«Den Mädchen fehlen die Vorbilder»

Warum gibt es kaum Programmiererinnen? Weil den Mädchen die Vorbilder fehlen würden, sagt Linda Liukas. Die Illustratorin und Kinderbuchautorin will Mädchen spielerisch für die Informatik begeistern.

Kinder werden mit «Hello Ruby» von Linda Liukas spielerisch an die neue Computerwelt herangeführt.

Kinder werden mit «Hello Ruby» von Linda Liukas spielerisch an die neue Computerwelt herangeführt. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Linda Liukas, wer ist Ruby?
Linda Liukas: Ruby ist ein sechjähriges Mädchen. Ich wünschte, es wäre bereits da gewesen, als ich noch ein Kind war. In gewisser Weise ist Ruby mein Alter Ego: Sie ist genauso neugierig und begeisterungsfähig, wie ich es damals war. Und sie findet neue Technologien immens spannend. Ruby ist aber ein bisschen mutiger als ich. Sie ist eine kleine Draufgängerin.

Ruby ist die Hauptfigur in Ihren Büchern und Lernmaterialien, mit denen Sie Kinder für die ­Informatik begeistern wollen. Wie ist diese Figur entstanden?
Vor sechs Jahren lernte ich an einer Uni in den USA die Programmiersprache Ruby. Oft verstand ich nur Bahnhof. Es war frustrierend. Was etwa ist objektorientiertes Programmieren? Und was meinen Softwareentwickler, wenn sie von «Garbage Collection» sprechen? Es gibt in ihrem Vokabular zahlreiche skurrile Begriffe. Wenn ich jeweils fast am Verzweifeln war, versuchte ich, mir die Begriffe selber zu erklären – in den Worten einer Sechsjährigen. Dieses Mädchen skizzierte ich manchmal auf den Seitenrändern meiner Studienbücher. Es hat es mittlerweile aus den Randspalten zur Hauptfigur in bald drei Kinderbüchern gebracht.

Sie könnten Programme schreiben. Weshalb schreiben Sie stattdessen Kinderbücher?
Die Bücher, die wir in unserer Kindheit und Jugend lesen, prägen unsere Werte und die Persönlichkeit stark. Damit beeinflussen sie nicht zuletzt unseren beruflichen Werdegang. Erstaun­licherweise gibt es bis heute noch fast keine Bücher, in denen Computertechnik eine zentrale Rolle spielt – obwohl die Informatik das Leben der heutigen Kinder extrem stark prägen wird. Ein solches Buch wollte ich schreiben und gestalten.

Wie erklären Sie den Kindern objektorientiertes Program­mieren?
So weit gehe ich mit Ruby bislang nicht. Ich erkläre aber anhand von Episoden aus dem Leben der Titelheldin, was Programmieren ist. Ein Beispiel: Ruby sitzt noch immer im Pyjama zu Hause, obwohl sie schon fast auf dem Weg in die Schule sein sollte. Der Vater fordert sie auf, nun ganz zügig die Kleider anzuziehen. Das tut Ruby auch: Sie zieht die Kleider an – ohne aber das Pyjama auszuziehen. Denn davon hat der Vater nichts gesagt. Oder: Papa sagt, Ruby solle die Spielsachen in ihrem Zimmer aufräumen. Sie macht sich daran. Die Farbstifte hingegen lässt sie liegen, denn dabei handelt es sich nicht um Spielsachen. Mit solchen Alltagsbeispielen lässt sich einfach erklären, wie man einem Computer Anweisungen geben muss.

Die Kinder sollen den Computer kennen lernen, ganz ohne einen zu berühren?
Kinder lernen am besten, wenn man sie herumtollen, zeichnen, schreiben, bauen und experimentieren lässt. Es ist nicht zwingend nötig, sie zum Lernen vor den Computer zu setzen – zumal es bei «Hello Ruby» nicht darum geht, eine Programmiersprache zu lernen. Das macht übrigens auch keinen Sinn: In zwanzig Jahren, wenn die Kinder im Berufsleben stehen, werden andere Sprachen gefragt sein als heute. Die Kinder sollen vielmehr das kennen lernen, was den Sprachen gemeinsam ist. Solche Grundkonzepte der Informatik lernen sie am besten spielerisch und in Anekdoten. Vor allem aber soll «Hello Ruby» den Kindern – und insbesondere den Mädchen – mitgeben: Sie können diese neue Welt selber mitgestalten.

Ruby erinnert etwas an Pippi Langstrumpf.
Die nordische Literatur ist sehr progressiv: Es gibt darin etliche starke, weibliche Hauptfiguren, die ihr Ding durchziehen und sich um überflüssige Konventionen scheren. Pippi Langstrumpf ist eine davon. Ruby soll ähnlich sein. Solche Rollenvorbilder sind heute ebenso nötig wie in jener Zeit, als Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf erfunden hat.

Frauen sind in Informatikberufen noch immer stark untervertreten. Gemäss einer aktuellen deutschen Studie steht eine Frau neun Männern gegenüber.
Das ist ernüchternd. Und es ist paradox, wurden doch viele frühen Computerprogramme von Frauen entwickelt. Noch während des Zweiten Weltkrieges haben Frauen der US-Armee auf raumfüllenden Rechnern die Flugbahnen von Geschossen berechnet. Erst nach dem Krieg begriff die Allgemeinheit, dass Programmieren eine anspruchsvolle Tätigkeit ist. Nach und nach wurde die Softwareentwicklung zur extremen Männerdomäne.

Das könnte sich auch wieder ­ändern.
Ich hoffe es. Wir brauchen in der Informatik unbedingt mehr Diversität. Im Genderbereich gibt es zumindest Anzeichen dafür, dass sich etwas tut. An der Eliteuniversität Stanford etwa sind die Computerwissenschaften zur von Frauen meistbelegten Studienrichtung geworden. Und dank dem Film «Hidden Figures» – der Geschichte von afroamerikanischen Nasa-Mitarbeiterinnen – haben endlich Informatikpionierinnen ein Denkmal erhalten. Vielleicht wagen sich dank solchen Vorbildern in Zukunft vermehrt Mädchen in die Männerdomäne Informatik vor. Meine Prognose: In zehn Jahren werden wir ungläubig den Kopf schütteln über die aktuellen Geschlechterrollen.

Sie selber haben sich zwar für Computertechnik interessiert – schliesslich aber zwei andere Studiengänge begonnen: Wirtschaftswissenschaften und Produktdesign.
Als Kinder durften wir mit dem Computer meines Vaters experimentieren. Als Jugendliche habe ich eine Website über den dama­ligen US-Vizepräsidenten Al Gore geschrieben, für den ich schwärmte. Am Gymnasium hatte ich mich dann für einen Informatikkurs eingeschrieben. Als Erstes mussten wir ein Programm schreiben, das die Wurzel aus den ersten zwanzig Primzahlen zieht. Manche Kollegen mögen das toll gefunden haben. Ich nicht. Denn ich wollte mit dem Computer nicht primär mathematische Aufgaben lösen, sondern Probleme aus der realen Welt. Ich habe daraufhin für eine längere Zeit ganz mit dem Programmieren aufgehört. So ergeht es wohl vielen anderen Jugend­lichen auch. Mit der einseitigen Fokussierung auf mathematische Fragestellungen schliessen wir in der Informatikausbildung viele Leute aus, die im Arbeitsleben gute Dienste leisten könnten. In einer Zeit, in der die Computertechnik alles durchdringt, sind auch bei Informatikern ganz unterschiedliche Kompetenzen gefragt.

Viel Mathematik auf dem Stundenplan und fehlende Vorbilder sind also die Hauptgründe für den Frauenmangel?
Ja. Zusätzlich sind viele Mädchen schlecht informiert. Sie glauben, dass es in einem Informatikstudium darum geht, den Computer zu studieren. Doch das stimmt längst nicht mehr. Es geht vielmehr darum, wie man mithilfe des Computers Probleme aus der wirklichen Welt lösen kann – und zwar in unterschiedlichsten Bereichen von der Mode über das Marketing bis hin zum Bildungswesen oder zur Landwirtschaft. Früher studierte Wirtschaft, wer etwas erreichen wollte. Wer heute die Welt verändern will, muss programmieren lernen.

Weshalb haben Sie die Veranstaltungsreihe «Rails Girls» ins Leben gerufen?
Nach der Programmierausbildung in den USA bin ich wieder zurück nach Helsinki gezügelt. Dort fühlte ich mich als Programmiererin ziemlich einsam. Fast keine meiner Freundinnen konnte mit der Computerei etwas anfangen. Deshalb haben wir zu zweit eine Veranstaltung organisiert, mit der wir Frauen für die Informatik begeistern wollten. Sie wurde zum vollen Erfolg. Wir haben die Kursplanung später frei zugänglich gemacht. Daraufhin wurde das Projekt zum Selbstläufer: Mittlerweile gab es fast überall auf der Welt Rails-Girls-Events.

Unsere Tochter ist drei Jahre alt. Sollten wir sie langsam mit Computern und Robotern vertraut machen?
Sie sollten ihr die richtigen Geschichten erzählen, sodass sie begreift, dass auch Mädchen Computer programmieren und Geräte bauen können. Selbstverständlich können Sie etwa mit für Kinder entwickelten Robotern experimentieren. Aber ich würde warten, bis sie fünf oder sechs Jahre alt ist, bevor Sie ihr eine richtige Programmiersprache zeigen. Selbst dann würde ich das Lerntempo ganz ihr überlassen und keinen Druck ausüben. Wichtig ist einzig, dass Ihre Tochter neugierig und selbstbewusst bleibt. Die Eltern sollten ihren Kindern möglichst lange möglichst viele Optionen offenhalten.

Sollten wir ihr Pippi Langstrumpf vorlesen?
Ja, das ist wohl noch eine Spur wichtiger, als mit Ruby zu basteln.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 28.03.2017, 12:19 Uhr

Die Illustratorin und Programmiererin Linda Liukas (31) hat mit «Hello Ruby» eine demnächst dreiteilige Lernmaterialserie veröffentlicht, mit der Kindern auf spielerische Art und Weise das Programmieren nähergebracht werden soll.
Bis zum Sommer lebt die Finnin im Rahmen des Residenzprogramms des Konferenzveranstalters TED in New York. Heute Dienstag tritt sie an der Konferenz zu Strategien und Erfolg im digitalen Wandel X-Days in Interlaken auf (Infos: www.nzz-xdays.com).

Artikel zum Thema

Programmieren statt Frühfranzösisch

Initiativen in den USA und in Deutschland erheben die Fähigkeit zur Softwareentwicklung auf die Stufe der Kulturtechniken und fordern, dass das Programmieren zur Grundausbildung gehört. Mehr...

Ehrlich: Programmieren macht Spass!

VIDEO Software schreiben ist dank cooler Apps längst nicht mehr nur etwas für pickelige Nerds. Im Video stellen wir vier einfache Programmierungswerkzeuge vor. Mehr...

«Jedes Kind muss programmieren lernen»

Analyse Im Lehrplan 21 nehmen Informationstechnologie und Medien einen grossen Raum ein. ETH-Professor Juraj Hromkovic warnt davor, die Informatik in diesem Paket zu verstecken: Vielmehr brauche sie den Stellenwert eines eigenen Schulfachs. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog Wie binär denken unsere Kinder?

Geldblog Wie Rentner einfacher zu Hypotheken kommen

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Die Welt in Bildern

Haar um Haar: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel aus Dachshaar. Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...