Schweizer Forscher werden abgezogen

Hintergrund

Die Schweiz gehört zu den erfolgreichsten Teilnehmern der EU-Forschungsprogramme. Doch die Sistierung des Abkommens nach der Masseneinwanderungsinitiative hat bereits negative Folgen.

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(Bild: Keystone TA-Grafik)

Es ist eine der einfacheren Korrelationen, mit der sich Schweizer Forscher derzeit zu befassen haben: Geht das Forschungsabkommen mit der EU in die Binsen, dann gleichzeitig auch Millionen Fördergelder mit ihm. Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative und der damit verbundenen Aufkündigung der Personenfreizügigkeit sistierte die EU die Verhandlungen mit der Schweiz.

Die Forschungsrahmenprogramme (FRP) der EU haben zum Ziel, Forschung und Innovation bei europaweitem Wettbewerb zu fördern. Dazu werden die Forschungsgelder der 42 Mitglieds- und assoziierten Staaten in einen Topf geworfen. In Brüssel werden alle Forschungsgesuche evaluiert, und die besten davon werden aus diesem Topf unterstützt – ohne Rücksicht auf Landesgrenzen. Die Schweiz darf seit 2004 als assoziierter Staat vollumfänglich mitmachen. So fiel etwa die Führungsposition im Human Brain Project der Schweiz zu.

Schweizer Forscher entmachtet

Mittlerweile läuft das 8. Forschungsprogramm mit dem astronomischen Budget von 70,2 Milliarden Euro und dem vielsagenden Namen Horizon 2020. Doch für Schweizer Forscher droht der Horizont bereits jetzt an den eigenen Landesgrenzen zu enden. «In zwei Fällen haben wir vorsichtshalber Schweizer Projektkoordinatoren bei der Antragstellung für Horizon 2020 ersetzt, weil eine Benachteiligung zu befürchten war», sagt die Wirtschaftsgeografin Jeanette Müller, die mit ihrer Firma Accelopment Forscher beim Abfassen von professionellen Gesuchen für Fördergelder unterstützt. Die Schweizer werden in den beiden Fällen nun lediglich als Partner beteiligt. Denn sollte die Schweiz ihr Assoziierungsabkommen nicht halten können, wären Schweizer Forscher möglicherweise nicht mehr in Führungspositionen von Projekten einsetzbar.

Martin Kern vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) verweist auf die Vorteile der wissenschaftlichen Vernetzung: «Es geht primär um die internationale Zusammenarbeit, die letztlich weder mit Geld noch mit Prestige aufzuwiegen ist.» Ein Projekt mit EU-Fördergeldern sei gleichzeitig mit einem enormen Renommee verbunden, denn im Schnitt wird nur eines von fünf in Brüssel eingereichten Projektgesuchen angenommen. Zum Vergleich: Beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) mit einem jährlichen Budget von 800 Millionen Franken beträgt die Erfolgsquote rund 50 Prozent, es wird also jedes zweite Projekt angenommen. Jeanette Müller hält jedoch fest: «Wer akademisch in Europa Karriere machen will, muss früher oder später ein EU-Projekt leiten.»

Forscher aus der Schweiz waren in Brüssel immer überdurchschnittlich erfolgreich: Die Schweiz rangiert im 2013 beendeten 7. Forschungsrahmenprogramm mit einer Erfolgsquote von 25,5 Prozent auf Platz vier, nach Frankreich, den Niederlanden und Spitzenreiter Belgien. Auch gemessen an der Anzahl Beteiligungen, der Anzahl koordinierter Projekte und der Höhe der erhaltenen Fördermittel gehört die Schweiz zu den Top 10. Den Spitzenhochschulen ETH Zürich und ETH Lausanne zum Beispiel flossen so im Jahr 2012 über 50 Millionen Franken Drittmittel aus der EU-Förderung zu. Aber auch Forscher aus Industrie, KMU und sogar Non-Profit-Organisationen profitieren.

Hoher Rückflusskoeffizient

Auch die Gesamtrechnung zeigt sich für die Schweiz erfreulich: Im 6. EU-Forschungsrahmenprogramm (2002 bis 2007) belief sich der von der Schweiz geleistete Finanzbeitrag auf 775,3 Millionen Franken ans Gesamtbudget von 19,1 Milliarden Euro. Aus der Schweiz eingereichte Projekte konnten davon insgesamt 794,5 Millionen Franken ergattern, was einem Nettozufluss an Forschungsmitteln von 19,2 Millionen Franken und einem Rückflusskoeffizienten von 1,14 entspricht. Dieser Wert stellt das Verhältnis zwischen einbezahlten und zurückgeflossenen Fördermitteln dar.

Vom 2013 abgeschlossenen 7. FRP, das mit 50,5 Milliarden Euro mehr als doppelt so umfangreich ist wie das 6. FRP, gibt es noch keine definitiven Zahlen. Eine erste Zwischenbilanz vom Juni 2012 wies der Schweiz einen Rückflusskoeffizienten von 1,52 aus. Die Schweizer Forschung holte bis dahin also eineinhalbmal mehr aus dem EU-Topf heraus, als der Bund einzahlte. Inzwischen ist dieser Wert zwar gesunken. Denn der Anteil, den ein Land für die Teilnahme am Forschungsrahmenprogramm zu entrichten hat, orientiert sich laufend an dessen Bruttoinlandprodukt verglichen mit jenem aller EU-Staaten. Da das Schweizer Bruttoinlandprodukt über die letzten Jahre im Vergleich zu jenem der EU gestiegen ist, sind auch die Schweizer Beitragszahlungen entsprechend gestiegen. So steuerte die Schweiz dem 7. Forschungsrahmenprogramm gesamthaft 1,64 Milliarden Euro (ca. 2,46 Milliarden Franken) bei. Die Bilanz bleibt aber weiterhin positiv. Bis Januar 2014 sind laut EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn bereits 200 Millionen Euro mehr in die Schweiz zurückgeflossen, als sie bezahlt hat. Ausserdem: «Die Zahlungen an die Projekte halten teilweise bis 2017 an, während die schweizerische Beitragszahlung per 2013 endete», erklärt Philipp Langer vom SBFI.

Teure Forschungsbürokratie

Jeannette Müller sieht den Schlüssel zum Erfolg primär in den guten Arbeitsbedingungen an den Schweizer Hochschulen, welche die besten Köpfe ins Land locken. Eine aktuelle OECD-Studie über die Mobilität der Forscher zeigt zum Beispiel, dass die Schweiz von 1996 bis 2011 weltweit prozentual am meisten Forscher anzog, sowohl Schweizer Rückkehrer als auch Neuzuzüger. «Ausserdem setzt man in der Schweiz ähnliche Forschungsschwerpunkte wie die EU», sagt Müller. Im 7. Forschungsrahmenprogramm werden die Informationstechnologien, Lebens- und Nanowissenschaften mit 20,5 Milliarden Euro unterstützt. Der Löwenanteil fliesst mit rund 9 Milliarden Euro in die Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT), aus deren Töpfen auch die ersten Budgets des Human Brain Project gespeist wurden.

Falls die Aufkündigung des Forschungsabkommens Tatsache wird, so müsste die Schweiz wieder als Drittstaat, wie vor 2004, teilnehmen: Das vom Bund für den EU-Topf gesprochene Forschungsgeld würde direkt an Schweizer Projektpartner ausbezahlt, finanziell könnte kein Nettozufluss mehr generiert werden.

Das SBFI weist zudem darauf hin, dass auch die von der EU geleisteten administrativen Dienste wie Evaluation und Verwaltung der Projekte kostenaufwendig sind und im Falle einer Teilnahme als Drittstaat selber bewerkstelligt werden müssten.

Tages-Anzeiger

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