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«Die Technik der Auto-Assistenten hat Grenzen»

Hätten Notbremse-, Spurwechsel- oder Tempo-Assistenten einen Unfall wie gestern auf der A3 beim Bötzberg verhindern können? Dazu BfU-Experte Mario Cavegn.

Ein Porsche-Fahrer verursachte am Mittwoch bei Effingen (AG) einen schweren Unfall, bei dem drei Personen das Leben verloren. (Video: Tamedia/BRK News)

Herr Cavegn, gestern kam es auf der A3 im Aargau zu einem schweren Auffahrunfall. Moderne Fahrzeugassistenzsysteme könnten so was doch verhindern. Klar ist, dass Assistenzsysteme ein grosses Schutzpotenzial aufweisen. Bei Auffahrunfällen rechnen wir damit, dass deren Häufigkeit dank Notbremseassistenten um bis zur Hälfte reduziert werden kann.

Warum nicht auf null? Assistenzsysteme können immer übersteuert, ignoriert oder ganz ausgeschaltet werden. Wenn jemand zu schnell unterwegs ist, kann das zwar angezeigt und mit zum Beispiel akustischen Signalen verdeutlicht werden. Allenfalls beim automatisierten oder teilautomatisierten Fahren würden die Assistenzsysteme stets eingreifen. Aber davon sind wir in der Schweiz noch weit entfernt.

Laut der Polizei bemerkte der Unfallverursacher die Spurverengung von zwei auf eine Fahrbahn zu spät. Ein Assistent hätte das erkannt? Notbremseassistenten erkennen vorausfahrende Fahrzeuge, je nach System auch Motorräder, Fussgänger oder statische Hindernisse wie zum Beispiel eine Spurwechselsignalisation. Aber die ganze Technik hat Grenzen. Zum Beispiel bei Regen, Schnee oder Nebel oder auch durch verschmutzte Sensoren. Das bedeutet konkret, dass man sich nie auf solche Systeme verlassen kann.

Erkennen Sie das gar als Problem, dass Automobilisten sich zu sehr auf die Technik verlassen? Wir haben keine fundierten Daten dazu. Aber es gibt sicher Hinweise, die darauf hindeuten. Ich denke hier an Medienberichte über Unfälle mit Autos, die einen glauben lassen, autonomes Fahren sei bereits möglich.

Beim Unfall auf der A3 wechselte der Fahrer von der gesperrten Spur auf die andere Fahrbahn und drückte dort ein Auto in einen Lastwagen. Kann der Spurassistent hier was ausrichten? Wenn jemand schnell unterwegs ist und etwas Unerwartetes passiert, dann kann es sein, dass der Fahrer erschrickt und auf technische Warnungen nicht mehr reagiert. Selbst wenn der Assistent ihn rechtzeitig warnt.

Wie weit voraus kann ein Fahrzeugassistent «sehen»? Das hängt vom Assistenzsystem und der eingesetzten Technik ab. Das wird einerseits mit Kameras gemacht. Andere Systeme arbeiten mit Radar. Aber auch die Art und die Anzahl der Sensoren spielt eine Rolle.

Warum können technische Hilfen nicht einfach so konzipiert werden, dass sie in kritischen Situationen eingreifen und das Übersteuern der Fahrer sperren? Die Gesetzeslage ist nicht so. Alle Assistenzsysteme müssen von Gesetzes wegen so eingestellt sein, dass sie immer übersteuert werden können.

Toll wäre es doch, wenn ich als potenzielles Opfer eines sich anbahnenden Unfalls einen Crash-Verhinderer-Assistenten hätte. Was es bereits gibt, ist eine automatische Aktivierung der Bremsen bei einer drohenden Kollision: Zum Beispiel, wenn ein Auto in einer Kolonne steht und sich von hinten ein Fahrzeug mit hohem Tempo nähert, dass dann automatisch die Bremse angezogen wird. Damit wird natürlich der Impact des Aufpralls reduziert und die biomechanische Belastung von Insassen vermindert. Und es ist angedacht, dass sich Autos künftig gegenseitig vor Gefahren warnen.

Wäre dieser Unfall mit einem Tesla, der teilautonom unterwegs ist, nicht passiert? Davon gehe ich nicht aus. Auch wenn Werbung und Marketing etwas anderes suggerieren. Und wie gesagt: Zumindest vollautonomes Fahren ist in der Schweiz und auch in Europa bisher nicht möglich.

Auch wenn Fahrzeugassistenten Unfälle nicht gänzlich vermeiden können, so helfen sie doch, die Anzahl zu verringern. Wann werden diese technischen Hilfen eigentlich Pflicht? In der EU müssen ab Mitte 2022 alle neu ausgelieferten Autos mit bestimmten Fahrzeugassistenten ausgerüstet sein. Wir sprechen hier von diversen technischen Hilfen wie Notbremse-, Spurhalte- und Geschwindigkeitsassistenten. Die Schweiz wird das vermutlich übernehmen.

Und dann rechnen Sie mit deutlich weniger Unfällen? Grob geschätzt gehen wir davon aus, dass sich das Unfallrisiko um bis zur Hälfte reduziert, wenn alle aktuell verfügbaren Systeme konsequent eingebaut würden.

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