Der Frühling startet immer früher

Wegen des Klimawandels verschiebt sich die Blüte der Pflanzen kontinuierlich nach vorne. Was das für Folgen hat.

Der allgemeine Temperaturanstieg bringt das Ökosystem durcheinander: Ein blühender Baum in Lausen im Kanton Baselland.

Der allgemeine Temperaturanstieg bringt das Ökosystem durcheinander: Ein blühender Baum in Lausen im Kanton Baselland.

(Bild: Keystone)

Yannick Wiget@yannickw3
Mathias Lutz@mathiaslutz

Streng genommen begann der kalendarische Frühling erst letzte Woche. Doch gefühlt war er schon im Februar da, als ein anhaltendes Hochdruckwetter der Schweiz ungewöhnlich viel Sonnenschein und warme Temperaturen brachte. Dieses Jahr wurde landesweit einer der zehn mildesten Februarmonate seit Messbeginn verzeichnet. Auf der Alpensüdseite sorgte der Föhn sogar schon im Januar dafür, dass es in manchen Regionen so mild war wie noch nie seit 150 Jahren.

Das hat Auswirkungen auf die Entwicklung der Pflanzen. Für sie ist die Temperatur ein zentraler Faktor. Schon kurz nach Weihnachten wurden in Lugano mässige Haselpollen­konzentrationen gemessen – das viertfrüheste Datum seit Messbeginn. «Landesweit blühten Haselsträucher etwa acht Tage eher als im Mittel», sagt Regula Gehrig von Meteo Schweiz.

Damit setzt sich 2019 ein Trend fort: Der Zeitpunkt, an dem die Pflanzen aus dem Winterschlaf erwachen, schiebt sich immer weiter nach vorne. Seit den 1990er-Jahren hat der Frühling im Vergleich zum langjährigen Mittel (1981–2010) fast immer früh oder sehr früh begonnen.

Um den Frühlingsindex zu bestimmen, erfasst Meteo Schweiz an rund 80 Stationen seines Messnetzes, wann die Pflanzen zu spriessen beginnen. Die Auswertung verdeutlicht, wie stark sich der Klimawandel auf die Vegetation auswirkt. Die Erle beispielsweise blüht heute 13 Tage früher als noch vor 50 Jahren, Hasel rund 15 Tage früher.

«Nicht alle Pflanzen reagieren aber gleich auf Temperaturänderungen», sagt Gehrig. Das zeige sich bei den zwei längsten Messreihen, auf die Meteo Schweiz zurückgreifen könne. So wird in der Stadt Genf seit 1808 ein Rosskastanienbaum beobachtet, der bis ins Jahr 1900 oft erst im April seinen Blattausbruch hatte. Dann setzte ein deutlicher Trend zu früheren Eintrittsterminen ein, sodass sich die Blätter heute im März oder sogar schon im Februar entfalten (siehe gewichtetes Mittel).

Der Hauptgrund für diese Entwicklung ist der globale Temperaturanstieg. Bauliche Veränderungen in der Umgebung und eine stärkere Erwärmung in einer Stadt wie Genf spielen aber ebenfalls eine Rolle. «Grundsätzlich ist es in Städten 1 bis 2 Grad wärmer als auf dem Land. Deshalb blühen die Pflanzen tendenziell früher», erklärt Gehrig.

Das zeigt sich beim Vergleich mit einem wilden Kirschbaum, der in Liestal bei Basel am Waldrand steht, also in einer ländlichen Umgebung. Er wird seit 1894 untersucht und blüht inzwischen ebenfalls früher als noch in den ersten Jahrzehnten der Beobachtung. Der klare Trend zur früheren Blüte setzte aber erst um das Jahr 1990 ein, also viel später als bei der Kastanie in Genf.

Früher begann der Kirschbaum, immer etwa Mitte April zu blühen, jetzt ist das schon Anfang Monat oder sogar schon im März der Fall, wie wohl auch dieses Jahr. Gehrig erwartet, dass die erste Meldung aus Liestal in den nächsten Tagen kommt. Ein anderer Kirschbaum in der Umgebung hat schon am 21. März Blüten getragen.

«Der Rhythmus zwischen Pflanzen und Tieren stimmt nicht mehr überein.»Regula Gehrig, Meteo Schweiz

Viele Menschen freuen sich, wenn der Frühling kommt und die Temperaturen steigen. Dass die meisten Sträucher und Bäume in der Schweiz immer früher spriessen, hat für das Ökosystem aber negative Folgen. «Der Rhythmus zwischen Pflanzen, Insekten und Vögeln stimmt nicht mehr überein», sagt Gehrig. «Bäume blühen zum Teil schon, wenn die Insekten noch nicht da sind. Dann gibt es weniger Bestäubung und deshalb weniger Früchte.»

Pflanzen- und Tierwelt sind voneinander abhängig. Und die Verschiebung der Jahreszeiten bringt Beziehungen zwischen den Arten durcheinander. Wenn Pflanzen, welche die Insekten als Nahrung nach dem Schlüpfen brauchen, nicht mehr oder noch nicht wachsen, verhungern die Tiere – und fehlen ihrerseits den Vögeln als Nahrung für deren Brut.

«Die Klimaerwärmung steigert das Risiko für Frostschäden bei Bäumen.»ETH Zürich

Ein anderes Problem ist das wechselhafte Gesicht des Frühlings. Im April sorgt kalte Polarluft oft für eine unbeständige Witterung, und Pflanzen sind laut Gehrig «am anfälligsten während der Blüte oder der Blattentfaltung». Forscher der Zürcher ETH haben jüngst festgestellt, dass mit einem warmen Frühjahr das Risiko für Frostschäden bei Bäumen und Büschen steigen kann. Die Pflanzen treiben nämlich früher aus und sind so vor überraschender Kälte im späten Frühjahr schlechter geschützt.

Aber auch für den Menschen hat die Verschiebung der Jahreszeiten Folgen. Laut einer Studie der Universität Neuenburg und des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung ist die Schnee- und damit die Skisaison heute fast 40 Tage kürzer als noch 1970. Krankheitserreger und Schädlinge, die hier bislang nicht heimisch waren, können mit den warmen Temperaturen besser überleben und sich ausbreiten. Zudem setzt der Pollenflug früher ein. Für Allergiker heisst das noch früher niesen, Augen reiben, schniefen. Falls sich der Klimawandel so fortsetzt wie bisher, könnte sich all das weiter verschärfen.

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