Zum Hauptinhalt springen

Plötzlich dieser Land-Neid

Bei der Pest lohnte sich einst die Flucht aus der Stadt. Heute schadet sie.

Gehört zur Agglomeration Zürich: Ein Blick über Spreitenbach AG. Foto: Keystone
Gehört zur Agglomeration Zürich: Ein Blick über Spreitenbach AG. Foto: Keystone

Viren sind urbane Geschöpfe. Um sich zu verbreiten, brauchen sie menschliche Nähe. Genau dafür sorgen Städte.

Bis vor wenigen Tagen galt es als beneidenswert, in Prestigemetropolen wie New York oder Paris zu leben. Jetzt verlassen viele, die es sich leisten können, ihre Stadtwohnungen, um auf dem Land die Corona-Krise zu überwintern. Das Virus hat hippe Quartiere zu Krisengebieten abgewertet.

Dabei spielen vergangene Ängste mit. Im «Decamerone», einem gerade viel zitierten Literaturklassiker aus dem 14. Jahrhundert, ziehen sich Angehörige der Oberschicht auf ein Landgut zurück, um der Pest in Florenz zu entgehen. Die Armen sterben derweil in den Gassen. Im mittelalterlichen Zürich lief es nicht anders.

Seit es sie gibt, dienten Städte als Schlaraffenland für Krankheitserreger. Neben der Pest wüteten Pocken, Ruhr, Typhus, Keuchhusten. 1867 suchte die Cholera den Kanton Zürich heim. Am härtesten traf die Seuche die Altstadt und den heutigen Kreis 4. Zusammen starben in diesen überbelegten Arbeiterquartieren 223 Menschen, das entsprach fast der Hälfte aller Toten im Kanton. Die Spanische Grippe raffte in der Stadt Zürich im Jahr 1918 902 Menschen hin.

«Wer in der Stadt lebte, zahlte mit einem höheren Sterberisiko.»

Pandemien fühlen sich auch in zeitgenössischen Städten unangenehm an. Draussen hat es überall Menschen, sie alle könnten das Verhängnis in sich tragen. Auf dem Land hingegen ergibt sich die nötige Distanzierung von allein. Dazu leben Städterinnen oft in kleinen Wohnungen. In einem Mini-Apartment in Manhattan quarantänisiert zu werden, fühle sich beinahe an, wie auf einem Kreuzfahrtschiff fest­zusitzen, twitterte ein New Yorker. Die Glücklichen in den Suburbs ­dürften wenigstens in den eigenen Garten sitzen.

Vorstadt-Neid. So etwas hat es lange nicht mehr gegeben in den coolen Innenstädten. Dabei beruht er auf einem historischen Fehlschluss.

Das hat zwei Gründe. Städte sind in den letzten 50 Jahren sehr viel hygienischer geworden. Manche auch schlauer. Singapur und Hongkong, zwei dichte Millionenmetropolen, konnten die Corona-Rate durch Abschottung tief halten. Obwohl sie sehr nahe an China liegen. Zweitens haben ländliche Gebiete ihren einstigen Schutzschild verloren, ihre Abge­schiedenheit. Dank guten Strassen und Zugverbindungen lassen sich heute selbst verlassenste Orte leicht erreichen. Die Viren reisen mit.

Zum Inhalt

Die ersten Covid-19-Fälle in den einzelnen Ländern sind oft ausserhalb der grossen Zentren aufgetreten, etwa in der italienischen Kleinstadt Codogno. Die Globalisierung ist bis tief in die Agglomeration vorgedrungen. Und für einen lokalen Ausbruch reicht eine dicht gedrängte Bar. Gemäss einer Auswertung des «Spiegels» hängt die Anzahl der Infektionen in Deutschland bisher nicht von der Bevölkerungsdichte ab. Auch in der Schweiz zeigt sich kein Stadt-Land-Muster. Die Kantone mit dem höchsten Anteil an Corona-Kranken sind das Tessin, Basel-Stadt und die Waadt. Der Kanton Zürich macht keine Angaben zur örtlichen Verteilung der Infizierten.

Ländliche Gebiete leiden an einem weiteren Nachteil. Sie haben weniger Spitäler, und diese sind oft schlechter ausgerüstet. In Städten hingegen liegen die besten Gesundheitseinrichtungen gleich nebenan. Aus diesem Grund hat Norwegen den Städtern verboten, in ihre Ferienhäuser aus­zuweichen. Sie könnten, so die Befürchtung, die tendenziell ältere Landbe­völkerung gefährden. Und gleichzeitig deren Spitäler verstopfen. In Frankreich beschweren sich die Bewohner beliebter Ferienregionen darüber, dass fliehende Pariserinnen Corona einschleppen. Und trotz Ausgangssperre am Strand spazieren.

Corona-Landflucht bringt nichts. Sie schadet nur. Städterinnen müssen sich wohl dem Hausarrest fügen. Schwierig. Der Witz städtischen ­Lebens besteht darin, auszugehen, Menschen nahezukommen.

Ein Trost bleibt. Auch nach harten Seuchen haben sich Städte erholt. Der Agglo-Neid wird wieder verblassen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch