AKW unter Notkommando

800 Leute arbeiteten im Normalbetrieb im AKW Fukushima. Jetzt sind es noch 50. Lässt sich so die Anlage überhaupt noch kontrollieren? Und: Wann gehen die Letzten?

Reaktor ohne Hülle: Nach mehreren Explosionen spitzt sich die Lage beim AKW Fukushima zu.

Reaktor ohne Hülle: Nach mehreren Explosionen spitzt sich die Lage beim AKW Fukushima zu.

(Bild: Reuters)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Die Meldungen aus Fukushima überschlagen sich: Bei Reaktor 4 klaffen in der Schutzwand grosse Löcher, in der ganzen Anlage übersteigt die Strahlung sämtliche Grenzwerte und laut jüngsten Berichten hat der Unfall Stufe 6 erreicht. Stufe 7 war Tschernobyl. «Wir haben eine nukleare Katastrophe», sagte ETH-Kernenergie-Experte Morgen Horst-Michael Prasser in der Sendung «Heute Morgen» von Radio DRS.

Weil die Strahlenbelastung auf dem AKW-Areal inzwischen viel zu hoch ist, um noch vernünftig arbeiten zu können, hat die Betreibergesellschaft von den 800 Mitarbeitern einen Grossteil abgezogen. 50 bleiben noch, um die beschädigten Reaktoren nicht ganz ihrem Schicksal zu überlassen.

Der Auftrag für die Verbliebenen

«Diese 50 Leute sind nur noch der Minimalbestand», sagt Georg Schwarz, Vizedirektor beim eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi), gegenüber Tagesanzeiger.ch. Aber: «In dieser Situation ist es sicher richtig, das Personal auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, um es zu schützen.» Der Auftrag, der für die Verbliebenen zu erledigen ist, lautet: Sämtliche Reaktoren von Fukushima abkühlen, ohne dass sie ausser Kontrolle geraten. «Mit 50 Leuten kann man nur noch beschränkt etwas ausrichten», gibt Prasser zu bedenken.

Die Strahlenwerte auf dem Areal haben laut der japanischen Regierung inzwischen 400 Milli-Sievert pro Stunde erreicht. «Bei diesen Werten kommt es nach 30 bis 40 Minuten zu akuten Symptomen der Strahlenkrankheit», erklärte Prasser. Also zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen. Eine Einzeldosis von 5000 Milli-Sievert wäre etwa in 50 Prozent der Fälle binnen einen Monats tödlich. Auch wenn die Werte in Fukushima tiefer lägen, lässt sich unter diesen Bedingungen nicht lange arbeiten.

Wer zu viel abbekommt, wird ausgewechselt

«Wer sich aus den Gebäuden bewegt, macht das vermutlich nur noch in Schutzmontur», erklärt Schwarz. Jeder der Arbeiter trägt ein Dosimeter auf sich, ein Gerät, welches die Strahlenbelastung ständig misst und aufkumuliert. «Wer den Grenzwert erreicht hat, muss ausgewechselt werden.» Die Gebäude der AKW-Anlage aber verlässt nur noch, wer zwingend muss. Und im inneren dieser Kommandoräume ist die Strahlenbelastung immer noch deutlich tiefer, gibt Schwarz zu bedenken.

Fragt sich allerdings, ob es nicht gebunkerte Kontrollräume für den Notfall gibt. «In der Schweiz verfügen wir über zweite Kommandozentralen in Bunkern, von denen aus im Notfall die AKW gesteuert werden können», erklärt der Ensi-Experte. Das ist aber eine Sicherheitsstufe, die nicht weltweit zur Anwendung kommt. «Wir übertreffen damit den internationalen Standard. Ob solche Zweitzentralen in Japan vorhanden sind, kann ich nicht sagen», sagt Schwarz. Aber: «Ich gehe davon aus, dass gewisse Einrichtungen unterirdisch verbunden sind, wir kennen aber die Baupläne von Fukushima nicht im Detail.»

Müssen alle weg?

Dass im schlimmsten Fall auch die restlichen Arbeiter aus Fukushima abgezogen werden müssen, dieses Szenario könnte sich schon bald bewahrheiten. Am Dienstagmittag meldete die japanische Agentur Kyodo, die gemessenen Werte seien so hoch, dass das Personal nicht weiter in den Kontrollräumen des Reaktors bleiben könne. Noch gibt es dafür keine offizielle Bestätigung. Bereits heute Morgen auf dieses Szenario angesprochen meinte Prasser aber mit unsicherer Stimme: «Ich bin sehr besorgt.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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