Trumps Mauer gefährdet seltene Tiere

Donald Trumps Mauer zu Mexiko würde einige der wertvollsten Biotope Amerikas zerschneiden. Auch in Europa machen Zäune Artenschutz zunichte.

Ein geschickter Kletterer: Das nordamerikanische Wüsten-Dickhornschaf. Foto: Getty Images, iStockphoto

Ein geschickter Kletterer: Das nordamerikanische Wüsten-Dickhornschaf. Foto: Getty Images, iStockphoto

Das Wüsten-Dickhornschaf hat unter der Einwanderung von Europäern gelitten. Bevor die Europäer Amerika besiedelten, waren die geschickten Kletterer überall in den Wüsten zwischen Kalifornien und dem Golf von Mexiko zu finden. Doch jagende Siedler und eingeschleppte Krankheiten haben die Art fast ausgerottet. Noch einige Hundert Dickhornschafe durchstreifen heute die Grenzregion zwischen den USA und Mexiko. Erst in den vergangenen Jahren hat sich die Population dank Bemühungen von Naturschützern etwas erholt. Aber nun könnten die Wiederkäuer erneut unter den Folgen der Einwanderung leiden – genauer gesagt, unter der Einwanderungspolitik von Donald Trump.

Der US-Präsident will eine Mauer zwischen den USA und Mexiko errichten, also genau durch den Lebensraum der Dickhornschafe hindurch. Und durch den vieler anderer Spezies. Eine kontinuierliche Barriere an der 3200 Kilometer langen Grenze würde den Lebensraum von 1100 Tier- und 400 Pflanzenarten durchschneiden, schätzen Biologen in einer Analyse im Fachjournal «BioScience». Die Studie ist zugleich ein Aufruf, vom Mauerbau abzulassen. Dieser «gefährdet einige der biologisch vielfältigsten Regionen des Kontinents», warnen die Wissenschaftler. 62 Arten, die entlang der Grenze leben, gelten laut der Roten Liste der Naturschutzunion bereits als gefährdet. Die Co-Autorin Jennifer Miller von der Naturschutzorganisation Defenders of Wildlife nennt die Grenzbarrieren im «Scientific American» «eine ungezügelte ökologische Katastrophe». Etwa 2600 Wissenschaftler aus aller Welt haben den Aufruf unterzeichnet, mehr als die Hälfte davon aus den USA.

Neun Herden dokumentiert

Angesichts der menschlichen Dimensionen von Trumps Grenzpolitik mag es wie eine Petitesse klingen, sich auch noch um ein paar Tiere zu sorgen. Schliesslich trennt eine hohe Barriere auch Familienangehörige von­einander, die auf unterschied­lichen Seiten leben, sie bremst womöglich den kulturellen Austausch und den grenzüberschreitenden Handel. Für Trumps Wähler wiederum geht es um nationale Sicherheit und die Abwehr von Drogenkartellen. Doch ob die Mauer diesen Zweck erfüllt, ist sehr fraglich. So schmuggeln mexikanische Kartelle das allermeiste Heroin nicht durch die Wildnis, sondern fahren es über reguläre Grenzübergänge in die USA, versteckt in LKW und Autos. Und die meisten illegalen Einwanderer reisen legal mit einem Visum ein und bleiben nach dessen Ablauf einfach. Der Einfluss einer Mauer auf diese Faktoren wäre deshalb wohl überschaubar.

Dagegen ist es praktisch sicher, dass die Natur durch den Grenzwall Schaden nimmt. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko verläuft durch sechs Regionen, deren klimatische und geografische Eigenheiten teilweise einzigartige Ökosysteme hervorgebracht haben – etwa die Sky Islands zwischen Arizona, New Mexico und zwei mexikanischen Bundesstaaten. Diese «Himmelsinseln» sind inselartige Gebirge, die sich 1300 Meter über die Ebene erheben, mit eigener Flora und Fauna.

Für viele Arten ist es essenziell, zwischen solchen inselartigen Biotopen hin und her zu wandern und auch über die Grenze zu streifen, etwa auf der Suche nach Wasser oder zur Paarung. So sind bei den Dickhornschafen neun Herden dokumentiert, die regelmässig die Seiten wechseln. Auch die letzten in den USA wild lebenden Jaguare und Ozelots würde eine Mauer von den grösseren Populationen in Zentralamerika abschneiden. Isoliert könnten die Raubkatzen auf Dauer womöglich nicht überleben. Selbst einige Schmetterlings- und Vogelarten würde eine Mauer behindern. So fliegt der Brasil-Sperlingskauz selten höher als vier Meter über dem Boden, die Eule tut sich schon beim Überfliegen von Bäumen schwer.

Trump bevorzugt einemassive Mauer aus Beton

Wie hoch die Mauer wird, wie sie überhaupt aussieht, wird entscheidend für die ökologischen Auswirkungen sein. Tatsächlich gibt es zwischen den USA und Mexiko bereits Grenzanlagen auf einer Länge von 1050 Kilometern, grösstenteils errichtet während der Amtszeit von George W. Bush. Etwa die Hälfte der existierenden Barrieren halten nur Fahrzeuge ab, für Personen stellen sie kein Hindernis dar. Wildtiere können problemlos durchschlüpfen. Mit diesen Barrieren ist Trump jedoch unzufrieden. Er bevorzugt eine massive Mauer aus Beton, zuletzt sprach das Weisse Haus von einer «Stahlbarriere». Ökologisch wäre beides schlecht.

«Es kommt darauf an, dass die Barriere durchlässig ist», schreiben die Biologen in ihrer Analyse in «BioScience». «Und aus der Perspektive eines Jaguars hat ein unüberwindbarer Zaun den gleichen Effekt wie eine Mauer.» Zudem geht es nicht nur um das Bauwerk an sich – für Grenzpat­rouillen daran entlang würden Tausende Kilometer neue Strassen benötigt, die ebenfalls Spuren in der Wildnis hinterlassen. Besonders ärgert die Wissenschaftler, dass im Namen des Grenzschutzes Vorschriften zum Schutz seltener Tiere und der Umwelt einfach übergangen werden dürfen. Dafür sorgt ein Gesetz der Bush-Administration von 2005, das die Regierung Trump grosszügig nutzt.

Dass der Naturschutz keine Rolle mehr spielt, sobald es um Grenzen geht, ist in Europa nicht anders. Was Tempo und Gründlichkeit beim Bau neuer Wälle anbelangt, dürfte Trump durchaus neidisch über den Atlantik blicken. Zwischen der EU und ihren Nachbarstaaten gibt es laut einer Analyse im Fachmagazin «PLOS Biology» nun Zäune auf einer Länge von 2250 Kilometern – auf mehr als der doppelten Länge wie an der US-Aussengrenze. Viele davon wurden hastig während und nach der Flüchtlingskrise von 2015 hochgezogen.

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Sogar zwischen einzelnen EU-Staaten bestehen 400 Kilometer Barriere. So hat Slowenien die Grenze zu Kroatien mit einem stacheldrahtbewehrten Zaun gesichert, der mitten durch Naturschutzgebiete führt. In dieser Region rund um das Dinarische Gebirge leben viele teils seltene Arten wie der Braunbär, der Wolf oder der Eurasische Luchs, die oft besonderen Schutz geniessen und deren einzelne Populationen nun voneinander getrennt sind. Die genetische Vielfalt und Überlebensfähigkeit der isolierten Gruppen könnte darunter leiden. Das Revier vieler Wolfsrudel liegt beiderseits der Grenze, auch Bären wandern weite Strecken, die natürlich auch über Landesgrenzen führen.

In Europa sind neue Zäune für den Naturschutz ein grosser Rückschlag. Wildtiere in Europa profitierten die vergangenen 30 Jahre vom Fall des Eisernen Vorhangs und der allmählichen Grenzöffnung in Osteuropa. So konnten sich vormals getrennte Habitate wieder verbinden, Wölfe und Luchse Richtung Westeuropa einwandern. Diese Zeiten gehen zu Ende. Vielerorts werden wieder Barrikaden hochgezogen oder verstärkt, derzeit an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien oder zwischen Russland und der Ukraine. Auch die baltischen Staaten denken über neue Befestigungen an der russischen Grenze nach.

Der Umweltschutz spieltpraktisch keine Rolle

«Das Problem geht nicht weg», sagt John Linnell vom norwegischen Institut für Naturforschung und Erstautor der Studie in «PLOS Biology». Er sieht den Naturschutz als Kollateralschaden einer populistischen Verschiebung in Politik und Gesellschaft. «Diese Denkweise wird dem Erhalt wilder Tiere in keiner Weise för­derlich sein.» Linnell fürchtet weniger die kurzfristigen Auswirkungen der Zäune, sondern den Schaden, den sie auf lange Sicht anrichten. Der liesse sich jedoch nur schwer erforschen.

«Sobald man mit Themen wie Grenzschutz, Einwanderung und Verteidigung zu tun hat, stösst man gegen eine Mauer.» Das funktioniere alles nach einer ganz eigenen Logik, in der Umweltschutz praktisch keine Rolle spiele. So könnten viele der Zäune in Osteuropa gegen EU-Recht verstossen, argumentieren die Wissenschaftler, da bei ihrem Bau oft Umweltverträglichkeitsprüfungen fehlten.

An der US-Südgrenze berichten manche amerikanische und mexikanische Wissenschaftler von Einschüchterungsversuchen seitens Grenzbeamter, als sie auf Feldforschung unterwegs waren. Ihnen bleibt immerhin ein Trost: Wie die «New York Times» berichtet, hat Donald Trump den existierenden Grenzmauern bislang noch keinen einzigen Kilometer hinzugefügt.

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