären.

Peter Wurz hält die Vorstellung vom Mars als zweitem Heimatplaneten für unrealistisch: «Auf der Erde leben um die 7,5 Milliarden Menschen. Wenn sie kaputtgeht, könnte man höchstens ein paar Tausend auf den Mars retten.» Für mehr Leute würden die lokalen Ressourcen nicht ausreichen. Er hält fest: «Es gibt keinen besseren Ort im Sonnensystem für die Menschheit als die Erde.»

Viele Hindernisse

Der Mars ist karg. Die Landschaft ähnelt den trockenen Tälern am Südpol. Die Temperaturen er­reichen in Äquatornähe etwa 20 Grad Celsius am Tag und sinken in der Nacht bis auf minus 85 Grad. Genauso wie man in der Antarktis eine geschützte Forschungsstation errichten kann, in der es sich leben lässt, ginge dies auch auf dem Mars. «Aber lustig ist das nicht», sagt Weltraumforscher Wurz.

Die Aufgabe der ersten Menschen auf dem Mars wäre es, Wasser in Form von Permafrost zu finden. Das brauchen sie nicht nur für sich selbst und die Pflanzen, die sie anbauen möchten, sondern auch, um daraus Sauerstoff zu gewinnen. Denn die dünne Atmosphäre des Planeten besteht fast nur aus Kohlenstoff­dioxid.

Und was, wenn dies nicht gelingt? Der Wissenschaftsautor Stephen Petranek meint in seinem Buch «Unser Leben auf dem Mars», es wäre auch möglich, Wasser aus der sehr feuchten ­Atmosphäre zu gewinnen.

Ein weiteres Problem stellt der atmosphärische Druck dar. Er beträgt auf dem Mars hundertmal weniger als auf der Erde. Das bedeutet, dass die Menschen permanent einen Druckanzug tragen müssten. Aber die Optimisten im Silicon Valley sehen dies nur als vorübergehende Unannehmlichkeit, wie Petranek schreibt.

Sie gehen davon aus, dass sich die Menschen evolutionär weiterentwickeln und dann auch ohne Druckanzug über­leben könnten. Peter Wurz findet dies ebenfalls zu leichtgläubig: «Es dauert Millionen von Jahren, bis sich die Arten an ein derart anderes Umfeld anpassen.»

Forschung würde beflügelt

Ist angesichts all dieser Vorbehalte eine Marsmission überhaupt sinnvoll? Wurz meint: ja. «Es handelt sich um eine schwierige Aufgabe, die uns zwingt, über technologische Probleme nachzudenken und sie zu lösen.»

Er erklärt, die USA würden nach wie vor von ihren Apollo-Missionen profitieren, über deren Sinn man sich ebenfalls streiten könne: «Damals wurde der Ursprung dafür gelegt, dass die USA heute noch immer führend sind bei der Entwicklung komplexer Elektronik.»

In der Serie «Revolutionäre Ideen»stellen wir in loser Folge techno­logische Visionen vor.

Berner Zeitung

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