Die Zunahme des Plastikmülls ist alarmierend

Die Menge an Plastikmüll wird sich bis 2030 um bis zu 80 Prozent erhöhen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht.

Die Umwelt wird zerstört: Plastikmüll am Ostseestrand zwischen Juliusruh und Glowe auf der Insel Rügen. (24. Oktober 2018)

Die Umwelt wird zerstört: Plastikmüll am Ostseestrand zwischen Juliusruh und Glowe auf der Insel Rügen. (24. Oktober 2018)

(Bild: Keystone Stefan Sauer)

Trotz aller politischen Anstrengungen und Verordnungen wird sich weltweit die Menge an Plastikmüll bis in zwölf Jahren um bis zu 80 Prozent erhöhen. Das sagt eine Analyse der Unternehmensberatung McKinsey & Company. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Die Recyclingquote könnte sich gleichzeitig von momentan 16 Prozent auf bis zu 50 Prozent steigern.

In Europa wird es auch mehr Plastikmüll geben. Doch die Zunahmen sind im internationalen Vergleich weniger dramatisch: In Europa wird die Menge an Plastikmüll um rund 12 Prozent auf rund 40,9 Millionen Tonnen wachsen. Die Unternehmensberatung hat die weltweiten Produktions- und Lebenszyklen der wichtigsten Kunststoffe analysiert, und demgegenüber existierende und vielversprechende Plastikverwertungstechnologien auf deren ökonomisches und ökologisches Potenzial untersucht.

Weltweit wurden 2016 der Analyse zufolge rund 260 Millionen Tonnen Plastikmüll produziert. Mehr als die Hälfte davon – 150 Millionen Tonnen – entfielen auf so genannte kurzlebige Anwendungen. Dazu zählen Plastikverpackungen wie Tüten, Wegwerfbecher, Strohhalme, Folien oder Einwegflaschen. 110 Millionen Tonnen Plastikmüll wurden durch «langlebige Anwendungen» verursacht. Dazu zählt Plastik, das erst nach mehrjährigem Gebrauch auf dem Müll landet, zum Beispiel in Form von Stossstangen, Fensterrahmen oder Rohren aus PVC.

Video: Iss die Flasche, spare Müll

Kampf gegen Plastikmüll: Getränke in essbaren Kugeln. (Video: Reuters)

Nur gut 16 Prozent (40 Millionen Tonnen) des gesamten Plastikmülls wurden für Recycling gesammelt. Die restlichen 220 Millionen Tonnen wurden zu 25 Prozent verbrannt oder landeten zu 40 Prozent (105 Millionen Tonnen) auf Landdeponien oder zu 20 Prozent (50 Millionen Tonnen) unreguliert in der Umwelt auf Müllkippen oder in den Weltmeeren, mit teils verheerenden Konsequenzen für die Natur.

Recyclingquote verbessert sich

McKinsey geht davon aus, dass die weltweite Menge Plastikmüll bis 2030 um rund 80 Prozent auf dann 440 Millionen Tonnen steigen wird. «Viele aufstrebende Volkswirtschaften haben Nachholbedarf: Die Zahl an Autos sowie deren Konstruktionsweise, die Zahl an Konsumgüterprodukten sowie der Wohnungsbau in Städten werden gerade in Asien und Afrika enorm zunehmen», begründet McKinsey-Seniorpartner Jakob Fischer diese Entwicklung. «Das lässt sich nicht aufhalten.»

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die Recyclingquote kann weltweit gleichzeitig auf bis zu 50 Prozent steigen. Als Treiber dieser Entwicklung sieht Fischer insbesondere die Chemieindustrie, die die technologischen Fertigkeiten habe, um das wachsende Umweltbewusstsein sowie die Nachfrage der Konsumgüterindustrie nach recycelten Materialien zu erfüllen. Positiver Nebeneffekt der hohen Recyclingquote: Es wird kaum noch Müll unreguliert entsorgt werden (weniger als 1 Prozent) oder auf Landdeponien enden (18 Prozent). Dafür wird sich der Anteil des Plastikmülls, der verbrannt wird, um sechs Prozentpunkte auf 31 Prozent (136 Millionen Tonnen) erhöhen.

Europa schneidet gut ab

Europa schneidet der Analyse zufolge im internationalen Vergleich mit einer Recyclingquote von aktuell rund 22 Prozent gut ab. Bis 2030 könnte die Quote rund 65 Prozent betragen. Diese Verdreifachung kann McKinsey zufolge aber nicht nur durch herkömmliches Recycling gelingen, sondern auch durch neue Verfahren, um aus Plastik Öl und chemische Zwischenprodukte zurückzugewinnen. Von den rund 7,3 Millionen Tonnen Plastikmüll im Jahr 2016 wurde zudem so gut wie kein Müll unreguliert in die Umwelt entsorgt.

Grundsätzlich könnte die Recyclingquote noch höher sein. Aber: «Eine grosse Herausforderung im Recycling sind dünne Plastiktüten und -folien», stellt McKinsey-Partner Theo Jan Simons fest. Auf Grund des häufig hohen Verschmutzungsgrads könnten diese nicht mit herkömmlichen Recyclingmethoden verwertet werden. Neben der Verbrennung zur Energierückgewinnung sieht McKinsey deshalb Potenzial in der so genannten Pyrolyse. Dies ist ein Verfahren, in dem aus diesem «Niederqualitätsmüll» unter Sauertoffausschluss wieder Flüssigrohstoff, also Öl respektive Naphtha gewonnen wird.

Ein wirtschaftliches Potenzial vorhanden

Dieser Rohstoff steht dann anschliessend entweder für neue Kunststoffproduktion oder für die Beimischung zu Treibstoffen zur Verfügung, wodurch die notwendige Menge an neu zu förderndem Rohöl reduziert werden könnte. Berater Simons: «Diese Technologie stellt für die Chemieindustrie vor allem in Asien potenziell ein grosses Wirtschaftsfeld dar.» Deshalb gebe es gegenwärtig schon viele sowohl etablierte als auch junge Unternehmen, die sich mit der wirtschaftlichen Umsetzung dieses Verfahrens auseinandersetzen. Insgesamt geht McKinsey im Markt für Plastikrecycling von einem wirtschaftlichen Potenzial von bis zu 70 Milliarden Euro aus.

Um der Plastikmüllproduktion Herr zu werden und deutlich höhere Recyclingquoten zu erzielen, sind nach Ansicht von Berater Simons zum einen signifikante Investitionen erforderlich, zum anderen eine Zusammenarbeit aller relevanten Akteure entlang der Wertschöpfungskette: Angefangen beim Gesetzgeber, der Chemieindustrie und kunststoffverarbeitenden Unternehmen, Verpackungs- und Konsumgüterindustrie, sowie nicht zuletzt dem Verbraucher, der durch sein Verhalten die Entwicklungen massgeblich mitbestimmt. Dabei erhöht sich aktuell der Druck auf die Industrie, was sich in weltweiten Verboten von Plastiktüten und sonstigem Verpackungsmüll zeigt, unter anderem in der EU, die mit ihrer Verabschiedung der Verpackungsmüllverordnung bereits neue Rahmenbedingungen geschaffen hat.

fal/sda

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