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Feindliche Übernahme unter Geiern

Im spanischen Naturpark Monfragüe breiten sich die Gänsegeier aus. Sie besetzen neuerdings die Nester der grösseren, aber friedfertigen Mönchsgeier – und drohen diese zu verdrängen.

Die Mönchsgeier, in Südeuropa auch schwarze Geier genannt, sind jeder Art von Krawall abgeneigt. Foto: Adam Seward (Getty Images)
Die Mönchsgeier, in Südeuropa auch schwarze Geier genannt, sind jeder Art von Krawall abgeneigt. Foto: Adam Seward (Getty Images)

Majestätisch gleitet der grosse Vogel mit weit ausgebreiteten Schwingen um den Felsen. Die Menschen am Aussichtspunkt im spanischen Naturpark Monfragüe, 200 Kilometer südwestlich von Madrid, sind begeistert: «Ein Adler! Ein Kaiseradler!» Dann kommt noch ein Vogel, dann werden es immer mehr. Schliesslich kreist ein Schwarm von zwei Dutzend über den Felsen am Ufer des Tajo, des längsten Flusses der Iberischen Halbinsel. Doch dann erklärt der Führer, dass Adler nie im Schwarm auftreten, sondern bestenfalls paarweise. Die elegant im Schwarm kreisenden Vögel, die die Zuschauer in ihren Bann ziehen, sind Gänsegeier, eigentlich übel beleumundete Gesellen.

«Ihre schlechte Reputation haben sie keineswegs verdient», sagt Casto Iglesias. Er leitet die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Naturparks in der spanischen Region Extremadura. Seit vielen Jahren befasst er sich mit den Geiern, er nimmt an Kongressen teil und tauscht sich mit Ornithologen in anderen Ländern aus. Nach seinen langjährigen Beobachtungen konnte er nun mit einer Neuigkeit aufwarten, die der Fachwelt noch nicht bekannt war: Bei den Geiern gibt es Nestbesetzer. Sie machen sich in vorübergehend verlassenen Nestern breit und vertreiben deren Erbauer, wenn diese zurückkommen.

Die Rolle der Geier ist nach Ansicht von Iglesias nicht zu unterschätzen. Als Aasfresser sorgen sie dafür, dass von verendeten Tieren keine Seuchen ausgehen. «Die zersiedelte Landschaft hat das Gleichgewicht der Natur aus dem Lot gebracht», erklärt er. Da die meisten grossen Tiere keine natürlichen Feinde mehr hätten, könnten sich auch Seuchen schneller ausbreiten, begünstigt noch durch die Massenhaltung von Haustieren, deren Kontakt zu wild lebenden Tieren nie völlig unterbunden werden kann.

Grösster Vogel Europas

Im Monfragüe-Park leben zwei Geierarten: Die Gänsegeierkolonie zählt rund 600 fortpflanzungsfähige Paare. Die Spezies ist in ganz Südeuropa und Mittelasien bis Nordindien verbreitet. Der Gesamtbestand ist zwar in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen, aber noch ist die Art nicht bedroht. Hingegen rechnet Iglesias damit, dass die andere Art in seinem Park, der Mönchsgeier, in naher Zukunft auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten kommen wird. Am Mittellauf des Tajo im Norden der abgelegenen Region Extremadura leben rund 300 Paare. Es ist die grösste Kolonie in Europa; auf Mallorca, in Südfrankreich und in Griechenland gibt es noch mehrere Dutzend Paare. Die Südeuropäer nennen ihn «schwarzer Geier», obwohl die Oberseite seiner Flügel braun ist.

Er ist der grösste Vogel in Europa, er wird bis zu 14 Kilo schwer und übertrifft mit einer Spannweite von drei Metern deutlich den auch viel leichteren Kaiseradler. Dass es einer Geierart vergleichsweise gut geht, während die andere unter dem Vordringen der Zivilisation leidet, hat mit der Art ihres Nestbaus zu tun: Die Gänsegeier brüten hoch oben auf den Felsen, weder von Raubtieren noch von Menschen erreichbar. Ganz anders die Mönchsgeier: Sie brüten paarweise in Baumkronen mitten im Wald. Dadurch sind sie doppeltem Alltagsstress ausgesetzt: durch Menschen – und durch Gänsegeier.

Letztere sind es nämlich, die sich im Monfragüe-Park immer öfter als freche Nestbesetzer zeigen. Es gelingt ihnen zu Beginn ihrer Brutzeit im Dezember, weil die Nester der Mönchsgeier dann unbewohnt sind. Diese beginnen nämlich erst Ende Januar oder Anfang Februar zu brüten. Casto Iglesias hat beobachtet, dass die Verdrängten nicht um ihre Nester kämpfen, obwohl sie grösser als die Gänsegeier sind. Eher weichen sie harten Kämpfen aus. Dabei sind die Mönchsgeier – ihren Namen haben sie den hochstehenden Federn am Kopf zu verdanken, die an die Kapuze einer Mönchskutte erinnern – die dominanten Vögel, wenn Aas entdeckt wird: Die kleineren Gänsegeier lassen ihnen den Vortritt. Wenn der Hunger zu stark ist, jagen beide Arten auch lebende Tiere: Kaninchen, Eidechsen, auch Katzen verschmähen sie nicht.

Der Mönchsgeier zieht sich sogar vor Störchen zurück, die gelegentlich ebenfalls zu Nestbesetzern werden. Zwar bringen diese nur ein Drittel seines Gewichts auf die Waage, aber sie attackieren jeden heftig, der sich ihrem Nest nähert. Den offenbar jedem Krawall abgeneigten Mönchsgeiern bleibt nichts anders übrig, als sich aus Zweigen und Reisig eine neue Brutstätte zu bauen. Es ist viel Arbeit, die Nester haben einen Durchmesser von bis zu drei Metern.

An den Rand gedrängt

Der Kampf um die Nester ist offensichtlich darauf zurückzuführen, dass die Kolonie der Gänsegeier immer grösser geworden ist und ihr nicht genügend geschützte Nistplätze in den Felsen zur Verfügung stehen. Ihre Expansion führt dazu, dass viele der seltenen und scheuen Mönchsgeier an den Rand des Monfragüe-Parks gedrängt werden, wo sie dann der Mensch stört. Denn in den benachbarten Wäldern werden Bäume gefällt, Motorsägen und Transportfahrzeuge kommen zum Einsatz.

Diese Stressfaktoren führen dazu, dass die Zahl der Mönchsgeier stagniert. Sie brüten nur einmal im Jahr, neun Monate lang sind sie mit Brut und Aufzucht des Nachwuchses beschäftigt, bis dieser flügge wird. Die Wildhüter haben schon aus dem Nest gefallene Junge gerettet. Sie wurden in die Tierstation des Parks in der Bezirksstadt Cáceres gebracht. Im Gegensatz zu Adlern, Habichten und Falken ist es aber bislang nicht gelungen, einen Geier zu domestizieren.

Vor den Wildhütern da

Manche Vögel könnten sich aber durchaus auf die Zivilisation einstellen, berichtet Iglesias: So behalten die Tiere zum Beispiel Fahrzeuge der Parkranger im Auge, die nach Wildunfällen Tierkadaver einsammeln. Sobald ein Wagen losfährt, fliegen sie in Richtung der Strecke, wo es die meisten Wildunfälle gibt, und treffen dort vor den Menschen ein. Diese überlassen ihnen erst einmal das Aas, bis sie sich sattgefressen haben. Immer wieder erstaunt es die Beobachter, wie schnell die Vögel zur Stelle sind. Keiner weiss, wie die Geier diese Information so schnell untereinander austauschen.

Ebenso unklar ist, warum sich die Gänsegeier immer weiter nach Mitteleuropa ausbreiten; auch in der Schweiz sind sie im Sommer gelegentlich zu sehen. Ob dies eine Folge des Klimawandels ist oder des Verdrängungswettbewerbs um die Nester, darüber herrscht jedenfalls noch keine Einigkeit.

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