«Ich kann ganz klar sagen, dass es hier nicht sicher ist»

Die Unglücksreaktoren in Fukushima müssen noch Jahrzehnte lang gekühlt werden. Einige Angestellte zweifeln hinter vorgehaltener Hand an der offiziellen Beurteilung der Sicherheit.

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Glaubt man der japanischen Regierung und dem Atomkraftwerksbetreiber Tepco, dann geht von der Atomruine Fukushima derzeit keine Gefahr aus. Von den 3600 Menschen, die jeden Tag in der Anlage arbeiten, sehen das viele anders. «Ich kann ganz klar sagen, dass es hier nicht sicher ist», sagt ein Arbeiter. «Es gibt viele Orte, an denen die Strahlenwerte extrem hoch sind.» Ein Jahr liegt die Atomkatastrophe von Fukushima zurück, die die ganze Welt in Atem hielt. Arbeiter werden noch jahrzehntelang mit den Aufräumarbeiten beschäftigt – und hoher Radioaktivität ausgesetzt sein.

Seit September ist der Arbeiter, der von den hohen Strahlenwerten berichtet, am Kühlsystem von Fukushima eingesetzt. Seinen Namen will er nicht nennen, um die 8000 Yen (91 Franken) nicht zu riskieren, die er jeden Tag verdient. Arbeiter wie er müssten unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten, beklagt er. Im Sommer mit Spitzentemperaturen von 38 Grad Celsius mussten die Arbeiter drei Stunden am Stück ohne Wasser auskommen, denn ihre Schutzhelme konnten sie in der Anlage nicht abnehmen.

Zustand der Kaltabschaltung

Im Mai starb ein 60 Jahre alter Arbeiter an den Folgen eines Herzanfalls – wegen Überarbeitung, wie es hieß. Laut Tepco gibt es keinen Todesfall wegen einer überhöhten Strahlenbelastung. Unternehmenssprecherin Chie Hosoda räumt zwar ein, dass Anfangs wegen eines Mangels an Messgeräten nicht die tägliche Strahlenbelastung aller Arbeiter gemessen werden konnte. Das sei aber vorbei: «Die Arbeitsbedingungen haben sich verbessert und wir überprüfen jetzt streng die Strahlenbelastung, der alle Arbeiter ausgesetzt sind.»

Mitte Dezember hatte die japanische Regierung verkündet, dass Fukushima wieder unter Kontrolle und die Reaktoren im Zustand der sogenannten Kaltabschaltung seien. Das heißt, dass die Temperatur im Inneren der beschädigten Reaktoren konstant unter hundert Grad liegt und die radioaktive Strahlung unter Kontrolle ist. Von einem «Wendepunkt» sprach die Regierung neun Monate nach der schwersten Atomkatastrophe seit Tschernobyl, nachdem in Folge eines schweren Erdbebens und eines verheerenden Tsunamis am 11. März Kühlsysteme in Fukushima ausgefallen waren und es in drei der vier Reaktoren zu Kernschmelzen gekommen war.

167 Arbeiter maximal belastet

Die vollständige Stilllegung der Reaktoren, schätzt Tepco, wird indes noch bis zu 40 Jahre dauern. Viele erfahrene Techniker aber sind nicht bereit, in der Anlage zu arbeiten: «Wer lange in Fukushima gearbeitet hat, kehrt nicht in das Atomkraftwerk zurück, weil es zu gefährlich ist», sagt ein Arbeiter der Zeitung «Tokyo Shimbun». «Die Bezahlung ist nicht gut und viele wollen ihre Jobs nicht verlieren, wenn sie zu hohen Strahlungen ausgesetzt werden.»

Laut Tepco können mindestens 167 Arbeiter nicht mehr in Atomkraftwerken arbeiten, weil sie die im Verlauf eines Lebens höchste zulässige Strahlenbelastung von 100 Millisievert bereits abbekommen haben. Experten warnen zudem vor den heiklen Sicherheitsbedingungen in der Anlage: Viele Sicherheitssysteme seien nur improvisiert, bei einem neuen Erdbeben und Tsunami könnten sie ausfallen. «Das Kühlsystem ist für normale Atomreaktoren nicht geeignet und nur eine Übergangslösung», sagt etwa Kazuhiko Kudo von der Universität Kyushu.

Der Journalist Tomohiko Suzuki, der im Sommer verdeckt in Fukushima arbeitete und über die Zeit ein Buch geschrieben hat, wirft Tepco vor, «schlampig» gearbeitet zu haben, um möglichst schnell zum Zustand der Kaltabschaltung zu gelangen. «Tepco muss den Zustand der Kaltabschaltung für Jahre aufrechterhalten, aber kann das gelingen, ohne dass die Arbeiter in der Anlage Radioaktivität ausgesetzt werden? Das ist die Frage.»

rub/AFP

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