Städte sind für viele Wildtiere das Schlaraffenland

Füchse, Dachse und Marder mögen Städte. Wie sollen die Menschen darauf reagieren? Die Biologin Sandra Gloor hat Antworten.

Abfall in Sicht? In der Stadt gibts für den Fuchs viel zu futtern. Foto: Getty Images

Abfall in Sicht? In der Stadt gibts für den Fuchs viel zu futtern. Foto: Getty Images

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Frau Gloor, ist es denkbar, dass in Städten bald mehr Wildtiere leben als in den Wäldern und Fluren?
Tatsächlich gibt es heute Tierarten, die häufiger in Städten leben als auf dem Land, zum Beispiel Füchse oder Igel. Andere Arten werden bewohnte Gebiete jedoch nie besiedeln, da ihnen die städtischen Verhältnisse nicht entsprechen.

In den Medien liest man immer häufiger von Wildtieren, die in Städten auftauchen.
Städte sind kein Gegensatz zur Natur. Tiere haben in ihnen seit je ein Auskommen gefunden. Allerdings war das menschliche Interesse dafür lange gering. Eine Schweizer Studie über Insekten, Kleintiere und Fledermäuse belegt, dass die Vielfalt in den Städten nicht kleiner ist als in deren Umland. In vielen Metropolen finden sich Tausende von Arten.

Auch augenfällige wie Wildschweine, die in Berlin ganze Vorgärten umgraben?
In Berlin sind Wildschweine in vielen Quartieren allgegenwärtig. Bei uns werden sie noch eher selten gesichtet. Eine Rotte wechselt bisweilen von Regensdorf auf Zürcher Stadtboden und zurück. Sie hat nachts schon mal den Rasen eines Freibads umgepflügt. Am häufigsten beobachtet werden Füchse, von denen etwa 1200 durch Zürich streifen. In einzelnen Gegenden leben mehr als zehn Tiere pro Quadratkilometer, man hat also gute Chancen, eines zu sichten. In ländlichen Gebieten rechnet man mit nur fünf bis sechs ausgewachsenen Füchsen auf der gleichen Fläche. Mitunter kann man auch Dachsen begegnen, aber nicht, weil die unsere Nähe suchen, sondern weil sich die Städte bis in ihren natürlichen Lebensraum ausdehnen. Die Tiere sind sehr standorttreu.

«Das reichliche Futterangebot kommt auch nicht sehr anspruchsvollen Arten wie etwa dem Steinmarder zugute.»

Was behagt den Füchsen in Städten?
Sie tummeln sich gerne in Parks, Schrebergärten und auf Friedhöfen, wo sie in der Nacht weitgehend ungestört sind. In den Städten finden sie zudem ausreichend Nahrung, weil in unserer Überflussgesellschaft viele Lebensmittel weggeworfen werden und zum Beispiel in abgestellten Abfallsäcken leicht zugänglich sind.

Füchse, so haben Sie herausgefunden, leben in Städten oft sozialer als im Wald.
In Städten herrschen schlaraffenlandartige Zustände. Dies führt dazu, dass in ihnen ganze Fuchsfamilien leben können. In Gebieten mit weniger Nahrung leben Füchse als Paare oder sogar einzelgängerisch. Das reichliche Futterangebot kommt auch andern nicht sehr anspruchsvollen Arten wie etwa dem Steinmarder zugute.

Sie beobachten seit 20 Jahren Wildtiere in urbanen Gegenden. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Ich war fasziniert von der grossen Vielfalt an Wildtieren, die in den Städten heimisch sind. Ich war verblüfft von ihrer Fähigkeit, sich anzupassen und menschliches Verhalten zu nutzen. Seit einiger Zeit gesellt sich zu diesen positiven Aspekten aber auch ein ungutes Gefühl.

Mit der Infrarotkamera entdeckt: Ein Steinmarder zwischen parkierten Autos. Foto: Getty Images

Was liegt diesem zugrunde?
Ich stelle fest, dass Städteplaner zwar von Verdichtung unserer Städte reden, um Offenland zu schonen, und dennoch wird die Zersiedelung in ländlichen Gebieten kaum gebremst. Passen wir nicht auf, verlieren wir einen grossen Teil unserer Grün- und Freiräume. Und mit ihnen eine Menge Tiere.

Lässt sich das beziffern?
Im vergangenen Jahr wurde eine Studie aus Deutschland publiziert, für die 27 Jahre lang die Menge an Insekten in Naturschutzgebieten erfasst wurde. Während dieser Zeit nahm ihre Zahl um 76 Prozent ab. Daraus lässt sich ableiten, dass auch andere Arten gefährdet sind. Viele Vogelarten zum Beispiel, zu deren Futter die Insekten zählen. Gemäss der Vogelwarte Sempach haben in der Schweiz seit 1990 die gefährdeten Brutvogelbestände um 40 Prozent abgenommen.

Merken Sie in Ihrem städtischen Alltag etwas vom Artenrückgang?
Vor meinem Büro in Zürich sind vor Jahren des Öftern Schmetterlinge vorbeigeflattert, Schwalbenschwänze, Admirale, Tagpfauenaugen. Heute bin ich schon glücklich, wenn ich einen Kohlweissling sehe, einen der häufigsten Falter.

Ich gehe also falsch in der Annahme, dass Städte sich zu gigantischen Zoos entwickeln?
Ja. Die Artenvielfalt in unseren Städten ist nichts für ewig Gegebenes. Wenn wir sie nicht in Planungsprozessen berücksichtigen, werden wichtige Teile verschwinden.

«Bedrohliche Situationen wie in Hitchcocks ‹Die Vögel› sind nicht zu erwarten.»

Aber es gibt auch Tiere, die in wachsender Zahl zuziehen.
Das stimmt. Etwa die Mauer- und Alpensegler, elegante und geschützte Vögel, die zu den Felsenbrütern zählen. Sie nisten am liebsten an ganz hohen Gebäuden, sind also in Städten wie Zürich gut aufgehoben. Wohl fühlen sich in unseren Zentren auch andere Wildvögel wie die Saatkrähe oder Turm- und Wanderfalken. Bedrohliche Situationen wie in Hitchcocks «Die Vögel» sind allerdings nicht zu erwarten.

Warum nicht?
In Hitchcocks Film greifen Vögel die Menschen an. Das kommt bei uns sehr selten vor und wenn, hat es meist damit zu tun, dass sie, etwa Mäusebussarde oder Krähen, ihre Nester verteidigen.

Welche Bodenbewohner können zur Plage werden?
In unseren Breitengraden kann man sich mit den allermeisten wilden Nachbarn in Siedlungsräumen arrangieren. Die meisten machen keine Probleme und sind ungefährlich, wenn man die natürliche Distanz zu ihnen wahrt. Gefährlich werden konnte früher ein tollwütiger Fuchs. Die Schweiz ist aber seit 1998 tollwutfrei, und die Tiere sind meist so scheu, dass sie eher fliehen als zubeissen.

Im deutschen Kassel verwüsten Waschbären ganze Häuser. Besteht die Gefahr, dass sie auch bald in der Schweiz auftauchen?
Es ist vielen Fachleuten ein Rätsel, dass sie nicht längst da sind. Immerhin werden sie bereits in der schweiznahen Stadt Freiburg im Breisgau häufig gesichtet. Bei Hinweisen auf einen Waschbär stellt der Zürcher Verein StadtNatur, in dem ich mich engagiere, Fotofallen auf. Bisher sind aber nur Dachse hineingetappt.

«Es geht nicht darum, Städte als Paradiese für Tiere zu verherrlichen.»

Welche Tiere sind die exotischsten in den Ballungszentren?
Eines ist sicher der Biber, den man an vielen Flüssen des Schweizer Mittellandes wieder antreffen kann. Er lebt auch in Städten wie Biel und seit kurzem an Zürichs Peripherie, aber auch die Weissrandfledermaus, eine Art aus dem Mittelmeerraum, die in den 1980er-Jahren über die Alpen kam. Speziell sind für mich zudem Graureiher, die heute meist ausserhalb der Stadt ihre Schlafbäume haben und häufig in belebte Zonen einfliegen.

Das mutet ja fast paradiesisch an.
Verstehen Sie mich richtig: Es geht nicht darum, Städte als Paradiese für Tiere zu verherrlichen. Aber viele Arten haben es in urbanen Gebieten vergleichsweise gut, weil sie einen gedeckten Tisch vorfinden, die Lebensräume vielfältiger sind als etliche auf dem Land und weil sie vom warmen Stadtklima profitieren.

Im zürcherischen Schlieren wurde 2014 ein von einem Zug überfahrener Wolf aufgefunden. Was löste das bei Ihnen aus?
Der Wolf ist wie der Fuchs enorm anpassungsfähig. Ich bin mir sicher, dass er sich in der Schweiz viel Lebensraum zurückerobern wird, auch in Menschennähe - wenn man ihn lässt. Er profitiert von Wildbeständen im Wald, die in den letzten hundert Jahren nie so hoch waren wie heute. Wölfe können aber auch Abfall fressen. Wir sollten deshalb etwas gelassener werden in Diskussionen um ihn. Da Wölfe sehr scheu sind und den Menschen ausweichen, sind Ängste ihnen gegenüber unbegründet.

Wer hält die Populationen von Wildtieren in Städten unter Kontrolle?
Meist sind es speziell ausgebildete Jäger oder Wildhüter. Der Abschuss von Tieren im Siedlungsraum ist oft schwierig, will man keine Menschen gefährden. Deshalb werden Tiere, die problematisch werden, in Fallen gefangen und getötet. Ein Aussetzen in Wäldern ist nicht sinnvoll, es kann zu Stress bei den ausgesetzten Tieren, aber auch bei den lokalen Beständen führen.

Ist die Bezeichnung «Wildtier» noch ein tauglicher Begriff?
Man sollte sie unbedingt beibehalten. Sie signalisiert den nötigen Respekt gegenüber diesen Lebewesen und macht klar, dass Wildtiere niemals quasi als Haustiere vereinnahmt werden dürfen.

Wer passt sich besser an – die Wildtiere dem Menschen oder umgekehrt?

Ersteres. Der Mensch ist immer noch jenes Wesen, das alles bestimmen und sich unterordnen möchte. Einige Fachleute für Städteplanung sind sich zu wenig bewusst, dass auch Städte Lebensräume sind und ihre Grün- und Freiräume die Lebensqualität wesentlich prägen. Das zeigt eine Situation, die ich in einer Planungsgruppe erlebt habe. Ich wurde gefragt, wieso ich als Biologin dabei sei - Städteplanung habe doch nichts mit Biologie zu tun.

Entdeckt man grössere Wildtiere im Garten und möchte sie weghaben, ist es ratsam, den Wildhüter zu rufen.

Was soll man tun, wenn man einen tierischen Zuzüger im Haus hat?
Handelt es sich um ein grösseres Wildtier wie einen Fuchs oder Dachs, empfiehlt es sich, einen Wildhüter zu kontaktieren. Und nichts auf eigene Faust zu unternehmen, weil immer das Risiko von Bissverletzungen besteht, wenn frei lebende Tiere in die Enge getrieben werden. Kleinere Arten kann man selber verscheuchen. Entdeckt man grössere Wildtiere im Garten und möchte sie weghaben, ist es ebenfalls ratsam, den Wildhüter zu rufen.

Ich nehme an, Sie sind gegen jede Fütterung und Verhätschelung.
Da liegen Sie richtig. Wildtiere in der Stadt finden ihre Nahrung selber, auch im Winter. Generell sollte man nie versuchen, Tiere zu zähmen.

Wie soll man sich gegenüber Wildtieren verhalten?
Beobachten ist zulässig, stören soll man die Tiere aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie Junge haben. Und man sollte sie nie zu streicheln versuchen. Zum einen, weil sie sich zur Wehr setzen können, zum andern, weil sie Parasiten übertragen können. Beim Fuchs ist das der Fuchsbandwurm, der beim Menschen Leberschäden verursacht. In der Schweiz gibt es allerdings nur etwa 20 bis 30 neue Krankheitsfälle pro Jahr.

Gibt es andere Wildtiere, die möglicherweise Krankheiten übertragen?
Alle Tiere, die beissen können, verursachen mitunter Infekte. Und im schlimmsten Fall einen Starrkrampf, weswegen man nach einer Attacke unbedingt zum Arzt muss, der nötigenfalls die Impfung erneuert. Möglich ist auch eine Übertragung des Staupevirus von Wildraubtieren auf Haushunde, die aber mit einer Impfung geschützt werden können.

Können Wildtiere unsere Haustiere attackieren?
Kleine Arten wie Hasen, Meerschweinchen oder Hühner werden von ihnen schon mal gefressen. Katzen dagegen können sich ebenso zur Wehr setzen wie jeder Hund, der kein Schosstierchen ist.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 16.04.2018, 14:40 Uhr

Die Wildtierbiologin



Die Zürcher Wildtierbiologin Sandra Gloor, 53, arbeitet in der Geschäftsleitung der Arbeitsgemeinschaft Stadtökologie, Wildtierforschung und Kommunikation und ist Co-Leiterin des Projekts StadtWildTiere.

Aufgepasst


  • Wildtiere nie streicheln oder zu zähmen versuchen, jedes Füttern unterlassen.

  • Keine Fressnäpfe von Hund oder Katze draussen stehen lassen.

  • Käfige und Gehege von im Freien gehaltenen Kleintieren wie Hasen oder Meerschweinchen sichern.

  • Kontakte von Füchsen zu Hunden vermeiden (Gefahr einer Staupe-Übertragung).

  • Fuchskot (3–8 cm, daumendick) im Garten wegräumen, Handschuhe tragen, die Ausscheidungen enthalten möglicherweise Bandwurmeier.

  • Beeren und Gemüse aus dem Garten sorgfältig waschen, an beidem könnten Fuchsbandwurmeier haften.

  • Gartenkompost abdecken oder in verschliessbarem Behältnis unterbringen.

  • Abfallsäcke erst kurz vor der Abholung vors Haus stellen (Schutz vor Plünderung).

  • Verletzte oder kranke Tiere nicht ins Haus holen, sondern den Wildhüter informieren.

  • Nach Beissattacken unbedingt einen Arzt aufsuchen.

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