Der Tomatendieb

Nachgehackt

Die Tomaten sind Pflicht und Kür, Stolz und Sorge unserer Gartenbloggerin. Ausgerechnet diese stibitzt ein frecher Dieb direkt ab Strauch.

Ein Räuber hat es auf die zart rotbackigen Früchte der Autorin abgesehen. (Symbolbild)

Ein Räuber hat es auf die zart rotbackigen Früchte der Autorin abgesehen. (Symbolbild)

(Bild: Madeleine Schoder)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Als Gemüsegärtnerin lebt man saisonal. Aber die Saison entspricht nie ganz der Saison in Läden und auf dem Märit. Wenns dort Gurken gibt, blühen meine vielleicht gerade knapp. Werden dann die Kürbisse verkauft, sind meine noch grün. Und wenn es dort längst keine einheimischen Tomaten mehr gibt, ist mein Vorrat noch lange nicht zu Ende. Natürlich reifen die Tomaten im Oktober nur noch langsam, sie sind auch nicht mehr so geschmackvoll wie im Hochsommer. Aber es sind Tomaten.

Das heisst, es wären Tomaten. Wenn nicht seit ein paar Wochen ein fieser Dieb die erst zart rotbackigen Früchte direkt ab Strauch stibitzen würde.

Ausgerechnet die Tomaten! Sie sind Pflicht und Kür, Stolz und Sorge. Keine der anderen Pflanzen in meinem Garten bekommt von Februar, wenn ich sie säe, bis Ende Oktober, wenn ich die letzten ernte, so viel Aufmerksamkeit. Sie werden gehätschelt, betrachtet, berochen, bestaunt und an­gefeuert. Jeden Tag könnte ich Tomaten essen, wenns sein muss, kiloweise – nur kann ich das jetzt nicht mehr, weil sich jemand anderer sagt, dass auch er jeden Tag Tomaten will.

Nein, es sind keine Schnecken, weil Schleimspuren gibt es da keine. Es sind auch nicht die fiesen grünen Raupen, die sich letztes Jahr noch genüsslich durch meine Früchte gefressen haben. Gegen sie habe ich in diesem Jahr vor­gesorgt, habe Tagetes rund um die Tomatensetzlinge gepflanzt. Die stark duftenden Blumen sollen die weisse Fliege abhalten und sind gut gegen Bodenmüdigkeit. Ob sie auch gegen die Tomatenraupen helfen, ist zwar nicht belegt, aber ich habe dieses Jahr keine einzige entdeckt.

Zurück zum Dieb: Er beisst direkt von der Tomate ab, man sieht Zahnspuren. Und er ist ein Vielfresser, eine mittelgrosse Tomate verzehrt er in etwa drei Tagen. Zudem kann er klettern oder ist sehr gross, denn er kommt auch problemlos an die Früchte ineineinhalb Meter Höhe, ohnedass Blätter oder Zweige abbrechen würden.

Was habe ich nicht alles versucht, um ihn auf frischer Tat zu ertappen! Bin auf leisen Sohlen von hinten zum Tomatenhaus geschlichen, um dann in einem Riesensprung vor dem Haus zu landen. Überraschung! Bin frühmorgens, noch in der Dämmerung, raus. Habe das Haus heimlich beobachtet. Bin nachts mit der Taschenlampe das Tomatenhaus abgeschritten. Nichts!

Das Internet sagt, es könnten Mäuse sein. Oder ein Eichhörnchen. Vielleicht gar ein Waschbär. Meine Mutter sagt, es könnte ein Marder sein. Mein Mann sagt, es könnte ein Reh sein. Der Kollege sagt, vielleicht sei es ein Fuchs.

Ich weiss nur, dass es keins der Kinder ist. Und dass ich langsam genug habe. Schluss, aus. Die noch grünen oder erst zart roten Tomaten ernte ich ab, die angefressenen werfe ich weg, die Pflanzen reisse ich aus, auf den Mist damit.

Die geernteten Tomaten lasse ich nachreifen, so dauert das Glücksgefühl bis in den November. Ich habe ein paar Äpfel hinzugelegt, sie sondern ein Gas ab, das den Reifungsprozess beschleunigt. Ich stelle sie in den Heizungsraum, Licht brauchen sie nicht. Nur Schutz vor frechen Dieben.

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