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«Es gibt Tausende Überraschungen»

Der legendäre britische Tierfilmer und Naturforscher Sir David Attenborough, 83, über Darwin, Dinosaurier und blaugesichtige Affen, über Kreationismus und Kolibris, die Tränen von Nilpferden, Windenergie und die Frage, warum man Tieren nicht sagen kann, was sie tun sollen.

Der Naturforscher und Filmer David Attenborough ist pessimistisch für die Zukunft des Planeten.
Der Naturforscher und Filmer David Attenborough ist pessimistisch für die Zukunft des Planeten.
Keystone

Wenn Sie mit einer Zeitmaschine in der Erdgeschichte zurückreisen könnten, in welche Epoche würden Sie gerne reisen, um sich dort alles anzuschauen?David Attenborough: Wenn ich so weit zurückgehen dürfte, dann würde ich gerne die Dinosaurier sehen. Das ist natürlich ein Klischee, aber trotzdem: Es müsste sehr aufregend sein, einige der Dinosaurier lebend beobachten zu können.

Wenn wir schon bei der Erdgeschichte und der Evolution des Lebens sind: Warum haben sich ausgerechnet die Menschen entwickelt?Weil Affen keine Schrift kennen.

Gut, aber warum haben wir Schrift entwickelt?Wenn man sich die Geschichte der Schrift ansieht, fällt auf, dass sie zu dem Zeitpunkt entwickelt wurde, als die Menschen sesshaft wurden. Das wiederum hing von der Fähigkeit ab, Ackerbau zu betreiben und Haustiere zu halten. Lebt man an einem Ort, kann man Aufzeichnungen machen und eine Schrift entwickeln. So entsteht Wissen und schliesslich Wissenschaft.

Gab es in Ihrem Leben jemals einen Zeitpunkt, wo Sie sich nicht sicher waren, dass Menschen und Affen miteinander verwandt sind?Nein, daran hatte ich niemals Zweifel.

Was hat viele Menschen zu Darwins Zeit so ungeheuer an dem Gedanken schockiert?Das Alte Testament lehrte sie etwas anderes. Darin heisst es ja, dass Menschen nicht mit dem Rest des Lebens auf der Welt verbunden, sondern etwas Besonderes sind.

Kritisieren Sie das?Nicht unbedingt. Jede Gesellschaft hielt es für notwendig, eine Erzählung zu haben, die erklärt, warum wir hier sind, weil es ihnen an der wissenschaftlichen Einsicht fehlte, es anders zu sehen. Jede dieser Geschichten ist anders: Die australischen Aborigines denken, dass die ersten Menschen aus dem Maul einer Schlange ausgespieen wurden. Die Menschen in Kambodscha glauben, dass die Erde ein riesiger Milchsee war, in dem sich eine grosse Schlange wild hin und her warf, bis sich die Milch verfestigte. Und die Menschen im Mittleren Osten dachten eben, dass Gott den ersten Menschen aus Ton geformt und ihm Leben eingehaucht hat, um dann eine seiner Rippen zu verwenden, um die erste Frau zu schaffen.

Die Geschichten kommen einem ziemlich komisch vor . . .Ja, die Geschichten können nicht alle wahr sein; sie widersprechen einander. Wenn man tatsächlich wissen will, was wahr ist, dann gibt es genügend Beweise und Belege zur Entstehung der Welt. Es gibt Fossilien in der Erde. Auch Form und Konstitution unserer Körper erlauben Rückschlüsse. Wenn man sich die Belege anschaut, ist klar, dass wir vom Affen abstammen.

Darwins Evolutionstheorie ist demnach nie nur eine Theorie für Sie gewesen?Was ist eine Theorie? Der Mechanismus, der die Evolution zustande bringt. Und die bisher beste Theorie dazu heisst natürliche Selektion. Der Umstand, dass alles Leben so entstanden ist, ist ein historisches Faktum, für das die Beweislage sehr viel besser ist als für viele historische Ereignisse, die wir im Geschichtsunterricht lehren. Dazu kommt, dass viele Entdeckungen der letzten Jahrzehnte – von der Entschlüsselung der DNA bis zur Kontinentaldrift – die Evolutionstheorie weiter bestätigt haben.

Was sagen Sie dann dazu, dass auf Betreiben von Kreationisten die christliche Schöpfungsgeschichte parallel zur Evolutionstheorie als alternative Sichtweise unterrichtet wird – in einer ganzen Reihe von US-Bundesstaaten zum Beispiel?Das ist ein intellektueller Skandal. Der Kreationismus basiert nicht auf faktenbasiertem Beweismaterial. Er basiert auf Schriften. Schriften sind aber keine Wissenschaft.

Sie haben Hass-Mails von Leuten bekommen, die Ihnen vorwerfen, in Ihrer TV-Dokumentation zum Darwin-Jubiläum Gott und der Schöpfungsgeschichte zu wenig Anerkennung zu zollen. Was haben Ihnen die Leute da so geschrieben?Sie schreiben, ich möge in der Hölle schmoren und erlöst werden. Die Kreationisten haben immer schöne Lebewesen wie Kolibris im Kopf, wenn sie an die Schöpfungsgeschichte denken. Ich antworte dann, dass ich an ein kleines Kind in Ostafrika denke, in dessen Augapfel sich ein Wurm eingegraben hat. Dieser Wurm kann nur auf diese eine Weise existieren: indem er sich durch Augäpfel gräbt. Ich finde es schwierig, das mit der Vorstellung von einem gütigen, göttlichen Schöpfer in Einklang zu bringen.

In der biblischen Genesis werden die Menschen aufgefordert, sich die restliche Schöpfung untertan zu machen. Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass das Christentum mitverantwortlich ist für die Zerstörung und Ausbeutung des Planeten?Das hängt davon ab, wie man den Text des Alten Testaments übersetzt. Es ist darin die Rede davon, dass der Mensch die Herrschaft über den Rest der Erde haben soll. Das kann natürlich in verschiedener Weise interpretiert werden. Die Art, in der es gedeutet wurde, besagt, dass wir die Erde benutzen können, in welcher Weise wir wollen. Das ist nicht wahr und das Ergebnis einer bestimmten Deutung.

Was ist die Folge für den Planeten?Das, was wir rund um uns sehen. Wir haben sehr viel Natur zerstört, um Platz für uns selbst zu machen.

Haben Sie je an Gott geglaubt?Nein, auf diesen Gedanken bin ich nie gekommen.

Darwin hingegen war anfangs sehr gläubig.Er ist ja auch als Christ erzogen worden.

Erinnern Sie sich daran, wann in Ihrer Kindheit Ihr Interesse an der Natur begonnen hat?Meiner Ansicht nach entwickelt jedes Kind – ohne Ausnahme – ab dem Alter von vier oder fünf ein Interesse an der Natur, die es umgibt, und an anderen Lebewesen. Wenn wir älter werden, kommt es vor, dass wir es aus den Augen verlieren. Die, denen das passiert, versäumen allerdings einige der grössten und tiefsten Vergnügen, welche die Welt zu bieten hat. Ich bin sehr glücklich, dass mir das nicht passiert ist.

Welcher Bereich der Natur hat Sie als Kind am meisten beschäftigt? Fossilien. Ich habe Fossilien gesammelt, und ich hatte Bücher darüber. Die Grundprinzipien der Fossiliensammlerei sind sehr einfach.

Als Autor und Präsentator von Hunderten TV-Naturdokus haben Sie mehr Weltgegenden, Naturräume, Lebensformen und Tiere gesehen als jeder andere von uns. Haben Sie daraus Lehren gezogen?Ich glaube, es ist keine Lektion, eher ein Verständnis dafür, wie die Welt funktioniert, wie Pflanzen und Tiere interagieren und voneinander abhängen. Das ist es, was ich gelernt habe. Deshalb bin ich auch überzeugt, dass wir uns darauf konzentrieren müssen, Lebensräume zu schützen, nicht einzelne Arten.

Gibt es Tiere, die Sie noch nicht gesehen haben, die auf Ihrer Wunschliste ganz oben stehen?Ja, viele. Zum Beispiel einen sehr schönen und interessanten kleinen Affen, der in Südwest-China lebt. Er hat ein blaues Gesicht und eine rote Nase. Er heisst blaugesichtiger Schneeaffe. Ausserdem würde ich gerne den Langnasen-Ameisenigel aus Neuguinea sehen. Das ist ein sehr primitives Säugetier, das Eier legt. Es sieht aus wie ein Igel, der einen halben Meter lang ist.

Sie haben bekannt gegeben, dass «Kaltblütig» – die gerade auf Arte gezeigte mehrteilige Serie über Reptilien und Amphibien – Ihre letzte grosse TV-Serie sein werde. Warum?Eine grosse TV-Serie ist ein Drei- oder Vierjahresprojekt. Wenn Sie der Verantwortliche eines TV-Senders sind – ich weiss, wovon ich spreche, ich war Controller bei der BBC – und jemand kommt und sagt: «Ich habe eine wunderbare Idee für eine 13-teilige Natur-Doku. Das wird Sie 10 Millionen Pfund kosten, und wenn die Serie fertig ist, bin ich 86 Jahre alt.» Was würden Sie dazu sagen? Also mache ich nur noch kleinere Programme.

Anfang Mai sind sie 83 geworden. Ihre nächste Reise führt in die Antarktis. Ist das nicht zu anstrengend für Sie?Wenn Sie einen gealterten Sendungs-Präsentator haben, gibt es immer auch ein Back-up-Team von wirklich hartgesottenen, jungen Männern mit behaarter Brust und ärmellosen Muskelshirts. Verliert der Präsentator auf einem Antarktis-Gletscher einen seiner Handschuhe, haben sie sicher einen Ersatzhandschuh für ihn dabei.

Wie sehen Sie sich selbst denn? Als Geschichtenerzähler, als Naturforscher, als Journalist . . .Ich sehe mich als Filmemacher.

Wären Sie gerne Wissenschaftler geworden?Ja, Zoologe. Etwas Neues zu entdecken, muss sehr aufregend sein.

Warum sind Sie es dann nicht geworden?Ich habe in Cambridge Naturwissenschaften studiert, aber dann musste ich nach Kriegsende zur Navy. Als ich rauskam, fand ich, ich müsse nun meinen Lebensunterhalt selber verdienen.

Welche Erkenntnisse haben Sie wirklich überrascht?Wenn man mit der Natur zu tun hat, kann man an jedem einzelnen Wochentag einer neuen Überraschung begegnen. Es gibt Tausende Überraschungen, zum Beispiel, dass es einen Wurm gibt, der nur in den Tränen von Nilpferden lebt.

Lange Zeit waren Sie für Ihre Diplomatie bekannt, für Ihre Neigung, Kontroversen aus dem Weg zu gehen. Inzwischen äussern Sie Ihre Meinungen dezidierter. Stimmt dieser Eindruck?Ich mache sehr objektive Filme, und möchte die Welt zeigen, wie sie ist. Ich mache keine Propaganda und versuche, nicht einen bestimmten Standpunkt einzunehmen, den ich gegenüber anderen Standpunkten verteidige. Ausser wenn ich mir ganz sicher bin, dass das, worüber ich spreche, eine Tatsache ist und keine Meinung. Deshalb habe ich so lange keine Filme über den Klimawandel gemacht, weil ich mir nicht ganz sicher war, dass er ein Faktum ist.

Was hat Sie davon überzeugt?Eine ganze Serie von Fakten, vor allem aber der Vortrag eines sehr renommierten amerikanischen Klimatologen, den ich in Belgien gehört habe. Er zeigte eine Reihe von Grafiken zu chemischen Zusammensetzungen zur Atmosphäre über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Sind Sie pessimistisch, was die Zukunft des Planeten angeht?Ich bin überzeugt davon, dass der Planet sich verändern wird und dass es uns nicht so gut gehen wird wie bisher. Der Klimawandel wird unser Leben auf der Erde zum Schlechteren verändern.

Ist es zu spät, diesen Prozess rückgängig zu machen?Es ist für nichts zu spät. Es ist nur zu spät, zu verhindern, dass sich der Prozess des Klimawandels fortsetzt. Aber je mehr wir dagegen tun, desto weniger schlimm wird es werden.

Was sind die sinnvollsten Strategien?Wir müssen vor allem Energiequellen ohne schädliche Nebenwirkungen erschliessen.

Windenergie zum Beispiel. – Der Anblick der riesigen Windparks macht Ihnen nichts aus? Man kann darüber diskutieren, ob sie schön sind oder nicht. Worüber man aber nicht diskutieren kann, ist, dass wir Wege der Energiegewinnung finden müssen, die keine negativen Umwelteffekte haben.

Was kann der Einzelne tun?Energie sparen. Ausserdem kann man politische Parteien unterstützen, die Klimawandel- und Energiefragen ganz oben auf ihrer Agenda stehen haben.

Wird Barack Obamas Richtungswechsel der US-Politik einen Unterschied machen?Einen gewissen Unterschied sicher. Wie viel, weiss ich nicht. Es war aber auf jeden Fall ein Desaster, dass die vorhergehende US-Regierung unter George W. Bush nicht imstande war, die wissenschaftlichen Fakten zum Klimawandel zu verstehen und darauf zu reagieren.

Ihr älterer Bruder Richard Attenborough ist ein berühmter Regisseur und Schauspieler. Sind Ihre Methoden ähnlich oder verschieden?Vollkommen verschieden. Er setzt Schauspieler ein, ich arbeite mit den tatsächlichen Dingen. Er erfindet Geschichten, während ich Geschichten filme, denen ich in der Wirklichkeit begegne. Er sagt Schauspielern, was sie tun sollen. Ich hingegen beobachte Tiere einfach, schon allein deswegen, weil ich ihnen nicht sagen kann, was sie tun sollen.

Haben Sie nie daran gedacht, Naturfilme fürs Kino zu machen?Das Kino hat es nie geschafft, grosse naturhistorische Filme zu zeigen. Wenn man will, dass die Leute ins Kino gehen, muss man Filme zeigen, die länger als 30, 45 oder 60 Minuten sind. Man braucht eineinhalb oder zwei Stunden. Diese Filmlänge ist schwer durchzuhalten ohne eine Story, einen narrativen Faden, der die Aufmerksamkeit des Publikums hält. Mit Filmen über die Natur geht das nicht: Wenn man anfängt, der Natur Geschichten einzuschreiben, fängt man auch an, sie zu verändern.

Die Walt-Disney-Naturfilme aus den 1950er-Jahren taten genau das. Sie vermenschlichten Tiere und erzählten Geschichten – und sie hatten gigantischen Erfolg. Widerstrebt Ihnen diese Art von Film?Nein, zu ihrer Zeit waren das bemerkenswerte Filme. Mich haben sie jedenfalls sehr beeinflusst. Ganz wunderbar!

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