Exotische Zedern im Schweizer Wald

Waldforscher suchen schon heute nach Baumarten, die mit dem Klima zurechtkommen, das in der Schweiz in 50 Jahren herrschen dürfte.

Könnte mit den zukünftigen Wetterverhältnissen in der Schweiz gut klar kommen: Eine Libanonzeder.

Könnte mit den zukünftigen Wetterverhältnissen in der Schweiz gut klar kommen: Eine Libanonzeder.

(Bild: Keystone)

Walter Jäggi@tagesanzeiger

Baumleben messen sich in Jahrzehnten. Die Sämlinge von heute sind die Baumriesen in 50 Jahren. Dann dürfte ein anderes Klima herrschen. Waldforscher in der Schweiz versuchen herauszufinden, welche Baumarten in den kommenden Jahren angepflanzt werden sollen, damit die Bäume später mit den neuen Klimabedingungen zurechtkommen. Im Alpenraum stellt sich das Problem besonders, denn die Auswirkungen von Klimaveränderungen sind hier ausgeprägter als in den Regionen am Meer, die von der ausgleichenden Wirkung der Wassermassen profitieren.

Die heute in der Schweiz üblichen Baumarten werden sich vermutlich nicht schnell genug an die neuen Bedingungen anpassen können. Einige werden sich aus den jetzigen Verbreitungsgebieten verabschieden. Der Schweizer Wald wird in 50 Jahren anders aussehen. Will man seine Funktionen als Schutzwald, Erholungsgebiet und Holzlieferant beibehalten, muss man eingreifen. Die Forstexperten schlagen vor, Bäume aus anderen Zonen anzupflanzen, sogenannte Gastbäume.

Sechs Hoffnungsträger im Test

Für die bereits laufenden Versuche an der Forschungsanstalt für Schnee, Wald und Landschaft (WSL) sind sechs Arten von Gastbäumen ausgewählt worden: Bornmüllers Tanne, Rumelische Föhre, Orientbuche, Silberlinde, Libanonzeder und westliche Hemlocktanne. Die aus Bulgarien, der Türkei und den USA stammenden Samen werden gegenwärtig in einer Baumschule zu Jungbäumen aufgezogen. Später sollen die Gastbäume auf zwei grossen Versuchsparzellen im Wallis und am Jurafuss gepflanzt und während einigen Jahren beobachtet werden. In Deutschland und Österreich werden parallele Versuche durchgeführt.

Aber auch ausserhalb der Alpenländer machen sich die Forscher Gedanken über die Wälder der kommenden Generationen. Dabei werden auch Versuche in Gewächshäusern mit streng kontrollierbarer Atmosphäre durchgeführt. Die französische Landwirtschaftsforschung (INRA) besitzt eine Anlage, in der Hunderte von Pflanzen von Robotern nach genauen Programmen automatisch begossen, beleuchtet, gewogen und vermessen werden. Die umfangreichen französischen und britischen Versuche mit neuen Baumarten beziehen sich auf ganz andere Klimazonen als diejenigen der Alpen. Die Schweizer Forscher verfolgen diese Arbeiten trotzdem mit Interesse, wie Anton Bürgi, Forstwissenschaftler an der WSL, sagt, denn Gemeinsamkeiten gebe es durchaus.

Auf die Pilze kommt es an

Die Gastbaum-Forschung soll zeigen, wie gut sich die exotischen Arten an neuen Standorten entwickeln, ob sie mit der Bodenchemie, dem Wetter, Krankheiten und Schädlingen zurechtkommen. Speziell untersucht werden die Wurzelpilze, die symbiotisch mit den Bäumen zusammenleben und stark zu deren Gedeihen beitragen. Müssen diese Pilze ebenfalls eingeführt werden, oder sind sie ohnehin schon im Schweizer Boden vorhanden? «Genau das wollen wir herausfinden», sagt Anton Bürgi.

Quantitativ betrachtet ist der Schweizer Wald nicht in Gefahr. Ganz im Gegenteil: Wenn oft beklagt wird, jede Sekunde verschwinde ein Quadratmeter Kulturland wegen Überbauung, darf nicht vergessen werden, dass in der Schweiz die Waldfläche jede Sekunde um zwei Quadratmeter wächst.

Unbestreitbar verändert sich aber das Klima und damit die Qualität der Wälder. Die WSL-Forscher gehen bei ihren Gastbaum-Versuchen von der Annahme aus, dass sich die Durchschnittstemperatur bis 2050 um etwa 2 Grad erhöht. Viel wichtiger als dieser statistische Klimawert sind aber die zu erwartenden Extremereignisse. Phasen von Trockenheit haben bereits zugenommen, was sich auf bestimmte Baumarten stark auswirkt. Mit der Trockenheit wächst auch die Waldbrandgefahr. Zugenommen haben zudem Stürme, welche die Bäume belasten. Und Schädlinge wie der Borkenkäfer, der zwar gegenwärtig nicht mehr in den Schlagzeilen ist, dürften ebenfalls von Klimaveränderungen profitieren.

Alles in allem wird es in den nächsten Jahrzehnten viel Stress für die Waldbäume geben. Die robusteren Arten, die nun gesucht werden, stammen aus Regionen, in denen die schwierigen Bedingungen bereits jetzt herrschen. Vor allem müssen die neuen Bäume längere Trockenperioden unbeschadet überstehen als viele der heute typischen Baumarten in der Schweiz.

Neu, aber nicht unbekannt

Die Neulinge dürfen sich aber nicht wie die gefürchteten invasiven Neophythen, gebietsfremde Pflanzen wie der Riesen-Bärenklau, übermässig ausbreiten. Anton Bürgi hat da wenig Bedenken: «Wir kennen diese Arten aus Parkbeständen schon recht gut. Es ist nicht zu befürchten, dass sie sich plötzlich unkontrolliert ausbreiten.» Beispiele für die erfolgreiche Ansiedlung von Gastbäumen gibt es bereits, vor allem die Douglasie mit ihrem wertvollen Holz hat sich bewährt. Die Robinie allerdings, die im Tessin eingeführt wurde, wird inzwischen von Naturschützern als invasiv kritisiert und bekämpft. Vorsicht ist also geboten.

Während das Projekt Gastbaumarten die Möglichkeiten prüft, mit exotischen Importen die einheimischen Arten zu ergänzen, sind die Schwierigkeiten der heimischen Arten schon gut bekannt. Buchen an feuchten Standorten, so haben die Forscher gefunden, reagieren empfindlich auf Trockenstress. Ein anderes Forschungsergebnis: Eichen und Eschen sind bessere Wassersparer als Bergahorn, Buche, Sommerlinde und Vogelkirsche. Im schweizerischen Mittelland scheint die Buche bis 2050 wenig gefährdet, dagegen ist dort die Fichte (Rottanne) immer weniger am richtigen Ort. Tendenziell werden die Nadelholzwälder gegenüber den Laubholzwäldern an Flächenanteil verlieren.

Solche Erhebungen der Wissenschaftler sind eine grosse Fleissarbeit über viele Jahre hinweg. Mit den globalen Modellen zu Klimaänderungen lässt sich in der Praxis der Forstwirtschaft kaum etwas anfangen, der geografische Raster ist viel zu grobmaschig. Es gilt, die weltweiten Daten auf die lokal sehr unterschiedlichen Verhältnisse umzurechnen. Ausserdem muss beobachtet werden, wie schnell die Veränderungen ablaufen, Modelle sind keine Prognosen.

Wenn in einigen Jahren konkrete Erfahrungen mit den Gastbäumen vorliegen, werden die Experten der WSL «vorsichtige Anbauempfehlungen» formulieren. Ob es dann gezielte Förderaktionen gibt, mit denen die Waldbesitzer zum Pflanzen der Gastbäume veranlasst werden, kann noch nicht gesagt werden.

Energieholz bleibt aktuell

Der Wald produziert bereits heute immer mehr Holz, was unter anderem dem erhöhten CO2-Gehalt der Luft zuzuschreiben ist. Wird das Holz vorwiegend als Energielieferant genutzt, trägt es bei der Verbrennung wiederum zur CO2-Belastung bei. Aus Sicht des Klimaschutzes sind daher Nutzungen des Holzes vorzuziehen, die das CO2 für längere Zeit binden. Das sind Anwendungen wie Möbel, Gebäude, aber auch Bücher und Zeitungen. Die Alpenschutzorganisation Cipra fordert eine «kaskadische Nutzung»: Holz soll erst als Bau- und Rohstoff genutzt und möglichst nur Abfälle und Nebenprodukte sollen verheizt werden. Es dürfe nicht unter dem Deckmantel des Klimaschutzes die Holznutzung zur Energiegewinnung vorangetrieben werden.

Die Gastbäume sollen in erster Linie Holz für dauerhafte Verwendungen liefern. Es ist nicht die Absicht, mit möglichst schnell wachsenden Arten viel Energieholz zu erzeugen. Das ist auch gar nicht nötig. Die Energieproduktion aus Holz liesse sich in der Schweiz selbst dann noch steigern, wenn nur die für andere Zwecke ungeeigneten Holzsorten und Holzabfälle verwendet werden. Ein Ersatz fossiler Brennstoffe durch das nachwachsende Holz sei in der Bilanz für das Klima sinnvoll. Eine Steigerung sei machbar, ohne dass die Wälder geplündert werden müssen, betont die Forstwirtschaft.

Tages-Anzeiger

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