Welches Risiko wir eingehen wollen, liegt allein bei uns

Der Golfstrom wird schwächer und die Eisfläche in der Arktis war noch nie so gering. Wann wird der globale Klimaschutz reagieren?

Martin Läubli@tagesanzeiger

Den letzten grossen Auftritt hatte der Golfstrom vor gut elf Jahren. Der Hollywood-Blockbuster «The Day After Tomorrow» liess New York innert Tagen einfrieren. Die Ursache: Der Golfstrom, der viel Wärme vom Süden in den Norden bringt, war abgebrochen. Physikalisch ist die Kausalität im Katastrophenfilm realistisch dargestellt, doch das Tempo des Klimasturzes ist Science-Fiction.

Seither hat es der Golfstrom nicht mehr allzu oft in die Medien geschafft. Der Grund: Er hat kein Alarmpotenzial mehr. Die erwiesene Erderwärmung hat das Verhalten des Meeresstroms, der Europa ein mildes Klima bringt, bisher noch nicht messbar verändert. Indizien, der Golfstrom könnte einmal versiegen, liefern bisher nur Computermodelle.

Nun melden Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung im Fachjournal «Nature Climate Change», der Golfstrom sei in den letzten Jahrzehnten deutlich schwächer geworden. Sie sprechen dabei vom Nordatlantikstrom. Dessen verlängerter Arm reicht nach Europa und bringt Westeuropa die Milde. Er reagiert auf Veränderungen im arktischen Eis. Die Forscher haben nun in Ablagerungen des Meeresbodens, in Korallen, Baumringen oder Eisbohrkernen Hinweise gefunden, dass der Nordatlantikstrom wegen der Erderwärmung in den letzten hundert Jahren kälter geworden ist.

Die Ergebnisse seien stärker als die Resultate der Computermodelle. Die Abkühlung des Nordatlantiks ist ein Indiz, dass sich die Umwälzung des Wassers vom warmen Süden in den kalten Norden abgeschwächt hat. Dies wiederum hängt laut den Forschern mit der verstärkten Abschmelzung des Grönlandeises zusammen. So fliesst mehr Süsswasser ins Meer, das den Salzgehalt reduziert. Die Folge: Das Meerwasser wird leichter, sinkt weniger tief und bremst den Kreislauf der Meeresströmungen. Physikalisch ist das einleuchtend. Wie stark der Effekt tatsächlich ist und wie schnell dies Auswirkungen auf das globale Klima hat, bleibt trotzdem unklar. So gibt es auch Studien, die noch keine Wirkung auf die Atlantikströmung feststellen. Das heisst: Ob sich der Golfstrom in den nächsten 50 Jahren tatsächlich für das Klima spürbar verändert, ist umstritten.

Für die politische Diskussion, wie schnell man im globalen Klimaschutz handeln sollte, sind die neuen Golfstromergebnisse nicht bedeutsam. Fakt ist hingegen: Seit die Eisflächen gemessen werden, war die Ausdehnung des arktischen Wintereises noch nie so gering wie in diesem Jahr. Der Eisverlust entspricht mehr als der 25-fachen Fläche der Schweiz. Die Krux dabei: Ist die Fläche im Winter gering, so wird auch die sommerliche Abschmelzung weiter beschleunigt. Denn die hervortretenden dunklen Wasserflächen absorbieren mehr Sonnenstrahlen. Die zusätzliche Wärme treibt den Abschmelzprozess an. Neue Studien zeigen, dass die Erwärmung in der Arktis die globale Luftzirkulation verändern kann – mit der Konsequenz, dass auf dem Kontinent mit länger anhaltenden Dürreperioden zu rechnen ist, wie zum Beispiel in Russland 2010.

Auch hier wissen die Wissenschaftler nicht, wann mit stärkeren Dürreperioden zu rechnen ist. Sie wissen aber auch nicht, wann der Klimawandel derart fortgeschritten ist, dass die schlimmsten Folgen auch mit viel Geld nicht mehr zu verhindern sind. Sicher ist wissenschaftlich nur: Je stärker der Klimawandel wird, desto verheerender werden die Folgen sein. Und irgendwann gibt es kein Zurück mehr. Welches Risiko wir eingehen wollen, liegt allein bei uns.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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