Die Tricks der Tierfilmer

Aufblasbare Löwen und hochmoderne Roboter: Warum Naturdokus immer spektakulärer werden.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Wer sich eine dieser spektakulären neuen Naturdokumentationen im Fernsehen, auf Netflix, DVD oder Blu-Ray anschaut, wird gebannt, staunend, vielleicht sogar gerührt vor dem Bildschirm sitzen – und sich fragen, wie die Filmer das hinbekommen haben. Denn der Aufwand, der dahintersteckt, ist gigantisch. Die Entstehung von «Blue Planet II» zum Beispiel, dem neusten Wurf der BBC Natural History Unit, dauerte fünf Jahre und erforderte mehr als 6000 Unterwasseraufnahmen aus etwa 4000 Tauchgängen von 125 Expeditionen in 39 Ländern.

Wie in den meisten Naturdokus dieser Grössenordnung war ­alles detailliert geplant, bevor auch nur eine Minute gedreht wurde. Es ist dann das Problem der Filmer, wie sie das gewünschte ­Material in den Kasten bekommen. Bei «Blue Planet II» sollten sie unter anderem Orcas bei ihrer Jagd auf einen riesigen Heringschwarm verfolgen.

Buckelwale können 100 Kilogramm Fisch auf einmal schlucken

Nur: So ein Schwertwal kann bis zu fünf Tonnen wiegen, und zudem tummelten sich in der ­Region mehrere Buckelwale, die 100 Kilogramm Fisch auf einmal schlucken können. Die Gefahr für die Crew, während der Jagd zwischen die Fronten zu geraten, war viel zu gross. Schliesslich schaffte sie es, per Saugnapf eine Kamera auf dem Rücken eines Orcas anzubringen, die sich später löste und per Signal geortet werden konnte – das Resultat ist in der BBC-Miniserie zu sehen, die am letzten Sonntag mit grossem Starauflauf Premiere feierte.

Offizieller Trailer zu «Blue Planet II». Video: Youtube/BBC

Gelegentlich müssen Filmer die Natur jedoch manipulieren, um zu ihren Aufnahmen zu kommen. Die Dokumentation «Cruel Camera» war 1982 eine der ersten, die Tricksereien aufdeckte, 2010 gewährte der Regisseur Chris Palmer im Buch «Shooting in the Wild» einen Insiderblick in die Arbeitsweisen von Naturfilmern. Es kämen auch zahme Tiere zum Einsatz, es werde in künstlichen Umgebungen gefilmt, Wölfe würden mit toten Tieren angelockt, um Fressszenen einzufangen, oder man greife auf Archivmaterial zurück.

Die Aufnahmen wirken auf viele entspannend

Naturdokumentationen sind logischerweise immer eine Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität. Denn würden die Filme ohne Drehbuch eins zu eins abbilden, was sich tatsächlich in der Wildnis abspielt, würde sich spätestens nach einer halben Stunde der letzte Zuschauer ausklinken. Die meisten Filmer halten sich aber an den Kodex, nichts zu zeigen, was sich nicht genau so auch tatsächlich zutragen könnte.

Den Reiz solcher Dokus beeinträchtigt dies jedoch nicht. Im Gegenteil. Es sind ja nicht allein die technisch hochstehend produzierten Szenen, die einen fesseln, sondern auch die dramaturgisch geschickt erzählten Geschichten darum herum – ganz besonders mit der Stimme von Sir David Attenborough. Wenn er von Raubkatzen spricht, die sich an ihre Opfer anpirschen, oder von vermeintlich Todgeweihten, die ihren Verfolgern in allerletzter Sekunde entkommen, ist man als Zuschauer gefesselt wie von einem Thriller.

Nicht nur das. Forscher der Uni Berkeley haben diesen Frühling im Auftrag der BBC 7500 Zuschauern weltweit verschiedene Ausschnitte aus News, Dramafilmen und «Planet Earth II» vorgespielt. Obwohl Naturdokumentationen vor allem Männer zu faszinieren scheinen, waren es mehrheitlich Frauen und junge Testpersonen von 16 bis 24 Jahren, auf die die Aufnahmen eine entspannende Wirkung hatten – im Gegensatz zu News und Dramas. Positive Emotionen schwappten hingegen auf alle Zuschauer über. Das lässt sich am Sonntagabend beim zweiten Teil von «Blue Planet II» auf BBC One überprüfen.

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